Abgeschottet

Missionare und Missionen Den kriegsbereiten Abgeordneten fehlt ganz offensichtlich der Kontakt zur Straße

Als 1991 die Entscheidung für die Hauptstadt Berlin fiel, erhofften sich viele von dieser Entscheidung, dass die Politik dort endlich und zwangsläufig sozialen Kontakt mit dem wahren Leben bekäme. Die Bonner haben damals schon über diese Naivität gelacht; schließlich wussten sie es besser. Der Realitätskontakt der Bundespolitik scheint in Berlin nämlich eher weiter abgenommen zu haben. Offensichtlich fällt es Politikern und Medienleuten nun sogar noch schwerer, aus dem soziologischen Mikrokosmos, den sie gemeinsam bilden, herauszutreten.

Die meisten Bundestagsabgeordneten blieben heute auf der Straße allerdings unerkannt. Sie sollten trotzdem mal einen Gang wagen: Sie würden lernen, wie sehr ihre Branche und ihr Beruf verachtet werden, wieviel Egoismus, Skrupellosigkeit und Ignoranz ihnen unterstellt wird. Eine Politikerkarriere ist gerade für die modernen Leistungsträger der Neuen Mitte keine interessante Perspektive - dafür entscheidet sich heute nur noch, wer nichts anderes kann.

Genau diese Damen und Herren sind aber zu über 90 Prozent entschlossen, dem Kanzler und dem Außenminister in den Krieg zu folgen. Wenn sie sich nicht eines Besseren besinnen, werden sie damit alle Klischees bestätigen. Weltpolizisten-Kriege werden in Deutschland selbst dann nicht mehr populär werden, wenn die letzten Naziopfer tot sind. Die Geschichte ist in uns eingeschrieben, ob dem Kanzler das passt oder nicht. Er hat es sich als seine persönliche Mission ausgewählt, Deutschland zu normalisieren. Alles soll wieder so werden, als wenn nichts gewesen wäre, eine ganz normale Großmacht in ganz normaler Konkurrenz, politisch, ökonomisch und militärisch mit anderen ganz normalen Großmächten. Modern ist das nicht. Es hat mehr Ähnlichkeit mit einer Rückkehr ins Jahr 1914.

Wer in der Koalition Widerworte zu geben wagt, wird zum verantwortungslosen Spinner erklärt, der die Regierungsfähigkeit gefährdet. Auf diese Weise regieren Kanzler und Außenminister mehr präsidial als demokratisch. Die Hauptstadtmedien loben und schleimen. Während die grüne Claudia Roth nach ihrem Besuch Pakistans mit ihrer Forderung nach Bombenstopp als gefühlsgeleitet denunziert wurde, sei Schröder gerade in seiner Rührung im Angesicht der New Yorker Trümmer zum Staatsmann gereift. Makaber, wie spekuliert wurde, was Roths Vorstoß für die Koalition und die grünen Ränkespiele bedeute; widerlich, wie Teile der SPD-Spitze eine moralisch motivierte Forderung als Sandkastenspiel herabstuften. Dass afghanische Menschenleben in dieser Debatte eine Rolle spielten, war nicht zu erkennen, dass eine Politikerin Gefühle und Moral als legitime Antriebe von Politik verteidigt, gilt dagegen als Beweis von Unprofessionalität.

"Die Medien" taugen jedoch nicht wirklich als Sündenbock für die Abkapselung der etablierten Politik. Friedrich Küppersbusch verteidigte vergangene Woche in der taz das Fernsehen mit dem schlagenden Argument, es könne schlechte Politik ja nicht besser zurechtberichten. Noch in keinem Krieg wurde in den Radio-Nachrichten so oft betont, dass man über "keine unabhängigen Informationen" verfüge. In den Medien scheint die Kritik umso größer zu sein, je weiter sie von Berlin entfernt sind. Die größte Regionalzeitung der Republik, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) aus Essen, veröffentlichte gerade einen flammenden Aufruf nach mehr Opposition gegen den Krieg. Zwar ist sie ein Provinzblatt mit entsprechendem journalistischen Niveau, aber sie hat Auflagen, von der "bundesweite" Blätter nur träumen. Die besten Antikriegstexte sind allerdings in den etablierten Blättern wie FAZ und Süddeutsche Zeitung erschienen. Auffällig ist nur, dass es sich dabei meist um nicht-deutsche AutorInnen handelte.

Dem Kanzler ist bei aller vorgespielten Selbstgewissheit an der Nasenspitze anzusehen, wie sehr er sich davor fürchtet, dass die Stimmung kippt. Er vernachlässigt die des Koalitionspartners, ihn nervt das geringfügigste Geschwätz der eigenen Partei. Aber was wird in der Gesellschaft kippen, wenn erst die Bilder vom wirklichen Kriegsgeschehen hier ankommen? Der Propagandakrieg wird versuchen, das so lang wie möglich hinauszuschieben. Auch darin liegt jetzt Schröders Mission.

Nicht die Religionen bewirken Menschenopfer. Es sind ihre fanatischen Missionare, vor denen wir uns besser hüten müssen. Ein zukünftiges Kriegskabinett sollte zu einer vorherigen Zwangsvorführung von Apocalypse Now Redux verpflichtet werden.

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00:00 26.10.2001

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