Abinote

A–Z Chaos beim Zentralabitur! In Goslar wurden die Matheaufgaben geklaut, in Baden-Württemberg läuft eine Petition: Englisch war zu schwer. Geht's noch? Heckaufkleber her!
der Freitag | Ausgabe 19/2018 2

A

Arbeiterabitur nannten wir ironisch das Ziel unserer Anstrengungen an der Volkshochschule Leipzig, die sich – 1922 gegründet – der Arbeiterbildung verpflichtet fühlte. Ich war zum regulären Abitur nicht zugelassen worden.

Bei der Anmeldung fragte niemand nach den – weltanschaulichen – Gründen. Politisch-ideologische Unterweisung stieß auf streitbare Hörer. Zweimal abends bis 21 Uhr und am Sonnabend bis Mittag drückten wir „Spätberufenen“ die Schulbank. Ständig guckte bei der Deutschlehrerin (➝ Schülerzeitung) der Unterrock vor, aber sie konnte so spannend über Goethes Faust reden. Wir diskutierten kontrovers über Christa Wolfs Geteilten Himmel. Der Geografielehrer erklärte begeistert die Gewaltenteilung nach Montesquieu. Nach dem Unterricht gingen wir oft noch einen trinken. Es wurde spät. Ich war ständig müde und verliebt – meist in Klassenkameraden. Ich schaffte knapp die Hochschulreife und war glücklich. Magda Geisler

B

bac, le Mein Abitur hieß AbiBac, es war ein Freundschaftsbekenntnis zwischen den beiden Staaten, eine Etappe der europäischen Integration. Mein Glück war, dass uns nicht die volle Härte des französischen Baccalauréats traf. Denn während in Deutschland die Kontinuität von vier Semestern zählt, lässt man den Franzosen die volle Narrenfreiheit zur Unterrichtszeit, um ihnen dann mit Nonchalance fünf schriftliche plus zwei mündliche Prüfungen in einer Woche aufzubrummen. Der Preis des Savoir-vivre. Als also in Frankreich die Gehirnzellen nach zwei Jahren Leerlauf von null auf hundert durch Stress und Lernstoff glühten, gab uns das Bac lediglich die Unbequemlichkeit einer zusätzlichen mündlichen Französischprüfung und die Annehmlichkeit zweier Abschlüsse (➝ Heckaufkleber). Es lebe die deutsch-französische Freundschaft! Malte Thie

G

G8 Erinnern Sie sich noch an die Debatten zur Einführung des G8-Abiturs? Von totaler Turboabiturerschöpfung (bac, le) war die Rede. Nicht nur insgeheim echauffierten (sächs.: äschofierten) wir Sachsen uns über die Pussybundesländer, die ihren Kindern Zeit für nachmittägliches Spielen und Persönlichkeitsentwicklung einräumen. Schließlich gab es bei uns schon immer Nachmittagsunterricht; auch Siebtklässler schwitzen hierzulande, geradezu faustisch, in der achten Stunde über Tafelwerken und Atlanten.

Vielleicht liegt es an einer gehörigen Portion Sachsomasochismus, aber wir stehen einfach auf kurze Abizeiten in Verbindung mit bisweilen brutalen Leistungskurskombinationen: Mathe / Physik oder Bio/ Chemie war in meinem Abijahrgang keine Seltenheit. Es schaudert dem Sachsen vor der Vorstellung, dass junge Leute, die anderswo ein Abitur mit der Leistungskurskombi Kunst / Sport gemacht haben, unsere Exzellenzunis besuchen könnten. Vielleicht aber hat man Formen der Leistungskursselbstgeißelung inzwischen aus sächsischen Schulen verbannt. Es bliebe mehr Zeit für Demokratieerziehung. Marlen Hobrack

H

Heckaufkleber Nein, früher war auch schlechter. Schon vor 20 Jahren tobte der Distinktionswahnsinn der Pennäler, aller Welt ihren Schulabschluss zu verkünden. Als sei das Ereignis rekordverdächtig, werden bis heute Abishirts mit „lustigen“ Sprüchen gestaltet. Ans von den Eltern zum spendierten Führerschein spendierte Auto wird das Motto (Psychoanalyse) als Heckaufkleber angebracht.

