Abschaffung der Mittelschicht

Zeitbombe Im Osten ist es zu ­einer rapiden Entmischung der Bevölkerung gekommen. Mit brisanten Folgen

Es war ein schöner, warmer 7. Mai 1989. Die Kommunalwahlen hatten wir uns geklemmt, waren nicht hingegangen und hatten stattdessen mit Freunden den Straussee umrundet. Das einzig Aufregende dieses Tages war das Verschwinden meiner Töchter kurz vor Erreichen der Strausberger Eisdiele, die es im Übrigen heute noch gibt. Die eine neun, die andere sechs Jahre alt, waren sie zu klein, mich unbesorgt über die Stunden kommen zu lassen, während mein Mann abwiegelte, ruhig blieb und auf die Intelligenz der Älteren verwies.

In der Tat fanden wir die beiden Mädchen nach unserer Rückkehr bei den Nachbarn unserer Hellersdorfer Wohnung, einem Flugzeugkonstrukteur und einer Biologin. Die Große hatte sich zur S-Bahn durchgefragt, sie waren eingestiegen und die Stationen von Strausberg Nord bis Kaulsdorf gefahren, hatten den Rest dann zu Fuß zurückgelegt. Mit zur Normalität zurückgekehrtem Puls begab ich mich zur Stimmenauszählung der Wahl, an der ich nicht teilgenommen hatte, in die Schule der Tochter. (Ich habe keine genauen Zahlen mehr im Kopf, aber dass der Anteil der Ja-Stimmen auch in unserem Wohngebiet später bei fast 99% lag, war schlechterdings unmöglich.)

Gewählt hatten der Germanist und die Philosophin, der Sportlehrer und die Verkäuferin, der Eisenbahner und die Reinigungskraft, wie die Putzfrau damals hieß. Auch mit ihnen wohnten wir Tür an Tür. Zwar hatten wir, wenn auch in geringerem Maße als heute, unterschiedlich viel Geld, konnten damit aber alle gleich wenig anfangen.

Unsere Wohnhäuser standen anfangs in Lehmwüsten, die nach Regen zu schmatzendem Schlingmoor mutierten. An einem anderen Sonntag im Mai 1989 hatten wir unseren drei großen Kindern eine Schlammschlacht geschenkt, die sie schreiend und vergnügt auf nahegelegener, zum Bau neuer Blöcke vorbereiteter Brache absolvierten. In Schule und Kindergarten erzählten sie am nächsten Tag davon, Lehrer und Erzieher reagierten mehrheitlich abwertend und kopfschüttelnd, als wir sie von dort abholten. Es passte offenbar zu dem Bild, das man sich von uns zu machen verdammt war.

Unsere Sorge galt unter diesen Umständen den Kindern und der Frage, wie wir sie halbwegs ungebrochen durchkriegen konnten. Wir hatten damals vier davon.

In der DDR bot die Geburt eines Kindes vollbeschäftigen Frauen die Chance, für einige Zeit abgesichert aus dem Laufradgetriebe der Lohnarbeit auszusteigen, in das man später ohnehin zurück musste. Da es außer der Lohnarbeit keine anderen Verdienstmöglichkeiten gab, galt das für die Ärztin in der Poliklinik ebenso wie für die Hilfsarbeiterin am Band – sie bekamen Kinder. Sie alle spielten zusammen im gleichen Kindergarten, gingen in die gleiche Schule. Quoten sorgten dafür, dass bevorzugt Arbeiterkinder ihr Abitur ablegen und studieren konnten. (Sie bedachten dabei nicht, daß ihre eigenen Kinder damit in den Nachteil der intellektuellen Herkunft gerieten.) Es gab in sozialer Hinsicht Aussteiger. Dennoch schien die soziale zugunsten einer ideologischen Schichtung der Bevölkerung beinahe aufgehoben, denn natürlich war der Clan der greisen Männer darauf bedacht gewesen, sich eine Schicht von willfährigen Kadern nachzuziehen. Intelligenz war dabei zweitrangig.

Meist wurden die ideologischen Aussteiger aus dem System schärfer noch als die anderen gegeißelt. Dass die Arbeiterklasse ihres revolutionären Potentials verlustig gegangen war, nicht zuletzt durch das hoffnungslose Nachhängen in produktiv-technischer Hinsicht, und dass nur eine verschwindend kleine Schicht von vornehmlich Intellektuellen darüber nachdachte, wie der Laden zu übernehmen sei und ausgemistet werden könnte, war uns im Mai 1989 klar. Es kam schließlich nicht dazu.

Hellersdorf-Marzahn sieht heute ungleich besser aus als damals. Die sanierten, wärmegedämmten Fassaden stehen hinter inzwischen haushoch gewachsenen Bäumen, vornehmlich Pappeln. Es gibt unzählige Einkaufs­center und Ladenzeilen. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in den letzten Jahren zu einer rapiden Entmischung der Bevölkerung gekommen ist.

Der Wegzug ins Umland, in die Innenstadt oder die innerstädtischen Siedlungsgebiete war und ist für den, der es sich leisten kann, das Ziel. Unsere Familie zum Beispiel leistete sich ein Haus in Mahlsdorf. Damit sind wir Wendegewinnler – das hätten wir uns vor 1989 nicht einmal träumen lassen.

Hier gibt es Stille, Vogelsang und manchmal eine S-Bahn, die man kaum noch hört. Mein Mann aber, im Marzahn-Hellersdorfer Jugendamt beschäftigt, betritt nach wie vor solche Wohnungen wie unsere damalige – als amtlicher Helfer in desolaten Erziehungssituationen, die mit Armut einhergehen.

