Aber sie singen gut

Bayreuth Putinversteher Valery Gergiev dirigiert „Tannhäuser“ nicht sonderlich beeindruckend. Die Wagnerianer kreischen dennoch vor Vergnügen
Wolfgang Herles | Ausgabe 31/2019

Sie stürmen den Grünen Hügel, sprengen den festlichen Wettstreit der Minnesänger auf der Wartburg: eine schwarze Dragqueen (Le Gateau Chocolat), Oskar Matzerath (Manni Laudenbach) und die schwerkriminelle Bandenchefin Venus (Elena Zhidkova). Katharina Wagner wählt die Notrufnummer 110, die Polizei greift ein, doch über der Festspielbühne weht bereits die Regenbogenfahne. Die Diversen haben das Kommando übernommen. Stardirigent und Putinfreund Valery Gergiev am Pult? In seiner eigenen Oper in Sankt Petersburg wäre das wohl ein Skandal, den er nicht überlebte. Doch die Wagner-Huldigungsgemeinde kreischt vor Vergnügen. Was ist los in Bayreuth?

Regisseur Tobias Kratzer hat den romantischen Schinken belebt. Obwohl er das Stück eigentlich kastriert. Denn der Venusberg ist abgetragen. Stattdessen flimmert ein witziges Roadmovie über Leinwand und Bühne. Tannhäuser (Stephen Gould), der gefallene Minnesänger, hin- und hergerissen zwischen Anbetung der tugendhaften Elisabeth und Sinnenlust der Venus, trägt ein Clownskostüm, wenn er sich der Kleinkunsttruppe der Liebesgöttin in ihrem klapprigen Tourbus anschließt.

Es lebe die freie Lebensform

Die mittelalterliche Geschichte, von Wagners rauschhafter Musik beflügelt, lässt sich auch so autobiografisch erklären. Der Meister schwankte nicht nur zwischen Ehe- und anderen Frauen, sondern, als er den Tannhäuser schrieb, zwischen der Sehnsucht nach gesellschaftlicher Anerkennung, (die ihm nach Hungerjahren in Paris verwehrt blieb), und Revolution (mit dem Anarchisten Bakunin auf den Barrikaden der 48er-Revolution). Immer wieder scheiterte er, wandte sich ab von der Politik und gründete ersatzweise seine Kunstreligion. Auch diese Ambivalenz steckt im Tannhäuser oder Wagners Alter Ego. Das politische Motiv der Geschichte bringt ein Slogan Wagners zum Ausdruck – es hängt als Transparent sogar am Festspielhaus. „Frei im Wollen. Frei im Thun. Frei im Geniessen“. Als wäre Wagner ein früher 68er gewesen, scheinen sexuelle und politische Befreiung untrennbar. Doch in der Neuinszenierung von Tobias Kratzer tritt beides in den Hintergrund. Da ist nur noch der Kampf zwischen Hochkultur und Subkultur. Ständig bricht und stört die schräge Combo das heilige Pathos von Partitur und Libretto. Glitzergirl Venus ist als Göttin degradiert – und dennoch aufgewertet. Wagner lässt sie nur im ersten Akt singen. Bei Kratzer aber agiert und agitiert sie weiter, wenn auch nur pantomimisch. Elena Zhidkova mischt den Sängerwettstreit komödiantisch auf.

Zwei Akte lang scheint klar, wer Sieger bleibt: die Anarchie, das Genießen, und wenn man es unbedingt politisch will: die freie Lebensform. Aber so einfach macht es der Regisseur weder sich noch dem Publikum. Er ergreift nicht Partei. Im dritten Akt dreht sich alles um. Der Pilgerchor, der im ersten Akt als aufgekratztes, herausgeputztes Festspielpublikum auftrat (Wagnerianer pilgern nach Bayreuth), schleppt sich nun als ausgemergelte Meute über die Bühne. Die Dragqueen ist keine Außenseiterin mehr, sondern gehört dem Mainstream und dem Kapital. Als Reklameikone für Luxusuhren prangt sie auf einem riesigen Billboard über der Szene. Aus dem Plakat mit dem freiheitstrunkenen Wagner-Zitat reißt sich Oskar einen Streifen Klopapier. Die Revolution endet als Latrinenparole.

Venus ist in dieser Fassung keine Hure, Elisabeth keine Heilige. Ausgerechnet sie legt eine veritable Sexszene hin, schnappt sich Wolfram, der dazu nur ins Clownskostüm des Rivalen schlüpfen muss. Das ist nicht romantisch, sondern psychologisch. Elisabeth als zerrissene Figur. Sie opfert sich nicht, sondern schneidet sich die Pulsadern auf. Schluss mit dem, was so lustig begann.

Jetzt verzichtet der Regisseur auch auf sein dominantes Stilmittel der ersten beiden Akte. Schon den Ouvertürenhit begleitet ein lustiger Film. Während des zweiten Akts zeigt die Leinwand über der Bühne live und in Schwarz-Weiß, was hinter der Bühne geschieht – auch den Sturm des Theaters und den Polizeieinsatz. Doch die Zappelbilder lenken ab. Wagners Überwältigungsmusik verkommt streckenweise zur Filmmusik. Es mag aber auch an Gergiev am Pult liegen, vielleicht ist der Dirigent überschätzt. Das Orchester ist oft leise, zu wenig prägnant. Der weltberühmte Bayreuth-Debütant hat wohl auch mit den sehr speziellen akustischen Bedingungen im abgedeckten Graben Schwierigkeiten.

Der Abend ist dafür ein wahres Sängerfest. Heldentenor Stephen Gould als Fels in der Brandung einer der schwierigsten Wagner-Partien. Den Wettstreit aber gewinnt mit Abstand die hünenhafte Norwegerin Lise Davidsen als Elisabeth. Die volle, farbenreiche Stimme besitzt ein unvergleichliches Timbre, man erkennt sie sofort, und sie ist für eine erst Einunddreißigjährige ungemein reif. Die schönsten Hoffnungen sind geweckt. Ob es sich wirklich um eine Jahrhundertstimme handeln wird, wissen wir in zwanzig Jahren.

Es gibt Buhrufe, dennoch: dieser Tannhäuser provoziert auf vergnüglichste Art. Bayreuth ist angekommen im Hier und Jetzt. Wohl auch, weil das Stück des pseudoreligiösen Quarks beraubt wurde.

Info

Tannhäuser Tobias Kratzer (Regie), Bayreuther Festspiele, bis 28. August

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