Abräumen

Linksbündig Bei Jürgen Habermas begibt sich die intellektuelle Rechte auf Boulevardniveau

Was verbindet Paris Hilton mit Jürgen Habermas? Die Antwort lautet Joachim Fest und bedarf einer kurzen Erklärung. Die Millionenerbin ist wieder einmal in der Klatschpresse gelandet. Der Kasus dreht sich um die Behauptung, es sei ein neues Sex-Video aufgetaucht oder womöglich doch nicht, oder jedenfalls ist es nicht ganz neu. Der Vorfall ist an dieser Stelle der Presselandschaft nicht unüblich, derlei ist dort Tagesgeschäft.

Joachim Fest war ein mäßig begabter konservativer Intellektueller, der in der Bundesrepublik tat, was er konnte, um alles Linke zu diffamieren und Nazi-Größen wie Speer und Hitler der heimischen Kulturindustrie anzudienen. Der restaurativen intellektuellen Konjunktur ist es geschuldet, dass er sich in den letzten Jahren im Kulturbetrieb breit machen durfte und, nur als ein Beispiel unter vielen, Rudi Dutschke als Trottel und Ulrike Meinhof als dumme Liesel, die auf ihn, den guten Bekannten J. Fest nicht hören wollte, darstellte. Das ist alles ausgesprochen unangenehm und sollte möglichst schnell vergessen werden.

Nun hat Fest noch aus dem Grab heraus Habermas diffamiert und ihm in seinen Memoiren namens Ich nicht eine kitschige Zettelessaktion angehängt, wie sie aus Schülerklamotten, mittelklassigen Spionagethrillern, aber auch aus populären Antifa-Filmen, in denen belastendes Material vor der Gestapo beiseite geschafft werden soll, bekannt ist.

Zur Information: Der jugendliche Habermas hat zu Beginn der vierziger Jahre dem jugendlichen Hans Ulrich Wehler wegen wiederholten Fehlens bei einer Erste-Hilfe-Übung ein Formblatt mit der Aufforderung zur Besserung geschickt und unterzeichnet. Später hat Wehler es ihm zurückgegeben und Habermas hat es nicht für so wichtig erachtet, dass er es dem deutschen historischen Museum übersandte, sondern irgendwie entsorgt. Wen schert´s? Fest, denn der sah wieder eine Gelegenheit, jemandem, der von Ferne nach politischer Linke aussah, einen Kübel Unrat überzukippen und zu hoffen, dass etwas hängen bleibt. Er nennt keine Namen, insinuiert und schreibt so, dass der spätere Verfassungspatriot erkannt werden muss. Für alle, die es dennoch überlesen haben, legt Jürgen Busche, einst FAZ-Redakteur unter Fest, in Cicero nach. Er wirft sich den Mantel des großen Philologen über und verbreitet den Festschen Unrat.

Der Historiker Wehler hat jetzt erklärt, dass an der Darstellung, Habermas habe irgendetwas ihn schwer Inkriminierendes aufgegessen, nichts richtig ist, er, Wehler, Fest brieflich auch davon in Kenntnis setzte, dass dessen Darstellung, die auf Wehlerschen Aussagen fußte, unrichtig sei, und er sich nicht erklären könne, wieso Fest nichts korrigiert habe. Soweit die Fakten. Womit wir bei Paris Hilton angelangt sind. Bekanntlich ist es im Boulevard durchaus üblich, irgendeinen Unfug zu behaupten und damit Schlagzeilen zu machen, unbekümmert um tatsächliche Umstände. Zweitens kann das zu Gezänk und Gekrähe führen, das noch wochenlang die Spalten füllt. Fest und sein Appendix Busche tun nun nichts anderes, als das, was vor Jahren noch intellektuelle Debatten waren, auf eben dieses Niveau herabzuzerren - Paris Hilton vor einer braunen Fototapete.

Das Feuilleton reagierte angemessen gelangweilt bis angeödet. Selbst die Meinung, letztlich sei an diesem Elend die Linke schuld, denn ihre weitgehende Abwesenheit in den öffentlichen Debatten, führe allen vor Augen, was Konservative so treiben, wenn sie ungehindert schalten dürfen wie sie wollen, gewinnt vor diesem Spektakel an Gewicht. Eine merkliche Sehnsucht nach den guten alten Strukturen und dem dazugehörigen Tod des Subjekts ist schwer zu verleugnen. Immerhin hat Habermas einen Weg gewiesen. In seiner Gegendarstellung vermutet er, es gehe darum, "zusammen mit Grass eine unbequeme Generation von Intellektuellen abzuräumen". Das ist das bekannt wehleidige, aus ihrer Sicht durchaus verständliche Lamento der linksliberalen bundesdeutschen Intellektuellen, die das Ansehen von einst bewahrt sehen möchten. Doch Abräumen ist ein schönes Wort. Umfunktioniert evoziert es die angenehme Vorstellung, sozusagen eine Möbelpackerfantasie, es könne alles, was nach Fest ... aussieht, weggeschafft, einfach entsorgt, abtransportiert, auf einen Speicher geschleppt werden und es entsteht ein offener Raum, der mit neuen, schöneren Möbeln eingerichtet werden kann. Bis dahin ist es mit diesen Debatten wie mit dem Neoliberalismus. Bis auf ein paar sinistre Gestalten braucht das niemand, und dennoch geht es einfach immer weiter.


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00:00 03.11.2006

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