Abends, nach acht

Kehrseite An diesem Abend empfindet der eilige Fußgänger die Stille in den dunklen Nebenstraßen der Großstadt eher als langweilig. Die Straßenlampen geben ihm ...

An diesem Abend empfindet der eilige Fußgänger die Stille in den dunklen Nebenstraßen der Großstadt eher als langweilig. Die Straßenlampen geben ihm gerade so viel Orientierung, dass er seinen Weg findet, doch außerhalb ihres Lichtkegels begegnen ihm Vorgärten, Häuser und Bäume als gleichgültig schweigende Schatten. Da horcht er schon auf, wenn er von fern ein undeutliches Geräusch vernimmt, das er bald darauf als von hinter ihm herkommend ausmacht. Ein leises, gleichförmig tickendes Getrappel. Aber er hat keinen Grund, sich umzudrehen, denn plötzlich ist es abgebrochen und verweht. Er geht weiter, und bald darauf beginnt es hinter ihm erneut zu ticken: schnell, sanft, beinahe samten. Was könnte das sein? Eine Katze mit zu langen Krallen? Ein Hund? Er bleibt stehen, dreht sich um, und sofort bricht das Ticken ab. Die Straße hinter ihm sieht nicht anders aus als vor ihm: Verlassene Bürgersteige, leerer Fahrdamm, stumme Häuser, wenige erleuchtete Fenster. Nichts als dämmrige Verschwiegenheit. Was also bedeutete das Ticken? Die schwach beleuchtete Dunkelheit gibt ihr Geheimnis nicht preis. So nimmt er seinen eiligen Gang wieder auf, und kurz darauf setzt auch das Ticken wieder ein, regelmäßig, exakt und schnell. Jetzt scheint es näher zu kommen. Wird es nicht etwas lauter? Nicht wirklich, denkt er. Oder doch? Diesmal dreht er sich nicht mehr um. Das leise Ticken bricht nicht ab. Jetzt wendet der Fußgänger immerhin den Kopf nach links und blickt auf die Fahrbahn. Dort bewegt sich tatsächlich etwas, ein größerer Schatten, dessen Form nicht genau erkennbar ist. Es muss ein Tier sein, das jetzt, in diesem Moment, an ihm vorbeizieht und nun auf dem Fahrdamm vor ihm herläuft. Schnell erreicht es den Kreis der nächsten Lampe und hier ist es deutlich zu erkennen. Ein Fuchs! Mitten in Berlin. Ein anmutiges Tier. Schlank, hellbraunes Fell, voller buschiger Schwanz mit einer weißen Spitze am Ende, die nun dicht über dem Asphalt aus dem Lichtkreis der Straßenlampe schwebt, hinein in die Dunkelheit. Der Fuchs rennt weiter und unter der nächsten Lampe bleibt er stehen. Er dreht sich um, die Schnauze leicht geöffnet, und fixiert den Fußgänger. Er blickt ihm entgegen, als warte er auf ihn. Reglos steht er da und rührt sich nicht. Irgendetwas blitzt in seinen kreisrunden Augen. Ein leichter Schrecken durchfährt den Mann auf der Straße. Vor zahmen Füchsen, fällt ihm ein, soll man sich hüten, sie könnten Tollwut haben und beißen. Wieso ist er überhaupt in die Stadt gekommen, hat er´s nicht besser im Wald, was will er denn hier? Der Fuchs steht immer noch bewegungslos und starrt dem Fußgänger entgegen. Was verheißen diese rätselhaften Augen, in denen es immer noch blitzt? Lauert er gierig? Wartet er freundlich? Was ist zu tun? Am besten keine unbedachte Bewegung, nichts, das ihn irritieren könnte, immer schön weiterlaufen wie bisher. Äußerlich ruhig und gefasst geht er dem Tier entgegen. Als er auf gleicher Höhe mit ihm ist, reißt der Fuchs den Kopf herum und eilt auf dem Fahrdamm voran, schnurgerade in die Mitte der Straße, direkt auf die nächste Kreuzung zu, nichts hinterlassend als sein trockenes Ticken. Der Fußgänger ist erleichtert, aber immer noch angespannt. Später wird er an die Rückeroberung der Städte durch die geschändete Natur denken, an das Eindringen des mächtigen Urwalds, an Schlingpflanzen und reißende Raubtiere, die dieser Zivilisation den Garaus machen. Aber er wird den Gedanken bald wieder verwerfen - zu monströs für eine derart unschuldige Begegnung. Obwohl, Füchse sind Raubtiere ... Der Fuchs hat das Ende der Straße erreicht und steht mitten auf einer Kreuzung. Er steht tatsächlich genau in der Mitte und schaut von hier aus in alle vier Richtungen. Er sieht sich um. Er weiß nicht, wohin. Die Gegend muss ihm fremd sein. Wie kann er nur so seelenruhig mitten auf der Kreuzung stehen? Nur gut, dass sich weit und breit kein Auto ankündigt. Der Fuchs hat gewählt, wendet sich nach rechts und ist mit einem Mal dem Blickfeld des Fußgängers entschwunden. Der hat die Kreuzung noch nicht erreicht, müsste doch eigentlich links entlang, entscheidet sich jetzt aber, dem Fuchs zu folgen. Wo will er überhaupt die Nacht verbringen, fragt er sich, wie will er sich in der Stadt ernähren? Als er die Kreuzung erreicht hat und nach rechts schaut, sieht er in eine leere Straße. Der Fuchs ist verschwunden. Ist er in einen der Vorgärten abgetaucht? Nichts zu sehen, nichts zu hören. Jetzt gibt es nur noch eine Möglichkeit - die nächste Straße geht nach links ab. Der Fußgänger entfernt sich immer weiter von seinem Ziel, er will unbedingt wissen, wohin es den Fuchs zieht. Als er den nächsten Abzweig erreicht hat, sieht er ihn die Straße entlangstürmen, als jagte er eine Beute. Tatsächlich aber rennt er direkt auf die Hauptstraße zu, deren Lichter in einiger Entfernung hell leuchten. Sie wird seinen Weg kreuzen. Da braust der übliche Autoverkehr und eine Straßenbahn. Unmöglich für ihn, die Straße zu überqueren, er würde platt gewalzt. Dennoch hält er unverändert auf sie zu, bald hat er sie erreicht. Dort wird er ein Internetcafé vorfinden, einen Supermarkt, einen Gemüseladen und ein Kino. Plötzlich schlägt er einen Haken, schnellt nach rechts und ist in einem der Gärten verschwunden. Hier wird er sich nicht mehr aufstöbern lassen. Die Dunkelheit hat ihn verschluckt, und der Fußgänger ist nicht sicher, ob es ihn erleichtert oder ob er es bedauern soll, dass er ihn nicht wiedersehen wird.

00:00 16.01.2004
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