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Linksbündig Der "Kampf um die besten Köpfe" vernebelt die Wahl der Mittel: der IQ-Test ist wieder da

Als Hans Magnus Enzensberger vor kurzem unter dem Titel Im Irrgarten der Intelligenz einen kritischen Essay zum Konzept der IQ-Tests vorlegte, argwöhnten manche Rezensenten, der Schriftsteller habe sich das falsche Thema vorgenommen. Denn, so etwa Christian Geyer in der FAZ, solche Tests seien "wegen ihres sozialen Selektionsanspruchs ja längst aus dem offiziellen Verkehr der Leistungsbewertung gezogen worden" und hätten "heute nur noch den Rang einer Marotte". "Den ganzen Enzensberger-Apparat gegen einen Gegner in Stellung bringen, der schon am Boden liegt", das mache keinen Sinn.

Geyer hätte einen Blick nach Freiburg und Konstanz werfen sollen. Denn die Universitäten beider Städte, die seit letztem Sommersemester allgemeine Studiengebühren von 500 Euro fordern, gewähren ihren Studierenden die Möglichkeit, sich ab einem Intelligenzquotienten von 130 von den Gebühren befreien zu lassen. Und zwar zunächst für drei Semester. In dieser Zeit, so sieht es das Konzept vor, das unter dem Motto "Der Kampf um die besten Köpfe" steht, können sie dann versuchen, ein Stipendium bei einem der deutschen Förderungswerke zu ergattern. Das zöge die endgültige Befreiung von den Gebühren nach sich, denn Stipendiaten sind an diesen Universitäten grundsätzlich von der Zahlungspflicht entbunden. Um den Nachweis zu erbringen, dass der IQ mindestens bei 130 liegt, muss man einen Intelligenztest ablegen oder Mitglied des Hochbegabtenvereins Mensa sein, zu dem man auch nur über einen solchen Test Zugang bekommt.

Immerhin: Die Asten der Universitäten haben angekündigt, großflächiges Intelligenztesttraining anzubieten. Schließlich lassen diese Tests sich mit ein wenig Übung relativ leicht knacken - liegt ihre von Enzensberger beschriebene "Idiotie" doch darin, dass sie im weitesten Sinn Knobelaufgaben mit eindeutigen Antworten sind, mit denen man vor allem zur groben Einschätzung technokratischer Eigenschaften kommen kann. Man darf also hoffen, dass in Freiburg und Konstanz demnächst relativ viele Studierende mit IQs über 130 herumlaufen werden. Diejenigen hingegen, die bloß ein Testergebnis von 129 erreicht haben, wollen gegen die Hochschulen klagen.

Nun geht es hier natürlich um mehr als um die Frage nach Sinn von IQ-Tests. Auch wenn es bessere Möglichkeiten gäbe, Intelligenz zu messen, bliebe diese Politik das, was sie ist: eine zynische Selektion und ein weiterer Höhepunkt jener ruinösen Bewegung, die unter dem Titel der Reform an den deutschen Hochschulen Realitäten schafft, die noch vor einigen Jahren höchstens als schlechter Einfall eines Politkabarettisten durchgegangen wären. Auch an diesem Beispiel lassen sich zwei der wichtigsten Charakteristika dieses Zerstörungsprozesses ablesen: Zum einen stellt sich die "Reform" immer wieder als brutale Ökonomisierung dar, die zur Verkürzung jeglicher universitärer Inhalte führt, sich zugleich aber mit einer um so kostspieligeren Explosion von Bürokratie verbindet und dabei Massen nutzloser Evaluierungen, Messungen, Punktetabellen, Gutachten, Anträge, Exposés und Testergebnisse hervorbringt. Und zum anderen hat man es mit einer unverhohlenen Wiederkehr solcher Praktiken zu tun, die sich im Gewand des ökonomischen Effizienzvokabulars auf alte, nicht auf die NS-Zeit beschränkte Ideologeme des zu optimierenden Volkskörpers stützen ("Kampf um die besten Köpfe"), bisweilen auch auf die der Volksgemeinschaft. Dass die Gemeinschaft mit dem Studium etwas gebe, für das man auch etwas zurückgeben könne, ist nicht nur das immer wieder genannte Argument in Eppelheim, jener baden-württembergischen Kleinstadt, die die Gebühren gegen studentische Sozialdienste in Altenpflege oder Jugendbetreuung zu übernehmen versprochen hat. Auch die Apologeten der IQ-Farce liegen in dieser Linie, wenn sie behaupten, dass die amtlich bestätigten Hochbegabten schon durch ihre pure Anwesenheit in Seminaren zur Verbesserung der Unis beitrügen, wofür die zahlenden Normalos dankbar zu sein hätten. "Hochbegabte Mitstudierende in den Vorlesungen und Seminaren neben sich sitzen zu haben, ist ein Geschenk des Bildungsabenteuers Universität", erklärte etwa Karl-Reinhard Volz, Prorektor für Angelegenheiten der Studierenden in Freiburg. Abgesehen davon, dass die Arbeitsatmosphäre in den Seminaren sich so bestimmt sehr verbessern wird: Ein Abenteuer bieten die deutschen Universitäten zur Zeit in der Tat. Was das mit Bildung zu tun hat, ist allerdings eine andere Frage.


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