In einem Drittel aller Marzahn-Hellersdorfer Haushalte leben Kinder – Spitzenplatz in Berlin. Zur Veranschaulichung sei gesagt, dass der Anteil der Alleinerziehenden sich 2006 ebenfalls auf ein Drittel belief, von denen wiederum ein Drittel Hartz IV bezog. Nicht nur damit verschlechterte sich der Sozialstrukturindex des Bezirkes stärker als im übrigen Berlin.

Auch Hilfe zur Erziehung, eine Jugendamtsleistung, wird hier so oft wie sonst nirgends in Berlin gewährt. Armut potenziert sich offenbar unter (zu 94%) weiblicher Alleinsorge: Wer arm und allein ist, hat oft Kinder am Hals und kann nichts mit ihnen anfangen. Davon erzählt nicht nur der wunderbare Dokumentarfilm Zirkus is nich der Regisseurin Astrid Schult. Davon erzählen die Bilder, die man sieht, wenn man in Hellersdorf einkauft oder Behördengänge zu erledigen hat. Ich behaupte, dass sich die Lebenslage von immer mehr Kindern radikal und komplex verschlechtert, während es real immer weniger Kinder gibt. Das berührt durchaus menschenrechtliche Fragen und verleitet mich zu der Hypothese: Die Mittelschicht schafft sich selbst ab.

Seit das Patriarchat bröckelt, wählen die Frauen der Bundesrepublik zwischen produktivem und reproduktivem Lebensinhalt. Beides ist kaum vereinbar. Da die Anerkennung für das Heranziehen von Kindern begrenzt ist und zudem dessen Nutzen sozialisiert wird, gehen die qualifiziertesten unter den Frauen in profitable Bereiche und suchen ein Unterkommen in Wirtschaft oder gehobener Dienstleistung.

Haben sie das Ziel erreicht, ist das für Schwangerschaften günstigste Alter oft vorbei. Da sozialer Erfolg in den modernen Industriegesellschaften Bildung voraussetzt, kommen natürlich auch eher Partner gleichen Bildungsstandes zusammen. Bekommen sie also keine oder zu wenig Kinder, können die Kompetenzen einer ganzen Generation nicht mehr in ausreichendem Maße weitergegeben werden.

Gleichzeitig kommt es zur Herausbildung einer neuen „Unterschicht“, insbesondere durch die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse unter neoliberalem Paradigma. Die Angst davor bringt qualifizierte Frauen noch mehr in Unlust, ein Kind zu bekommen und verleitet unqualifizierte zur Kinderproduktion. Im heute zusammengefügten Bezirk Marzahn-Hellersdorf kann man das wie unter einem Brennglas sehen.

Kinder sozialer und ideologischer Aussteiger wurden in der DDR nicht selten kassiert und in Heime verfrachtet. Die zur Wendezeit minderjährigen Insassen des großen Marzahner Kinderheimes „Pawlik Morosow“ sind heute im Leistungsalter. Wer aus dieser Generation etwas auf sich hält, ist mobil. Junge gebildete Frauen und Männer müssen Marzahn und Hellersdorf geradezu fliehen, denn dort zu arbeiten, ist schlechterdings unmöglich, und dort zu leben, um anderswo zu arbeiten, ist das Gegenteil von attraktiv. Die Unterschichtler hingegen sind die wahren Marzahn-Hellersdorfer Immobilien oder werden dazu gemacht durch die Aufforderungen der Jobcenter, sich eine billige Wohnung zu suchen.

Den Zirkus um Arbeitssuche und -findung machen insbesondere die jungen alleinstehenden unter den Unterschichtfrauen nicht mehr mit, sondern zeigen Intelligenz: Die Arbeitsplätze, um die sie sich bemühen sollen, gibt es schlicht nicht – also kultivieren sie den Hartz-IV-Status mit Kindern. Die bringen Kindergeld zur Grundsicherung. Der Staat lässt sich mehr Zeit mit dem Kassieren.

Zwar wird im Fall der Fälle eher auf Familienunterbringung gesetzt, aber dass diese Kinder keine weißen, unbeschriebenen Blätter sind, sondern, angefangen von den problematischen ersten Sozialisationserfahrungen, genügend Lasten mit sich herumschleppen, deren Tilgung oft nicht zu bewältigen ist, wird ausgeblendet. Dass die Mittelschicht die Reproduktion meidet, stärkt zudem den Stolz der Unterschichtfrauen.

Die wendebedingte Fehlbilanz scheint mir von großer Wucht. Es wurde nicht nur versäumt, die einsetzende Schichtentflechtung durch geeignete Maßnahmen zu flankieren, die Amtspolitik sträubt sich vielmehr mit allen Mitteln, der Geburtenzahl insbesondere alleinstehender Unterschichtfrauen, auch nur ein geöffnetes Auge zu widmen. Sie übersieht, dass Alleinsorge im Osten schon früher weiter verbreitet war als im Westen und von der Systematik der DDR-Vollbeschäftigung und -Kinderbetreuung soweit aufgefangen wurde, dass es bis zum Knall 1989 irgendwie ging. Der Zelltod des Staates BRD scheint heute ebenso programmiert: Er stellt sich mit der Unterschicht ein Bein, über das er stürzen wird.

Die Tatsache, dass meine Töchter heute, im Mai 2009, Töchter haben, kann nichts daran ändern, dass die Mittelschicht vergreist. Vielleicht wird sie eines Tages aufschrecken, wenn sie sich in Ermangelung eigener von den Kindern der Unterschicht im Falle der Gebrechlichkeit wird versorgen lassen müssen. Ob deren Rache eine ungeheure sein wird, wage ich nicht zu sagen.

Kathrin Schmidt, geboren 1958 in Gotha, lebt als Schriftstellerin in Berlin. Soeben erschien von ihr der Roman Du stirbst nicht

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11:50 08.05.2009

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