Abscheu und Erkenntnis

Sexualmedizin Wer die Seelen von Pädophilen erforscht, gewinnt selten Anerkennung. Dabei könnte sich dadurch Missbrauch verhindern lassen

Wer einmal damit angefangen habe, Kinder zu missbrauchen, der höre damit nicht auf. So hieß es jüngst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zum Fall des ehemaligen Lehrers und taz-Mitarbeiters Diedrich W., der sich während seiner Tätigkeit an der Odenwaldschule mehrfach an Schülern vergangen hatte. Hatte er es später wieder getan? Niemand weiß es, aber die FAS meint: ja. Dass es nicht anders sein kann, wisse „jeder, der sich mit dem Thema Pädokriminalität befasst“.

Es fiele leicht zuzustimmen, das Urteil passt ins akzeptierte Bild des Pädosexuellen, von dem die Öffentlichkeit oft nur zwei Typen kennt, wie Hans-Ludwig Kröber von der Berliner Charité es beschreibt: Den Mann aus dem Dunkel, der wahllos Kinder vergewaltigt und umbringt. Und den Familienvater, der sich hinter verschlossener Tür an der Tochter vergreift. Beides gibt es, sagt Kröber. Auch. Aber eben nicht nur. Es seien extreme Zerrbilder jener Pädokriminellen, mit denen Sexualforscher wie er täglich zu tun haben – und von denen sie ein differenziertes Bild entwerfen.

13.000 Anzeigen wegen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen gab es 2009. Die Dunkelziffer ist hoch. Es ist ein Delikt, das im Verborgenen geschieht, in Schlafzimmern, Flurecken, hinter Schulmauern, und das aus Scham im Schweigen versinkt. Wie oft, ließ die Berliner Männer-Studie erahnen. Der Sexualmediziner Klaus Beier von der Berliner Charité erkundigte sich 2004 bei 6.000 Berlinern nach Erektionsstörungen und den Folgen für das Befinden. 373 lud er zu einem Interview ein, in dem er auch nach Sexfantasien und -praktiken fragte. 14 Männer räumten mindestens einen sexuellen Kontakt zu Kindern ein. Der Schock saß tief: Denn hochgerechnet hieß das, dass bundesweit etwa 60.000 bis 70.000 Männer Kinder sexuell missbrauchen. „Eine Riesenzahl“, sagt der Kieler Sexualmediziner Hartmut Bosinski. Im Juni 2005 startete Beier das Dunkelfeldprojekt. Nicht straffällige Pädophile können sich seither anonym in Berlin, Kiel oder Regensburg melden und an einer Therapie teilnehmen. Weit mehr als Tausend riefen an, Männer aus allen Berufen und Schichten. Und wenn die Erkenntnisse überhaupt ein Pauschalurteil zulassen, dann dieses: Die Täter sind überwiegend Männer. Und sie missbrauchen vorwiegend Mädchen.

Erwachsene haben in dieser Welt nichts verloren

Von den bereits Angezeigten vergeht sich jeder zweite an einem Kind im nahen Verwandten- oder Bekanntenkreis. „Es sind entgegen dem Klischee selten die leiblichen Väter“, stellt Kröber klar. „Es ist viel häufiger der neue Freund der Mutter oder der Onkel, der sich an ihrer Tochter in der frühen Phase der Pubertät vergreift.“ Diese Männer „leben in einer heterosexuellen Beziehung mit einer gleichaltrigen Frau, haben eigentlich heterosexuelle Neigungen, nutzen aber pubertäre Kinder sexuell aus“, erklärt Kröber. Unter Forschern heißen solche Täter Gelegenheitspädophile. Landen sie vor Gericht, sind sie meist fürs Leben bedient. „Die Rückfallquote ist im Unterschied zu anderen Pädokriminellen sehr gering und liegt bei etwa zehn Prozent“, sagt Kröber.


Kröber spricht bedacht. Es fällt dennoch schwer zu verstehen, was er da sagt. Was geht in einem Mann vor, der sich an einem Kind vergreift, obwohl er sich auch von Frauen angezogen fühlt – und seine Sexualität ohne Missbrauch ausleben kann? „Wir machen einen Fehler, wenn wir Kinder als sexuelles Neutrum ansehen. Sie haben ihre eigene Sexualität“, sagt Bosinski. Nur hätten Erwachsene in dieser Welt rein gar nichts verloren. Was die Täter dazu bringt, die Grenze zu übertreten, können Forscher nicht erklären. Sie können nur über Auslöser mutmaßen: Das enge Zusammenleben, die glatte Haut, die kindliche Unbefangenheit, Mädchen mit zarten Zügen der Frau.

Verstörend erscheinen in diesem Zusammenhang vor allem die Arbeiten des kanadischen Sexualforschers Ray Blanchard. Er zeigte pädophilen wie auch heterosexuellen Männern Fotos von nackten Kindern, Teenies und Erwachsenen. Dabei maß er Umfang und Länge des Penis. Diese Phallometrie genannte Methode der Sexualdiagnostik wird weltweit zu Forschungszwecken genutzt, häufig wenn ein Patient sich seiner sexuellen Neigung unsicher ist und diese bestimmen lassen möchte. In Blanchards Experiment allerdings reagierten im direkten Vergleich tatsächlich die 130 heterosexuellen Männer stärker auf Mädchen als die 272 bekennenden Pädophilen. Nur innerhalb der Gruppen entsprachen die Ergebnisse der Erwartung: Die ausgeprägteste Erektion bekamen Heterosexuelle letztlich beim Anblick gleichaltriger Frauen. Die Pädophilen reagierten stärker auf Mädchen oder Jungen. Die Studie, die 2009 in der Zeitschrift Sex Abuse veröffentlicht wurde, offenbart, dass unerwartet viele Männer nackte Kinder zu einem gewissen Grad auch sexuell betrachten – obwohl sie nicht pädosexuell sind, sagt Blanchard. Es sei naheliegend, aber nicht erwiesen, dass die Gefahr einer Gelegenheitstat bei diesen Männern größer sein könnte.

