Abgeklärte Aufklärung

Jubiläum „Die Blätter“ haben sich zu ihrem 60-Jährigen als unverzichtbares Debattenmedium etabliert
Rudolf Walther | Ausgabe 44/2016

Wer in politischen Kontexten von den „Blättern“ spricht, meint nicht die Vielzahl von Publikationen am Zeitungskiosk, sondern die 1956 gegründeten Blätter für deutsche und internationale Politik. Am 25. November 1956 ist das Magazin zum ersten Mal erschienen. Für Zeitschriften mit politischem Anspruch sind 60 Jahre ein respektables Alter. Vergleichbares aus der frühen Bundesrepublik existiert nicht mehr, ist von einem Verlag abhängig oder mit einer Partei oder einer Stiftung verbunden. Man kann es auch anders sagen: Die Blätter sind einzigartig.

Alternativen gab es in den vergangenen sechs Jahrzehnten zuhauf: Der Ruf, von den Schriftstellern Hans Werner Richter und Alfred Andersch 1946 gegründet und am „sozialistischen Humanismus“ orientiert, wurde von der US-Besatzungsmacht verboten. Der Monat, 1948 durch den US-Publizisten Melvin Lasky lanciert, beerdigte sich selbst, weil er sich von der CIA finanzieren und instrumentalisieren ließ. Der Merkur geriet in ein konservativ-neoliberales Fahrwasser und war immer an einen Verlag gebunden. Die Frankfurter Hefte, 1946 unter anderem vom Soziologen Eugen Kogon gegründet und 1985 mit der Neuen Gesellschaft fusioniert, stehen der SPD und der Friedrich-Ebert-Stiftung nahe.

Die Blätter waren zwar zeitweise vom Pahl-Rugenstein-Verlag abhängig und obendrein von der SED im Zeichen ihrer „Westarbeit“ finanziert, doch hatte sich das dann 1989 mit der DDR-Agonie erledigt. Die Zeitschrift wird seither von der Blätter-Verlagsgesellschaft mbH getragen und ist wirtschaftlich und politisch völlig unabhängig. Zu den Herausgebern des 1989/90 quasi neugegründeten Journals zählten Walter Jens, Günter Gaus und Jürgen Habermas sowie die DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer und Jens Reich.

Begonnen haben die Blätter 1956 mit einer klaren Abgrenzung von Adenauers Westintegration und einem Plädoyer für die deutsche Einheit. Führend waren dabei Hermann Etzel von der Bayernpartei, Karl Graf von Westphalen (CDU), später bei der Deutschen Friedens-Union (DFU), Paul Neuhöffer, Geschäftsführer beim Pahl-Rugenstein-Verlag, und Robert Scholl, Vater von Hans und Sophie Scholl, die von der Nazi-Blutjustiz 1943 zum Tode verurteilt wurden.

In den 60ern rückte die Publikation unter dem Einfluss der Ostermarsch-, Antiatomkriegs- und Studentenbewegung nach links und tendierte zur DKP und zum Pahl-Rugenstein-Verlag. Inhaltlich spielte die Marburger Schule eine dominierende Rolle.

Seit den 90er Jahren bekennen sich die Herausgeber der Blätter zu „republikanisch-demokratischen Grundsätzen“, zu reflektierter Westbindung sowie „sozialer Gerechtigkeit und nachhaltiger Entwicklung“. Heute bilden die 22 Herausgeberinnen und Herausgeber, von der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur über den Philosophen Jürgen Habermas und den Ökonomen Rudolf Hickel bis zum IG-Metall-Vorstand Hans-Jürgen Urban und der Verfassungsrechtlerin Rosemarie Will, einen linkszentrierten Pluralismus ab, der die Zeitschrift zum bedeutendsten wissenschaftlich und politisch engagierten Organ deutscher Sprache macht. Es ist geradezu das Markenzeichen der Blätter, wissenschaftlich satisfaktionsfähig zu sein und zugleich einen publizistisch intervenierenden Anspruch zu bewahren.

In ihrer Rede zum 50-jährigen Jubiläum der Blätter nannte die Publizistin Bettina Gaus als Laudatorin Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Distanz zum tagespolitischen Handgemenge als wichtigste Qualitäten des Magazins. So analysieren die Blätter politisches Geschehen, wollen aber den Lesern vor allem Alternativen zum affirmativ-medialen Betrieb und realpolitischen business as usual anbieten.

Gegen den Trend bei politischem Druckwerk konnte die Redaktion (Albrecht von Lucke, Steffen Vogel, Daniel Leisegang, Annett Mängel, Anne Britt Arps) die Auflage in den zurückliegenden Jahren auf 10.000 Exemplare leicht steigern, wovon 7.900 an Abonnenten gehen. Dies sei nicht zuletzt dem großen Engagement der Redakteure und ihrer „Selbstausbeutung“ zu verdanken, meint von Lucke.

Im Normalfall besteht ein Heft aus acht Kommentaren, acht Analysen sowie kleineren Kolumnen und Debattenbeiträgen, insgesamt gut 20 Texte. Man will die wichtigsten Themen der nationalen und internationalen Politik abbilden, etwa die Krisen des Finanzkapitalismus und der Europäischen Union sowie den Umgang der Linken damit. Es wird zugleich ein Konservatismus beleuchtet, der dem Phänomen des Rechtspopulismus eher verhalten und opportunistisch begegnet. Dabei fühlen sich die Blätter keiner Linie oder Agenda verpflichtet, sondern suchen die Kontroverse.

In seinem Interview in der soeben erschienenen Jubiläumsnummer zeigt Jürgen Habermas am Beispiel des Rechtspopulismus, wie man analytische Stringenz und eingreifendes Denken verbinden muss, soll dem Rechtspopulismus der Boden entzogen werden. „Der Fehler der etablierten Parteien besteht darin, die Front anzuerkennen, die der Rechtspopulismus definiert: ,Wir‘ gegen das System.“ So stärke man nur den Gegner und verschaffe ihm Aufmerksamkeit. Habermas plädiert für eine „demokratische Polarisierung“ jenseits von Scheindebatten und dem wahltaktischen Kalkül, die Rechtspopulisten zu bekämpfen, indem man sie überbietet, wie Zauberlehrlinge von Nicolas Sarkozy bis Horst Seehofer das versuchen. Es gehe nicht um Antworten auf das „völkische Gerede“, sondern um Alternativen zu „den zerstörerischen Kräften einer entfesselten kapitalistischen Globalisierung“, die Menschen entmündigt, den Rechtsstaat aushöhlt und die Demokratie zersetzt.

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06:00 16.11.2016

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