Abrieb und Aporie

Musik Die Goldenen Zitronen leiden an der Stachligkeit der Zeit und quengeln sich konsequent durch ihr neues Album

Kaum mehr vorstellbar, dass die Goldenen Zitronen einst der gleichen Ursuppe (aus dem Abrieb von Gummisohlen, erloschenen Zigarettenstummeln und Bier) des noch jungen BRD-Punk entkrochen sein sollen wie die Ärzte und die Toten Hosen. Lang ist’s her, bald vierzig Jahre.

Während aber die Rockstampfer der Hosen, sehr zu ihrem eigenen Ärger, inzwischen auf CDU-Parteitagen gespielt werden (Tage wie diese) und die Ärzte, sehr zu ihrem eigenen Vergnügen, nach wie vor ihrer zwischenzeitlichen Trennung jugendliche Anarchisten jedweden Alters am Popnerv kitzeln, während also aus den ehemaligen Wegbegleitern profitable Unternehmen geworden sind, haben die einstigen Funk-Punker (Am Tag, als Thomas Anders starb) der Goldenen Zitronen schon vor langer Zeit … ja, was eigentlich? Die falsche Ausfahrt genommen? Vielleicht sogar die richtige Ausfahrt?

Es sieht eher so aus, als hätten sie irgendwann angehalten. Spätestens zu Beginn der neunziger Jahre muss das gewesen sein (Das bißchen Totschlag, nach den Anschlägen von Mölln). Es ist, als wären Ted Gaier und Schorsch Kamerun einfach ausgestiegen, zum Beinevertreten, und als hätten sie sich dann zu Fuß seitwärts in die Büsche geschlagen, ins Unterholz linksintellektueller Diskurse sozusagen – um fortan als ultralinke „Unabomber“ des Pop ihre akustischen Briefbomben zu versenden. Blendgranaten für Bedürftige.

Pure Säure

Wenn die Goldenen Zitronen eine Haltung haben, dann kann man sie schon in den ersten Sekunden des Videos zu Positionen sehen. Da steht Schorsch Kamerun wie ein zauseliger Diogenes ohne Tonne vor dem Portal und bramarbasiert auf die Vorbeihastenden ein: „Das Existenzielle ist ja von uns allen völlig verschoben. Das Feindbild ist einfach einen riesigen Schritt weiter weggerückt. Und deshalb ist es vielleicht nicht mehr ganz so greifbar. Trotzdem darf man ja, ohne zynisch zu sein, hier … heute … plötzlich neue Positionen, klar? Ein formulierter Wunsch. Und auf einmal ist es dann Wahrheit“.

Wer da spricht, das bleibt auch auf dem aktuellen Album bewusst diffus. Ein innerliches Individuum ist es sicher nicht, wie auch More Than a Feeling in piratenhafter Anverwandlung schon auf ein eher kollektives Gedächtnis zugreift. Der Titel ist einer bombastischen Hymne von Boston ent- und ins Buchstäbliche gewendet – es läuft etwas gewaltig schief, und das ist mehr als nur ein Gefühl. In krassem Gegensatz zu anderen „politischen“ Bands bieten die Goldenen Zitronen bei aller Agitation in ihren Texten nicht einmal den Hauch einer Lösung. Zum Ausdruck kommt hier ein aufgeklärtes Bewusstsein, das sich selbst als Teil des Problems denkt. Pure Säure.

Diese widerständige Haltung findet eine kongeniale Entsprechung in der musikalischen Ästhetik, die sich von schreddernden Gitarren planetenweit entfernt hat. Es fiept und quietscht und ölt der Synthesizer, es pluckert und stolpert der Drumcomputer, sodass man sich an das Garstige von Atari Teenage Riot erinnert fühlen darf, aber auch an das Motorische von Neu!. Nichts in dieser Musik ist auf Schönheit gestellt, geschweige denn auf Überwältigung. Sie will ebenso wenig Produkt sein, wie das quengelige Lamento von Schorsch Kamerun eine Lösung anbieten möchte. Es bleibt ein Gefühl beunruhigender Nervosität, und auch das ist mehr als ein Gefühl. Es ist die Realität, um die es den „Goldies“ geht.

Bei besonders stachligen und abweisenden Alben suche man sich am besten eine Insel der Harmonie, von der aus sich der Rest erschließen lässt. Hier ist diese Insel Bleib bei mir, beinahe eine Ballade, und dann eben doch nur beinahe. Es wird geweint „im süßen Kiez-Lädchen für Handmade-Outdoorkleidung und frischem Obst aus der Region“, und: „Zwischen allem Unkonkreten / Zappelnden Diversitäten / Hör ich dir zu in deiner Kleidung / Bin vollkommen anderer Meinung.“ Womit es aber nicht getan ist, wie der Refrain verrät, wenn die Liebe ins Spiel kommt und das Politische beiseiteschiebt: „Bleib bei mir / Ich bleib bei dir.“

Noch ein paar Meter über der regulären Höhe einer (regulär denunziatorisch geführten) Debatte schwebt auch Es nervt, wo es um ausgrenzenden Rassismus und die Regularien einer angeblich weltverbessernden Sprache geht: „Wir sind das edle Objekt of your protections / Protagonistinnen eurer Schlachtengemälde / Solange wir nicht das Falsche sagen und euch / Enttäuschen mit falschen Vorwürfen und Undankbarkeit“, deklamiert eben nicht der weiße Cis-Mann Schorsch Kamerun, sondern die schwarze Feministin Latoya Manly-Spain.

Die Aktivistin hält dieses Album übrigens für ein „Hörbuch der linken Großkonflikte“. Im Grunde kann More Than a Feeling genau so gelesen – und gehört – werden. In verdichteten Vignetten geht es um Mauern, Identitäre von rechts und links, praktischen Aufstand, Gentrifizierung, Rassismus und Konsumismus.

Anders aber als der wesensverwandte Agit-Prop der zwanziger Jahre, mit dem die „werktätigen Massen“ von oben im Sinne der kommunistischen Ideologie gelenkt werden sollten, bieten die Texte von Schorsch Kamerun hier Hilfestellungen zum Selberdenken – alle Aporien inklusive. Es ist ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht.

Info

More Than a Feeling Goldene Zitronen Buback

06:00 09.02.2019

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