Gut vernetzte Täter

Auf der anderen Seite des Spektrums der Pädosexuellen aber gibt es sie: die Wiederholungstäter. Es sind vor allem jene, die Lisa Cohen, Psychologin am Beth Israel Medical Center in New York, als „wahre Pädophile“ betitelte. Sie haben eine eindeutige Präferenz für Kinder und keine erotischen Beziehungen zu Erwachsenen. Daher beuten sie Mädchen oder Jungen immer wieder sexuell aus. „Die sind untereinander oft sehr gut vernetzt und haben ihre eigenen Gepflogenheiten“, sagt Kröber. Es sind diese Täter, die nicht aufhören können. Die Rückfallquote beträgt zwischen 50 und 90 Prozent. Einige haben bis zu hundert Opfer auf dem Gewissen. Entgegen dem Klischee „wenden sie aber selten körperliche Gewalt an“, sagt Kröber. Cohen pflichtet ihm bei: „Alle halten Pädophile für brutal. Das stimmt nicht.“ Über Wochen bahnen sie den Kontakt zu den Kindern an, so lange, bis sie glauben, das Opfer würde „einwilligen“. Es seien Pädokriminelle, aber sie morden so selten wie die übrige Bevölkerung, stellt Kröber klar. Weit überwiegend seien es überhaupt keine Pädosexuellen, die Kinder vergewaltigten und umbrächten, sondern Menschen mit einer massiven sozialen Störung. „Diese Täter nehmen sich alles, was sie haben wollen und werfen weg, was sie nicht mehr brauchen“. Oft sind sie wegen anderer Delikte vorbestraft.

Die Unterteilung der Täterschaft in Gelegenheitspädophile aus dem familiären Umfeld und Bekanntenkreis in „wahre Pädophile“ und soziopathische Gewalttäter ist eine Momentaufnahme, die so alt nicht ist und vor allem Klischees zertrümmert hat. Jahrelang suchte man nach psychologischen Absonderlichkeiten. Vergeblich. „Die Persönlichkeiten von Pädophilen sind ähnlich vielfältig wie jene von Heterosexuellen“, fasst Kröber zusammen. Es gibt Psychopathen, keine Frage, aber die einzelnen Personen unterscheiden sich stark in ihrem Wesen. Sie sind in der Summe geringfügig impulsiver, aber nicht aggressiver, nicht nennenswert dümmer und nicht gefühlskälter als andere Menschen, das erbrachten Tests aus den USA und Europa. Die individuellen Unterschiede sind zu groß, als dass sich ein Charakterzug als „typisch pädosexuell“ herausschälen würde.

Nie so umfassend analysiert

Nur zwei Befunde ließen sich erhärten: Pädosexuelle neigen dazu, ihr eigenes Verhalten völlig verzerrt darzustellen und massiv zu rechtfertigen. Ob dies Folge oder Ursache der Übergriffe an Kindern ist, bleibt im Dunkeln. Nicht mehr wegzudiskutieren ist aber, dass viele Täter als Kind selbst Opfer von Pädokriminellen waren. Das Risiko, selbst Täter zu werden, sei dann 40-fach erhöht, sagt Cohen, auch wenn ungezählte Missbrauchsopfer engagiert gegen sexuelle Gewalt kämpfen und niemals einem Kind etwas zuleide tun würden.

Die Forscher haben gerade erst begonnen, die jüngsten Missbrauchsskandale aufzuarbeiten. Kröber untersucht mit Kollegen aus Ulm und Essen mehr als hundert Fälle in der katholischen Kirche. Er wagt eine Zwischenbilanz: „Nach allem, was wir ausgewertet haben, ist die deutliche Mehrheit sexuell nicht auf Kinder festgelegt und hat eine massiv angstgeprägte Sexualität“. Dazu passe, dass es vor allem unsittliche Berührungen gebe, kaschiert etwa als Strafe oder Sexualaufklärung. Die „wahren Pädophilen“ gingen rabiater vor. Er sagt es nicht, aber es ist ein Hinweis darauf, dass die insgesamt unterdrückte Sexualität die Übergriffe begünstigt hat.

Auch wenn die hohe Dunkelziffer kein abschließendes Urteil zulässt: Kröber sagt, die Pädokriminalität sei in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Dazu habe zum einen die sexuelle Liberalisierung und zum anderen die Emanzipation der Frauen beigetragen. Sexualität könne offener ausgelebt und angesprochen werden. Zugleich sei auf Initiative der Frauen hin der gesellschaftliche Konsens gewachsen, dass sexuelle Übergriffe auf Kinder ohne jede Diskussion tabu sind. Doch mit dem Tabu hat sich auch eine Kultur des Wegschauens durchgesetzt. Selbst Forscher bekommen sie zu spüren. „Das erforschst du? Also nein, wirklich.“ Angewiderte Reaktionen hat nicht nur Bosinski erlebt. „Manche wollen nicht mehr über Pädophilie wissen, als sie schon zu wissen glauben“, sagt Cohen. Doch nur wer hinsieht, frei von Vorurteil und Voyeurismus, kann ernsthaft vorbeugen.

Susanne Donner schrieb im Freitag zuletzt über Umweltchemikalien und Unfruchtbarkeit.

14:00 07.03.2011
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 18

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar