Abgehängt und abhängig

Gut ist, was für alle gut ist Eine Tagung diskutiert alternative Wohn- und Pflegekonzepte und fordert einen umfassenderen Pflegebegriff

Der Bankomat ist nicht altersgerecht, die Fließbandabfertigung im Supermarkt erlaubt keine lästigen Rückfragen oder zu langsames Einpacken, die telefonische Auskunft erfolgt per Roboterstimme für Schwerhörige viel zu schnell. Niemand hat Zeit, einen Automat oder ein Formular zu erklären, wenn die Schlange am Schalter immer länger wird. Dumm nur, dass wir alle älter werden und so tun, als wäre die immer komplexere Umwelt allein ein randständiges Problem der Altenheime. Ältere Menschen werden zunehmend von den öffentlichen Zeiten und Takten des Alltags abgehängt. So fasste der Sozialwissenschaftler Jürgen Rinderspacher auf einer Pflegefachtagung der Evangelischen Akademie Berlin die gesamtgesellschaftliche Paradoxie zusammen.

Schon die Wohnungswirtschaft scheint immer noch eher auf Yuppies und agile Besserverdienende eingestellt zu sein. Für Vermieter ist es attraktiver, im Altbau eine Dachgeschosswohnung auszubauen, die eine After-Work-Party-gerechte Terrasse mit atemberaubenden Ausblick und Sauna bietet. Mit ihren engen Türen, Treppen und verwinkelten Gängen sind solche Umbauten aber nicht behinderten- und altengerecht. "Wir brauchen ein universal design: Gut ist, was für alle gut ist. Wenn der Alte im Rollstuhl oder mit Gehhilfe mobil sein kann, dann ist es auch der Papa mit Kinderwagen und vollen Einkaufsbeuteln", erklärt der Berliner Architekt Joachim Hildebrand, dessen Büro sich auf altersgerechtes Bauen spezialisiert hat. Dabei verursacht der schwellen- und barrierefreie Umbau hin zu größeren Wohneinheiten mit mehr Bewegungsfreiheit gerade einmal drei bis fünf Prozent Mehrkosten. Doch diesen Aufwand scheuen viele Vermieter, insbesondere die Wohnungsbaugesellschaften.

Durch die Bau-Investitionen könnten pflegebedürftige Menschen jedoch länger in ihren eigenen vier Wänden bleiben und benötigten erst später oder vielleicht gar keine stationäre Pflege. Das dadurch eingesparte Geld fließt derzeit aber nicht als Bonus an den Investor zurück, sondern entlastet nur die Sozialversicherungssysteme. Es fehlen Anreize und gesetzliche Regelungen für ein konsequent behinderten- und altengerechtes Bauen, erklärten die Pflegefachleute übereinstimmend.

In der Öffentlichkeit wird momentan viel über alternative Pflegekonzepte diskutiert, etwa über Mehrgenerationenhäuser oder Alten-Wohngemeinschaften. Doch so interessant diese Konzepte auch erscheinen, sind sie doch längst keine Lösung für die gesamte Republik. Denn schon heute werden über zwei Drittel der rund 2,1 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland im eigenen Haushalt versorgt, mit steigender Tendenz.

Zukünftig wird die private Pflege sogar noch ausgebaut werden müssen, weil die Rundum-Versorgung durch professionelle Pflegekräfte schlicht nicht mehr zu finanzieren sein wird. "Wir müssen Selbstständigkeit fördern und die Pflege belohnen, die zu einer niedrigeren Pflegestufe führt. Diejenigen, die einen Pflegebedürftigen von Stufe 3 auf 2 bringen, sollten mehr erhalten als diejenigen, die wie heute von 1 auf 3 pflegen. Das sind falsche Anreize", so die Soziologin Vjenka Garms-Homolova. Doch das setzte die Neukonzeption des ganzen Pflegesystems voraus.

Die Angehörigen andererseits, die bereits heute die Hauptlast der Pflege tragen, erhalten noch immer viel zu wenig Unterstützung. Es bedarf eines ausgeklügelten und individuell variierbaren Pflegenetzes vor Ort, das die verschiedensten Hilfsangebote sinnvoll koordiniert. All zu oft stellen Familien sich nicht rechtzeitig auf den zu erwartenden Pflegefall ein. Viele sind ohne Hilfe von außen überfordert. "Pflege zu Hause stellt aber nicht immer nur ein Defizit dar. Wenn der eigene Ehemann gepflegt werden muss, bedeutet es für viele Ehefrauen oft auch einen Kompetenzzuwachs. Nach Jahrzehnten kümmern sie sich erstmals um die Bankgeschäfte oder die Korrespondenz mit Behörden. Im höheren Alter machen viele Frauen sogar noch einen Führerschein", berichtet die Beraterin für gerontopsychiatrische Pflege, Gerlinde Strunk-Richter.

Allerdings gibt es auch Schattenseiten. So wird zwar immer wieder über Gewalt in Pflegeheimen berichtet, über die Gewalt in der häuslichen Privatpflege erfährt man dagegen fast nichts. "Man muss es sich einmal vorstellen, da wird eine Ehefrau jahrzehntelang von ihrem Mann unterdrückt, und plötzlich wird er zum Pflegefall. Schlagartig gewinnt diese Frau eine vorher nie gekannte Macht über ihren ehemaligen Tyrannen. Wir hatten schon Fälle von einer Art heimlichen Rache in der heimischen Pflege", berichtet eine Pflegefachfrau aus Marl.

Viele Paare bereitet es Schwierigkeiten, wenn aus der bisherigen Ehe- auch eine Pflegebeziehung wird. Nicht selten resultiert daraus Verwirrung und Überforderung. Es fehlt an Supervision und Austausch mit anderen Helfenden über die eigene Situation. Wer zu Hause pflegt, muss auch mal Urlaub davon machen können. Bislang trägt die Krankenkasse eine Kurzzeitpflege zur Entlastung, jedoch nur in geringem Umfang. Das Diakonische Werk der EKD fordert daher eine Erweiterung des bisherigen Pflegegriffs nach Sozialgesetzbuch XI. Bislang berücksichtigt und finanziert die Pflegeversicherung nämlich nur Körperpflege, Ernährung, Mobilität und hauswirtschaftliche Versorgung. Die psychosoziale Betreuung, Begleitung und Kommunikation müsse in den Leistungskatalog mit aufgenommen werden, damit die familiäre Pflege auf eine solidere finanzielle Grundlage gestellt werden kann.


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00:00 22.06.2007

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