Abgetanzt

BERLINER ABENDE Walden

Nach dem vierten Gang des dritten Weihnachtsessens beschloss ich, die letzten Tage des alten Jahres tanzend zu verbringen, denn die Straßen eigneten sich nicht für längere Weihnachtsverdauungsspaziergänge. Der Schnee war überraschend gekommen, offensichtlich hatte niemand Lust zum Schneefegen gehabt, also war er liegengeblieben und zwang die Passanten, sich wie langsame Roboter auf der Straße zu bewegen. Inzwischen war er verharscht und hatte die berlintypische Farbe, ein Mix aus Grau von Dreck und Braun von Hundekacke, angenommen, war zweimal überfroren und zwischendurch wieder aufgetaut und bot an Ecken, in denen nie die Sonne hinkommt, gemeine Hinterhalte zum Ausrutschen. Also fing ich Donnerstag mit dem Tanzen an. Die Gelegenheit war günstig. Eine lustige Trauerfeier im Walden. Die Prenzlauer-Berg-Szene wurde mal wieder zu Grabe getragen. Der SKLAVEN-Markt machte seine letzte Veranstaltung. Wie immer, wenn die Prenzlauer-Berg-Szene stirbt, sie stirbt ja gerne und mit Inbrunst alle paar Jahre, ging es lustig zu. Die einen schreiben jetzt vor oder hinter dem Tresen böse alkoholgetränkte Pamphlete gegen den Kapitalismus und seine literarische Hochkultur, die anderen sind mit ihrer Arbeitslosigkeit vollzeitbeschäftigt, da bleibt kaum noch Zeit. Außerdem hatten uns ein paar Bezirksverordnete, die wir sowieso nicht gewählt hatten, an einem Dezemberabend im Kollektivzwang zu Pankowern gemacht. Pankow kommt ja in meiner persönlichen Liste der öden Orte gleich nach Magdeburg, es würde im nächsten Jahrtausend also lustig werden. Nach der Beerdigungslesung gab es Tanz. Cpt. Twist legte Fünfziger-Jahre-Musik auf, quasi als Aufforderung, nochmal bei den Wurzeln anzufangen. Ich tanzte zwei Stunden ohne Pause. Am nächsten Morgen gab es die letzten Reste des Weihnachtsessens. Der Fisch hatte schon angefangen, ein wenig streng zu riechen. Mein Freund kriegte eine SMS, die ihn zum Tanz in den Prater einlud. Wir nahmen an. Speiche gab seine letzte Vorstellung als DJ. Behauptete er jedenfalls. Aber mit Speiche ist es wie mit der Prenzlauer-Berg-Szene. Als der Franz-Klub geschlossen wurde, hatte er eben woanders aufgelegt und wahrscheinlich würde er es auch nach seinem selbsternannten Tod als DJ nicht lange aushalten und in irgendeinem Keller weitermachen. Die Stimmung war ausgelassen, auf der Bühne tanzte die Prenzlauer-Berg-Zigeunerin mit einem Bier, bis der hauseigene Bodyguard sie von der Bühne schmiss und sie ihm Verwünschungen hinterherschickte, nach denen er eigentlich hätte gleich tot umfallen müssen. Diesmal tanzte ich drei Stunden.

Am nächsten Abend war Russendisko im Kaffee Burger, als Jolkafest getarnt. Es gab sogar einen kleinen Weihnachtsbaum in der dunkelsten Ecke des Etablissements und Girlanden mit den schönsten Bildern der Sowjetzeit. Die Musik tendierte zu den siebziger Jahren, was in der Sowjetunion eher die achtziger waren.

Wir hatten für zehn Mark eine Saunakarte erworben. Eine Sauna, in der man trinken und rauchen konnte. Die Russen waren sehr ausgelassen, die DJs warfen Filme an die Wand, auf denen Stalin seine Untergebenen zusammenschiss und Breshnew zu Grabe getragen wurde, und auf der Tanzfläche war es so eng, dass man sich überhaupt nicht bewegen konnte, nach zwei Tänzen aber trotzdem der Schweiß in die Schuhe lief. Wir hielten es eine Stunde aus, danach war das Weihnachtsessen vollständig eleminiert. Inzwischen war der Silvestermorgen angebrochen. Seitdem ich im letzten Jahr für eine Zeitung zu Silvester Bus gefahren bin, hat mein Sohn Gefallen an dieser Art Beschäftigung zum Jahreswechsel gefunden. Bevor wir uns mit dem 200er-Bus auf den Weg durch die Stadt machten, tanzten wir noch eine Stunde in der Küche. Am Potsdamer Platz stiegen die Leute mit Sektflaschen aus den überfüllten S- und U-Bahnen und eine schrie: Hurra, ich bin in Berlin. Wäre es nach Erich Kästner gegangen, hätte sie gleich ein Auto überfahren, aber die Straßen waren für den Verkehr gesperrt, und vor dem Sony-Center standen riesige Absperrzäune, aus Angst, die Silvesterraketen könnten das schöne neue Zeltdach abfackeln. Mein Sohn wollte am Brandenburger Tor tanzen. Ich lehnte vehement ab.

Frühmorgens um vier, im Nachtbus zogen sich drei Skinheads aus. Sie rannten mit heruntergezogenen Hosen gegen die Bustür und zeigten den Mädchen auf der Straße ihre Schwänze. Leider waren sie so besoffen, dass sie mit ihren Schlüpfern, Unterhosen und Diesel-Jeans durcheinander kamen und zwei Haltestellen später aus dem Bus in den Schnee fielen und erst einmal die deutsche Ordnung wiederherstellen mussten. Die Leute im Bus nahmen es als besonders lustigen Beitrag zur deutschen Leitkultur und fuhren lachend weiter. Jetzt hätte man eigentlich im Bus tanzen müssen, aber niemand führt mehr ein Transistorradio mit sich herum.

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00:00 05.01.2001

Ausgabe 19/2021

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