Abkürzung

A–Z Gar nicht einfach, den Überblick zu behalten. FYI: Es gibt Kürzel, die unser Leben vereinfachen, etwa fürs „schulisch angeleitete Lernen zu Hause“ (saLzH). Unser Lexikon

A

Abk. Die Deutschen lieben ihre Abkürzungen. Es ist das Land, in dem Menschen in schriftlicher und gesprochener (!) Sprache „GuMo“ für Guten Morgen sagen und in dem letztlich auch das Wort „Abkürzung“ seine eigene Abbreviatur hat: Abk.

Darüber kann man lachen. Es ist aber nicht so, dass Abkürzungen keinen Sinn haben. Sie vereinfachen das Reden über komplizierte Dinge wie die NATO oder die EU und werden manchmal zum Selbstläufer, wie bei der ARD, von der kaum einer weiß, was sie ausgeschrieben bedeutet, oder beim „Hanuta“, der Haselnusstafel. Aber: Wer will ernsthaft behaupten, mit der Verwendung von „LuMaTra“ statt „Luftmatratze“ sein Leben viel einfacher gemacht zu haben? Die Abkürzungslust der Deutschen ist manchmal ein Fetisch, einer mit Geschichte. Der Historiker Victor Klemperer wusste sich in der LTI (Lingua Tertii Imperii), seiner Abhandlung über die Sprache des Dritten Reiches, auch über die Kürzelwut der Nazis lustig zu machen. Zum Glück sind nicht alle Abkürzungen historisch vorbelastet, wie die folgenden Lemmata beweisen. In diesem Sinne: GuMo! Konstantin Nowotny

B

Bundeswehr Von den Nazis (Abk.) zur Bundeswehr führt ein historisch verschlungener Pfad. Aber ist es ein Wunder, dass einige der irrsten Abkürzungen beim Militär zu finden sind? Ich erinnere mich gut an die Zeit, in der meine männlichen Freunde ihren Einberufungsbescheid nach WPflG, nach Wehrpflichtgesetz, erhalten haben. Stolz konnten sie wenig später damit angeben, dass sie wussten, was ein „StUffz“ (Stabsunteroffizier), eine PzAufklKp (Panzeraufklärungskompanie) oder ein EIFEL (Elektronisches Informations- und Führungssystem für den Einsatz der Luftwaffe, heute unschön „FüInfoSys“) ist.

Man kann dieses Land nur lieben für seine Art, die Grausamkeit hinter Kürzeln zu verstecken. Zwar sind die USA da nicht besser, aber wenigstens humorvoller. Beispiel: „MARINE“, kurz für „Muscles Are Required, Intelligence Not Expected“, „Muskeln vorausgesetzt, Intelligenz nicht erwartet“. So in etwa habe ich mir auch die Bundeswehr vorgestellt – und blieb glücklich KDV: Kriegsdienstverweigerer. Konstantin Nowotny

C

CDU Ihr peinlichstes Selfie? Ich habe in meinem Telefon ein Foto, auf dem vor meinem Gesicht ein Smiley mit Herzen in den Augen schwebt, hinter mir das Logo der CDU. Keine Ahnung, warum ich es nicht längst gelöscht habe. Das Foto entstand 2017 im #fedidwgugl-Haus, dem „begehbaren Parteiprogramm“ der CDU, mit dem sie in einem ehemaligen Kaufhaus in Berlin-Mitte aufschlug. Die interaktiven Spielereien waren fast so neckisch wie Christian Lindners Werbespot im Unterhemd. Wie es der Agentur Jung von Matt gelang, der No-Nonsense-Kanzlerin dieses Wahlkampf-Gimmick aufzuschwatzen nebst einem Hashtag, der klang, als käme er aus dem Poesiealbum einer Erstklässlerin (Gaming), erfahren wir vielleicht in Staffel 4 der Netflix-Verfilmung ihrer Memoiren. Episodentitel: Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben. Christine Käppeler