Party! Nach dem Gegängel an der Schule feiern alle das kommende, verschulte Studium oder die nicht weniger unfreie Ausbildung. Dabei gilt, nicht kleckern, klotzen! Vor einigen Jahren betrog ein Veranstalter Abiturienten um Hunderttausende Euro und ließ die Party platzen. Die Feste fallen immer pompöser aus, wie DPA jüngst meldete. Laut der Nachrichtenagentur seien Eintrittspreise von 50 Euro nicht selten, ein paar Hunderter koste das Outfit. Pech, wer da finanziell nicht mithalten kann. Die Feierlaune hält nur kurz an. Sie verdirbt spätestens der peinliche Moment, mit einem Abi-2017-Shirt in der Uni aufzutauchen und mit einem „Nie wieder Hofpause“-Heckaufkleber vorzufahren. Tobias Prüwer

N

Nida-Rümelin Der Philosoph und Gegner von PISA, Bologna, G8, G9 fordert den „Epochenbruch“. Aktuelle Bildungspolitik strebe kritiklos „nach Anpassung an internationale Standards“ und Optimierung im Sinne ökonomischer „Verwertbarkeit“. Das befördere explodierende Studentenzahlen, aber keine Bildungsexpansion und die Gleichstellung nicht akademischer Berufe. Statt einseitig „auf das Kognitive und kurzfristige Wissensakkumulation“ zu setzen, sollten Schulen wieder „das Ästhetische, das Technische, das Soziale“ fördern. Helena Neumann

Numerus clausus Ach, wäre die Abizeit doch nicht in die Pubertät gefallen! Wer weiß, vielleicht hätte die Photosynthese (G8) unser Interesse geweckt.

Oder: Gäbe es keine Diskriminierung von Langschläfern (und somit von Teenagern), hätten wir uns besser konzentrieren können. Ja, würde die Schulekeine wissenschaftlichen Erkenntnisseignorieren und später beginnen, möglicherweise hätten wir eine bessere Abinote und den Platz in unserem Traum-Studiengang ergattert. Womöglich würden wir heute Leben retten. Aber ohne das Medizinstudium ist das schwierig. Dieses System hat etliche Helden verhindert und der NC ist sein Kryptonit. Marlene Brey

O

Oberfeldwebel Abinoten der späten Achtziger zu erzählen ist der Grundwehrdienst auf Facebook, das Grillen des Kleinen Mannes. Je strapaziöser der Weg zum „Grillgut“ an den Tankstellen im dräuenden Atomkrieg gewesen ist, je aufwendiger der Gewaltmarsch, je „fieser“ der Stabs-Unteroffizier ( = Lehrer), umso denkwürdiger das Erinnern.

Es ist ein Kreuz mit den Abinoten. Unserer säkularisierten Gesellschaft ist Maß und Mitte abhandengekommen, der Terror der Intimität gebietet es auch Vollakademikern, die eigenen skurrilen Noten gegen die braven Einser-Leistungen ihrer Kinder aufzurechnen. Was tun? Das neue bayrische Abigesetz ist für die Demokratie schlimm, aber es enthält einen guten Grundsatz: In den Monaten Mai und Juni können Kolumnisten und Buchhändlerinnen in Sicherheitsverwahrung genommen werden, um öffentliches Herumkokettieren mit schlechten „Deutsch-LK-Noten“ zu unterbinden – von Wachtmeistern mit Einser-Abi, wie wir doch alle hoffen wollen! Gerald Fricke

P

Psychoanalyse Noch Jahre nach dem Abitur kehrte ein Traum immer wieder: Das Abitur war ungültig gewesen, es musste von der ganzen Schulklasse wiederholt werden. Ich saß also über die Lateinklausur gebeugt, hatte aber alles vergessen, Grammatik und Vokabeln – ich würde durchfallen! Ein Albtraum. Psychoanalytisch gesehen, war er wohl eine getarnte Wunscherfüllung. Etwas in mir wollte mich daran erinnern, dass ich ja schon in der wirklichen Prüfung Angst gehabt und sie doch bestanden hatte. Michael Jäger

S

Schülerzeitung Meine Deutschlehrerin meinte, ich könnte nicht schreiben. Zum Beweis vergab sie gern Dreien und Vieren (Zensuren) für meine Aufsätze. Meine Sprache sei viel zu blumig und überschießend. Ans Schreiben als Karriereziel hatte ich wirklich nicht gedacht. Dann stand die Abizeitung an. Nur wenige wollten sich beteiligen, die meisten lernten lieber. „Muss ja gemacht werden“, begründete ich innerlich meine Prokrastination. Und entdeckte zufällig meine Lust am Schreiben, merkte, dass ich doch nicht ganz unfähig bin. Das Resultat haben nun Sie, liebe Leser, zu ertragen. Tobias Prüwer

