Aber hello!

Jazz Der Sänger Tobias Christl treibt mit seinem Quintett bekannten Liedern das Geplänkel aus
Aber hello!
Tobias Christl, 36, einer der außergewöhnlichsten Musiker des deutschen Jazz

Foto: Britta Leuermann / ACT

Ausgerechnet Sound of Silence, die alte Simon & Garfunkel-Schnulze. „Hello darkness my old friend“, man kennt den Text, „I’ve come to talk with you again.“ Aber die Musik, in die Tobias Christl den Song verwandelt, ist anders. Christl bremst die Bewegung aus, er verzichtet auf das Plinkern der Gitarrensaiten, auf das Geplänkel der Stimmen. Wo im Original Harmonien die Gravitation der Melodie lenken, ziehen nun Wolken aus Sound auf, mal zart und durchscheinend, dann wieder massiv in Dissonanzen dräuend. Sound of Silence: Vielleicht ist Christls Fassung die erste, die diesen Song beim Wort nimmt; die erste, die nicht (nur) die Schönheit der Stille besingt, sondern (auch) ihren Schrecken, die erste, die den dunklen Untertönen Raum gibt, der Klage über das beredte Schweigen, dieser wuchernden Form.

„Wildern ist Jazz“, beschreibt Tobias Christl die Methode, die dem Album Wildern zugrunde liegt, das er mit seinem gleichnamigen Quintett eingespielt hat. Wildern. Verwildern. Tief im Unterholz der populären Musik sitzen die fünf Musiker und schleichen sich an ihr musikalisches Material. Hinterrücks bringen sie bekannte Songs aus dem Gleichgewicht und richten den Spot auf die verdrängten Seiten des Vertrauten. Eine Bande von Kontextbauern und Fallenstellern: Songs von Tom Waits und Leonard Cohen, Abba und Lana Del Rey, den Kinks und Joy Division werden ausgewildert und in radikal veränderter Gestalt wachsen gelassen. „Wie ein wild pubertierendes Kind“, nennt es Christl, des Muttersongs.

Tobias Christl, 36, ist einer der außergewöhnlichsten Musiker des deutschen Jazz. Ein Sänger, gleichzeitig aber ein Mann des Kollektiven, dessen Musik nicht vordefinierten Klangvorstellungen nachhängt, sondern einer Musik des Unerhörten, deren Grenzen im Prozess des Zusammenspiels immer wieder neu ausgehandelt werden müssen. Die Stimme ist hier nur Teil der musikalischen Textur, der Sänger nur Teil eines Gesamtklangs und nicht seine Speerspitze.

Der Netzwerkknoten

Dazu passt, dass Christl zu den Gründern des Musikerkollektivs KLAENG gehört, das seit gut fünf Jahren mit Kioskkonzerten und anderen Guerillaaktionen im öffentlichen Raum und mittlerweile auch einem eigenen Label weit über die Grenzen seiner Heimatstadt Köln und die engen Zirkel der Jazz-Aficionados hinaus die Lebendigkeit des Genres demonstriert. Noch immer hat Christl, der nach einem Studienaufenthalt in New York mittlerweile in Berlin lebt, in diesem Kollektiv seine künstlerische Heimat. Sieben junge Musiker, die gelernt haben, dass sie sich bewegen und bemerkbar machen müssen, wenn sie gehört werden wollen.

Das jährliche KLAENG, das nun in seine fünfte Runde geht, dient dem Kollektiv als Netzwerkknoten, mit dem es Köln an verschiedene internationale Szenen ankoppelt. Für drei Tage fallen Grenzen: Musiker aus Berlin und Helsinki, New York und London, aus dem Umfeld der Solistengruppe Ensemble Modern und aus verschiedenen Schichten der Jazzmoderne unterstreichen die Offenheit der musikalischen Vorstellungen. Der Andrang in den vergangenen Jahren beweist, dass Jazz dann am attraktivsten ist, wenn er sich kompromisslos zeigt. So offen und unberechenbar, so klug und leidenschaftlich wie Wildern.

Wildern Tobias Christl Act/Edel 2014

KLAENG-Festival Belgisches Haus Köln, 16. bis 18. Oktober

06:00 29.10.2014
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