D

Diktatur „Diktaturen zeichnen sich durch eine Vorliebe für Abkürzungen aus.“ Mit diesem Merkmal setzte mein Professor in der Einstiegsvorlesung Nationalsozialismus (Abk.) und DDR-Sozialismus gleich. Ich war frisch an der Universität und wunderte mich. Vom StuWe (Studentenwerk) bezog ich BAföG (Ausbildungsförderung), studierte ein NC-Fach (Numerus clausus), suchte meine Veranstaltungen im KVV (Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis) aus und kam c. t. (akademische Viertelstunde). Laut PO (Prüfungsordnung) hatte ich in zwei WS und SS (Winter- und Sommersemester) RGZ (Regelstudienzeit) drei HA (Hausarbeiten) im HF (Hauptfach) anzufertigen, um drei LS (Leistungsscheine) beim PA (Prüfungsamt) einreichen zu können. Damit wäre ich zur ZP (Zwischenprüfung) zugelassen. Der FSR (Fachschaftsrat) rief zur Wahl im GWZ (Geisteswissenschaftliches Zentrum) auf, der StuRa (StudentInnenrat) bekämpfte die Einführung des ECTS (European Credit Transfer System) – erfolglos. In der UB (Universitätsbibliothek) sitzend konnte ich mir so den Diktaturalltag schwer ausmalen.Tobias Prüwer

G

Gaming Als Gamer*in hat man keine Zeit. Ob auf dem Weg in eine epische Schlacht oder unter starkem feindlichen Beschuss tippt es sich leichter abgekürzt. „LVL 20 WL LFG HDW“ mag unverständlich erscheinen, ist aber definitiv effizienter als „Ich, ein Stufe-20-Hexenmeister, suche Mitstreiter*innen für die Höhlen des Wehklagens“.

Es wimmelt nur so von Abkürzungen und Anglizismen, das zeigen schon die Genrebezeichnungen (vom RPG, Role Play Game, bis zum RTS, Real Time Strategy).Was für Neueinsteiger (oder Noobs, wie Eingeweihte sagen) überwältigend bis abschreckend sein mag, schafft unter Gamer*innen auch in der gesprochenen Sprache großes Identifikationspotenzial. Man erkennt sich untereinander, wenn zum Beispiel auf dem Sportplatz ein schönes Tor mit einem „GZ“ (Gratulation) goutiert wird. Inspiriert von diesem „A – Z“ habe ich mir schon überlegt, wie ich den Übergang von der 90er-Jahre-Kindheit zum Nuller-Jahre-Teenagerdasein in meiner Biografie betiteln werde: Von HDGDL zu HFGL. Das eine ist der Liebesbeweis auf Diddlmaus-Papier mit Herz-i-Punkt („Hab dich ganz doll lieb“), das andere die ermutigende Beschwörungsformel (have fun & good luck) vor einer großen In-Game-Herausforderung. Susann Massute

K

KSK Eine Erinnerung aus dem Dunst der nuller Jahre. Die Kantine der Volksbühne in vertrauter Verqualmtheit. Erkundungen unter Artgenossen bezüglich Erfahrungen mit der KSK. Kann die Gewinnprognose nachträglich nach unten korrigiert werden? Wie viel Prozent der Miete kann angerechnet werden? Fiebriges Fachsimpeln unter freischaffenden Kultur-Habenichtsen. In meinem Fall ist die Sorge noch zusätzlich durch einen zweimonatigen Zahlungsrückstand befeuert.

Ein schweigsamer Bühnentechniker muss wegen des Lärmpegels etwas nicht verstanden haben. Auf jeden Fall fixiert er mich plötzlich aus hellwachen Augenschlitzen. „Kundus oder Falsabat?“ Ein paar Augenblicke später erfahre ich, dass KSK auch „Kommando Spezialkräfte“ heißen kann (Bundeswehr) und es Menschen gibt, die diese Abkürzung niemals mit „Künstlersozialkasse“ verbinden würden. Tatsächlich versteht der Riese, selber bereits in Afghanistan stationierter Zeitsoldat, dass ich vor zwei Monaten heimgekehrt sei. Fast fühle ich mich geschmeichelt, dass der Hüne mir die Skills einer Kampfmaschine zutraut. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Er hakte nach, weil er mir das eben nicht zugetraut hat. „Es gibt viele Idioten, die Scheiße erzählen. Die nehm’ ich dann auseinander.“ Na dann, ging ja noch mal gut. Marc Ottiker

S

Steno Kennen Sie das Schreibmaschinenlied? Leroy Anderson hat mit The Typewriter den Stress der Textverarbeitung sinfonisch vertont, endet doch alles mit einem lauten Ping. Als ich mich selbstständig machte, gab es selten Pings. Gähnende Leere im Postfach. Heute habe ich schon beim Aufstehen mehr Mails als Lebensjahre in der Inbox. Da helfen nur ganz rigide Mittel. Kein Mailzähler am App-Icon, bloß nicht nachts die App öffnen, Kommunikationshygiene einfordern und eine Assistentin, die einem trotz Baby mehr abnimmt, als sie müsste (Danke, Marlen!).