W

Wartesemester Das Abi ist geschafft, nachglimmendes Frühlingserwachen, sich tummeln im kurzen Sommer zwischen zwei Lebensphasen, und es tut sich ein Reich der Möglichkeiten auf: noch kein Erwachsener, aber auch kein Jugendlicher mehr. Mein Wartesemester dauerte lang – drei Jahre. Die ersten Monate verbrachte ich mit Lesen. Literatur, um mich auf eine längere Parisreise vorzubereiten: Sartre, Henry Miller, Prousts Recherche, die Surrealisten. Bis zum Zivildienst waren es noch zehn Monate. Es galt, diese Zeit zu füllen, am besten mit möglichst wenig Jobberei. Lesend, quer durch die Literatur, bewegte ich mich.

Tagelang lag ich im Sessel wie Proust im korkverschälten Zimmer, unsystematische Bildung, die sich im Studium dann fokussieren sollte. Davor aber die quälend lange Zeit des Zivildienstes: zwanzig Monate. Diese galt es irgendwie herumzubekommen. Wieder mit möglichst wenig Arbeit und viel Lektüre. Nicht immer leicht, Arbeit und Literatur zu verbinden. Trotz aller Warterei reichte es mit dem Notenschnitt nicht fürs Hauptfach Germanistik. Also musste es der Umweg über die Soziologie sein. Geschadet hat es nicht. Auch um den Unsinn von Wartesemestern und NC (Numerus clausus) nicht nur intuitiv, sondern auch gesellschaftlich zu begreifen. Andererseits aber ist diese Karenzzeit doch eine Quelle von Lebenserfahrung. Lars Hartmann

Z

Zensuren Zum Abschied 2017 haute der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, kräftig auf die Pauke. Wegen der Inflation guter Noten sei „der Wert des Abiturs in Gefahr“ (G-8). Bei stetiger Verbesserung der Schulnoten, sänken die Anforderungen. Ungleiche Notenstandards zwischen den Bundesländern führten zu Ungerechtigkeiten bei der Vergabe von Numerus-clausus-Fächern.

Die Diskussion hat einen langen Bart. 1834 verschärften Preußen und die Staaten des Deutschen Bundes zwecks „Beendigung der Untüchtigkeit“ die Abiturprüfungen. Als im September 1835 die Prüfungskommission dem „Zögling des Gymnasiums zu Trier“ das Reifezeugnis in der Hoffnung ausstellte, „dass er den günstigen Erwartungen, wozu seine Anlagen berechtigen, entsprechen werde“, hatte der einen wahren Prüfungsmarathon absolviert. Ob er wohl diese Hoffnung erfüllte, ist auch an seinem 200. Geburtstag umstritten, denn der Abiturient war niemand anderes als Karl Marx. Helena Neumann

Zentralabitur Anfang der siebziger Jahre waren Fächerauswahl und Grund- und Leistungskurse an Höheren Schulen noch ein Fremdwort, auch das Zentralabitur (➝ Arbeiterabitur) lag noch in weiter Ferne. So konnte es einem je nach Schulart passieren, in sechs oder sieben Fächern abgeprüft zu werden. Die geburtenstarken Jahrgänge mussten heftig konkurrieren um pädagogische Aufmerksamkeitsgesten und Noten, denn die Zentrale für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) entschied mit ihrem Gottesurteil über den zukünftigen Lebensweg.

Weil es aber etwa in Bayern immer mehr Einser-Abis gab als in Berlin oder Hamburg, berechnete die ZVS ab 1973 eine Durchschnittsnote und einen länderbezogenen Bonus oder Malus. 0,1 Prozent Bonus bedeuteten damals vier Jahre Wartezeit (➝ Wartesemester). Theoretisch wurden die bayrischen Schüler mit einem Malus von 0,3 also zu zwölf langen Jahren auf der Bank verdonnert. Die Empörung war groß. Seither wird darüber gestritten, ob der Süden klügeres „Bildungsgut“ hervorbringt als der Norden. Ulrike Baureithel

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06:00 27.05.2018
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Ausgabe 42/2021

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