Abgekippt

Deutsche Einheit 2003 Ihr habt genug bekommen - so lauten die Glückwünsche der alten an die neuen Bundesländer

Ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland ... Mein Glaubensbekenntnis ist Einheit." Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein, der preußische Minister, der das sagte, fiel in königliche Ungnade, weil er widerspenstig, hartnäckig und ungehorsam war gegen Dummheit und Dünkel. Auch Napoleon kanzelte ihn ab. Na und? Steins Staatsreformen wogen das bei weitem auf. Sie waren gut, weil sie das Land voranbrachten. Ohne das Volk auszuplündern. Seine Tugenden wären in heutigen Zeiten des wohlfeilen Opportunismus bei Hofe und anderswo gleichermaßen vonnöten. Seine Vaterlandsliebe, die ich von Herzen teile, nicht minder. Sein Glaubensbekenntnis Einheit erst recht.

Für mich vollzog sich im eruptiven Prozess der Jahre 1989/1990 das, was Dichter und Denker von einst wollten, was Bismarck "von oben" vollzog und nunmehr "von unten" geschah. Wir sind zurückgekehrt und wieder da, wo wir hingehören, dachte ich in jener bewegten Zeit. Im deutschen Vaterland. Mit Brüdern und Schwestern gleicher Zunge, gleicher Kultur, gleicher Historie, gleicher Tradition, mit schönen alten Städten und Landschaften. Was wollte ich mehr? Endlich konnte zusammenwachsen, was zusammengehört. In Frieden und Freiheit. Weil die Völker der einen Front des Kalten Krieges den obersten Kommandostellen beider Seiten unmissverständlich deutlich machten: Wir wollen nicht mehr. Lasst ab - wir sind das Volk.

Was denke und empfinde ich heute? Im Jahr der 13. Wiederkehr des Jubel- und Freudentränentages am Brandenburger Tor und überall in deutschen Landen? Meine Grundstimmung ist geblieben. Ein Vaterland zieht man nicht aus wie ein Hemd, erst recht nicht in Globalisierungzeiten. Doch Etliches wuchert seit 1990 wie ein Krebsgeschwür. Es lässt mich grauen. Und an Hölderlin denken: "Wohl dem Manne, dem ein glühend Vaterland das Herz erfreut und stärkt. Mir ist, als würde ich in den Sumpf geworfen ... wenn einer an das meinige mich mahnt."

Wäre es nicht ehrlicher, den 3. Oktober umzubenennen? In den Tag des ostzonalen Beitritts, der zugleich ein finaler Abtritt war. Denn im Bewusstsein der (medialen) Öffentlichkeit bleiben die Menschen aus der DDR so etwas wie die westlichsten Russen. Ein Berliner Sender gefiel sich jüngst mit dem Vergleich: "Die Irakis sind die Ossis der Amerikaner." Immer wieder dieselben Stereotype: Gedopte Sportler, informelle Mitarbeiter, tumb und arbeitsscheu, zu nichts nutze, höchstens als "negatives Beispiel". Wehe, der kleine Klaus wähnt sich dem großen Klaus ebenbürtig. Heuchlerisch der Vorwurf: "Warum nur ist er nicht wie wir?" Ihre Hoffnung: "Das wird er nie." Bis auf ganz wenige Ausnahmen verfügen die Ostdeutschen über keine Zeitungen und Sender. Wollen sie sich politisch äußern, entscheidet letztlich ein Westdeutscher, ob ihr Statement gedruckt oder ausgestrahlt wird.

Dabei hatte es 1989/1990 vielversprechend begonnen. Gemeinsam mit Lothar de Maizière, Günter Krause und anderen habe ich auf der östlichen Seite des runden Einheitstisches am Einigungsvertrag gearbeitet und gefeilt, auf der westlichen taten Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble das Ihrige. Heraus kam, davon bin ich überzeugt, ein einmaliges völkerrechtliches Dokument, ein Rezept für das Zusammengehen zweier Staaten aus zwei sich feindlich gegenüberstehenden Gesellschaftssystemen.

Warum aber hat der epochale Vertrag in Teilen nicht funktioniert wie gewünscht? Wie konnte es sein, dass ausgebuffte Geschäftemacher, windige Juristen und gewöhnliche Kriminelle den Vertrag unterliefen, um sich am Ausverkauf der DDR zu bereichern? Wer errechnet, wie viele der "in den Osten geschaufelten Millionen" auf kürzestem Weg wieder zurückflossen? Aus dem Steuersäckel zu den Geldsäcken. Fördergelder erhielt, wer über Kapital verfügte. Ostler besaßen keins oder wenig. Gleichgültig blieb unseren raffgierigen Brüdern und Schwestern, dass die Ostler die Hauptzeche des Zweiten Weltkrieges für das gesamte deutsche Volk zahlen mussten. Im Westen ging es mit dem Marshallplan bergauf, im Osten mit dem sowjetischen Demontageplan zunächst bergab. Sprach man nicht auch deshalb jahrzehntelang von den "armen Schweinen im Osten"?

Ihr habt genug bekommen, so lauten mittlerweile die Glückwünsche der reichen an die armen Bundesländer. Haben sie das auch erklärt, als das heute gepriesene Bayern zu verarmen drohte und selbstverständlich die im Grundgesetz verankerte Solidaritätspflicht in Anspruch nahm? Ist nicht die aktuelle Absage ein eindeutiger Verstoß gegen die Verfassung und damit ein Fall für den Verfassungsschutz?

Zu Glasperlenspielen sind längst auch die Einheitsfeiern geworden, die eine erstaunliche Wahrheitsauffassung verkünden. Wir sind das Volk. Heute kann man darüber nur noch lachen. Die vermeintlichen Sieger der Geschichte klopfen sich selbst auf die Schultern, weil sie damals, wie sie glauben, die Gunst der historischen Stunde unendlich klug, geradezu weise, genutzt haben. Danach preisen sie diejenigen, die ihnen stets zu Diensten sind, sei es als Aktenverweser oder - Jeanne d´Arc wende dich ab - als Mutter der Revolution. Wer zu Kreuze kriecht, darf am alles entscheidenden Tag in der Volkskammer seine Stimme ruhig dem Einigungsvertrag verweigert haben. Ein kleiner Fehler, der angesichts der großen Verdienste um die Aufklärung des Volkes über das Unrechtsregime nicht weiter zählt.

Zurück zum Vaterland, dem geliebten. Ich wünschte, die neuen Brüder und Schwestern ließen mich das auch empfinden. Ich will die Hoffnung nicht verlieren. Vielleicht sagen wir uns alle gemeinsam in Ost und West einmal wie Carl von Clausewitz los: "Von dem unvernünftigen Misstrauen in die uns von Gott gegebenen Kräfte, von der sündhaften Vergessenheit aller Pflichten für das allgemein Beste, von der schamlosen Aufopferung aller Ehre des Staates und des Volkes, aller persönlichen und Menschenwürde." Bis dahin stehe ich widerspenstig, hartnäckig und ungehorsam gegen Dummheit und Dünkel. Schulter an Schulter mit Seume, der da schrieb: "Nur eine Parole gilt: die Rettung des Vaterlandes."

Der Autor war für die damalige Deutsche Soziale Union (DSU) im Kabinett de Maizière Innenminister.

00:00 03.10.2003

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