Wobei manchmal die Frage ist, wer genau das Baby ist. Denn ans Essen muss sie mich auch zeitweise erinnern. Und wo wir nun schon in der babylonischen Leistungsspirale des Kapitalismus sind, verrate ich Ihnen auch gerne, wie meine Standardmails entstehen: Textbausteine, die ich mit Buchstabenkürzeln generiere. Wenn ich also „sgd“ eingebe, liest der Adressat „Sehr geehrte Damen und Herren“, oder „HG“ „Herzliche Grüße Jan C. Behmann“. Leider gibt es da manchmal auch Kürzelkauderwelsch und statt Grüßen steht Unverständliches in der Mail. Aber gut, das gilt ja für die meisten Mails. Jan C. Behmann

V

Vier Nun, da sich der Vorhang der Nacht von der Bühne hebt, kann das Spiel beginnen, das uns vom Drama einer Kultur berichtet.“ So, gut geklaut aus James Bond 007 – Der Spion, der mich liebte, beginnt die Single MfG – Mit freundlichen Grüßen. 1999 erschien der Song, die erste Singleauskopplung des fünften Fanta-Vier-Albums. Und, na klar, wurde das ein Hit, der bis auf Platz zwei der deutschen Charts kletterte.

Die Idee war natürlich super, ein ganzer Hip-Hop-Track nur mit Abkürzungen. Interpretiert wurde MfG damals als Sprachkritik, als Veto der Band gegen eine Entwicklung zu Abkürzungen und Akronymen, ja sogar als Kritik an der „Sinnentleerung in der neoliberalen Moderne“, wie man bei Wikipedia lesen kann. Zwar beschleicht einen beim Betrachten des Videos nicht gerade das Gefühl, dass das stimmt, doch ganz gleich: 500.000 Scheiben konnten Fanta Vier damals abstoßen – bis heute die erfolgreichste Single der Band. „ARD, ZDF, C&A / BRD DDR und USA / BSE, HIV und DRK / GbR, GmbH – ihr könnt mich ma’“. „ADAC, DLRG – ojemine“. „PVC, FCKW – is nich’ OK“. Ein Top-Hit einer Band also, die damals Deutsch-Rap fast im Alleingang Pop-kompatibel gemacht hat. Wer einen alten Kracher wie MfG hört, sollte direkt mit Die da, Was geht, Troy oder Sie ist weg weitermachen. Marc Peschke

W

WTF Im Netz steht das Akronym WTF für Verwunderung oder Empörung: „What the fuck?!“ Die deutsche Übersetzung „Was, zum Teufel?“ ist da etwas harmloser. Doch im Internet ist man firm in der Weltsprache – so English it is (Gaming). Die Verbreitung geht sogar so weit, dass Jugendliche hierzulande die Abkürzung aussprechen: „WTF?“ Immerhin ist das zeitgemäßer als „Was zum Kuckuck?“.

Bis Juli 2017 stand WTF aber auch für einen weltweiten Sportverband: die World Taekwondo Federation. Diese wurde in den 1970er Jahren gegründet und erreichte, dass Taekwondo-Wettkämpfe seit 2000 bei den Olympischen Spielen ausgetragen werden. Nach über 44 Jahren entschieden die Funktionäre der koreanischen Kampfkunst, dass die doppelte Konnotation ihrer Abkürzung (Zweideutig) vermieden werden sollte: Die World Taekwondo Federation benannte sich in World Taekwondo um, aus WTF wurde WT. Zuletzt stand das Taekwondo-Heimatland Südkorea 2016 ganz oben im Olympia-Medaillenspiegel. Seitdem ist coronabedingt Olympia-Pause – mancher Funktionär mag da fluchen: „WTF?!“ Ben Mendelson

Z

Zweideutig Das Magazin der Evangelischen Jugend Pfalz heißt EJaktuell. Warum nicht? Wer da pubertäre, schweinische Gedanken hat, ist selbst schuld. Bereits Anfang 2018 wurde diese Sau durchs kichernde Twitterdorf getrieben, was die Blattmacher*innen entweder nicht mitbekamen oder ignorierten. Ein anderes Medium – die Nürnberger Zeitung – hatte 2011 ein anderes Abkürzungsproblem: Da wurde in einem Text über die lokale Sprayerszene die Einfallslosigkeit der simplen Namenstags kritisiert. Als Beispiel zeigte man ein Graffito, das vermeintlich dem türkischen Vornamen „Acab“ entsprach. Dass der Autor offenbar die Abkürzung für „All Cops Are Bastards“ nicht kannte, lässt ihn so unschuldig wirken, als wäre er Mitglied in der Evangelischen Jugend Pfalz. Elke Allenstein

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06:00 28.02.2021

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