Abi-Heft für die 48 Prozent

Großbritannien Ein proeuropäisches Tabloid wäre jetzt das Experiment der Stunde. Die Zeitung „The New European“ agiert noch etwas zu unentschlossen
Philip Oltermann | Ausgabe 28/2016 1

Die Gunst der Stunde nutzen, das will nach dem Brexit jeder. Während die prominenten Europaskeptiker den Austritt aus der EU mit dem Rücktritt aus der Politik folgen lassen und Großbritannien ins Chaos versinkt, wollen Europas Sozialdemokraten die Flucht nach vorne wagen und eine fairere, bessere EU schaffen.

Daraus wird nichts werden. Drei Wochen nach dem britischen Referendum neutralisiert Merkelscher Stabiliserungsdrang bereits effektiv föderalistische Fliehkräfte. Und die Stunde der Gunst ist eh fast schon rum. Westminster fasst sich bereits, die Akzeptanz der neuen Brexit-Realität unter der Bevölkerung wächst.

Umso beeindruckender ist da The New European, eine wöchentliche 48-seitige „Pop-Up Zeitung“ für die 48 Prozent der Briten, die für den Verbleib in der EU stimmten: vom Konzept bis zur ersten Ausgabe dauerte es gerade einmal zehn Tage.

Chefredakteur Matt Kelly sagt, das Projekt sei vorerst auf vier Ausgaben begrenzt, danach seien die Verkaufszahlen quasi ein wöchentliches Referendum über die Zukunft der Zeitung. Jede Edition sei „ein Sammlerobjekt“, was man bei zwei Pfund pro Ausgabe auch erwarten muss.

Erfreulich ist, dass die Initiative nicht aus London, der Festburg der vielgeschmähten kosmopolitischen Elite kommt, sondern aus der Provinz: Herausgeber Archant betreibt sonst drei Regionalzeitungen im Südosten Englands, wo die Bevölkerung überwiegend der EU ihren Rücken kehrte.

Es passt, dass der beste Text der ersten Ausgabe des New European aus genau dieser Perspektive auf Europa schaut. In einem recht brachialen, etwas schludrigen Essay beschreibt der Ex-GQ-Chefredakteur James Brown, dass Europa für ihn als Jugendlicher gerade deshalb so spannend war, weil jede Ecke des Kontinent so „unglaublich anders war als der, den man vorher besucht hatte“, während Hull, Sheffield, Liverpool und Aberdeen für ihn alle gleich aussahen.

Brown hat mit der Zeitschrift Loaded in den Neunzigern den sogenannten „Lad-Mag“-Journalismus erfunden. Ähnlich wie der skandalfeste Top Gear-Moderator und Feuilleton-Schreck Jeremy Clarkson hat Brown dann während der Referendum Kampagne plötzlich seinen inneren Europäer neu entdeckt. Mit solchen Haudegen zu versuchen, ein proeuropäisches Blatt aufzubauen, ein Tabloid mit föderalistischen Tendenzen, das wäre ein richtig interessantes Experiment.

Leider weiß der New European nicht ganz, ob er European sophistication oder European populism will, und bleibt irgendwo auf der Strecke dazwischen liegen. Es gibt zwei gute selbstkritische Aufsätze von Jonathan Freedland und Miranda Sawyer, beide sieht man allerdings auch schon wöchentlich im Guardian und Observer. Die Analysen über die Folgen des Brexit auf Industrie, Premier League, Modewelt und Start-Up-Szene sind alle gut recherchiert, las man aber schon einen Monat vor der Abstimmung in der Financial Times.

Die besten Tweets aus den zwei wohl absurdesten Wochen in der jüngeren britischen Geschichte sind zwei Woche danach irgendwie nicht mehr ganz so witzig. Und Tanit Kochs Exclusive über das Making-Of von Bilds „OUTsch“- Titelseite am Tag danach hätte besser in ein Medienmagazin gepasst. Es hat etwas von einem nostalgischen Abi-Heft für eine merkwürdige Truppe von neugefundenen Europafreunden, die durch das Referendum zusammengewürfelt wurden.

In den Neunzigern gab es schon einmal einen Versuch, ein pro-europäisches Blatt in Großbritannien zu etablieren, es hieß The European und überlebte immerhin acht Jahre. Die „Community of passion“, wie Wolfgang Blau sie in seinem Text nennt, die es damals nicht gab, scheint es jetzt plötzlich zu geben. Aber wenn sie nicht rasant ein neues Ziel, eine neue Vision der Zukunft findet, droht dieser fragilen Gemeinde schon vor der vierten Ausgabe die Luft auszugehen.

Philip Oltermann ist Büroleiter des Guardian in Berlin

06:00 14.07.2016

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