Abschieben nach Afghanistan

Migrationspolitik Der Truppenabzug beschleunigt den Zusammenbruch – und Deutschland schiebt fleißig ab. Nach 20 Jahren Beteiligung an diesem Krieg ist das ein Armutszeugnis
Abschieben nach Afghanistan
Bundeswehrsoldaten werden in die Türkei versetzt. Das Abzeichen rechts auf der Tasche zeigt einen Einsatz in Afghanistan an

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Die Lage in Afghanistan ist dramatisch. Die radikal-fundamentalistischen Taliban, mit denen der Westen lange Jahre nicht einmal verhandeln wollte, stehen vor der Rückkehr an die Macht. Der Abzug der westlichen Truppen beschleunigt den Zusammenbruch der Regierung. 20 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September hat das eine starke Symbolkraft und steht für das Scheitern und den globalen Bedeutungsverlust des Westens. Doch in Deutschland wird all das bisher kaum diskutiert.

Die einzige innenpolitische Debatte, die es in diesem Zusammenhang gibt, dreht sich um die Frage, ob afghanische Straftäter und Gefährder weiter nach Afghanistan abgeschoben werden sollen oder nicht. Union und FDP sind dafür, auch wenn das weltfremd und erbarmungslos erscheint; SPD, Linke und die Grünen dagegen. Armin Laschet und Robert Habeck haben diese jeweiligen Positionen gerade noch einmal bekräftigt. Aber was wird aus den Menschen, die man befreien und denen man Demokratie und Sicherheit bringen wollte? Was wird aus der afghanischen Armee und den Polizeikräften, die man bis vor Kurzem noch ausgebildet hat, und den vielen Helfern der Bundeswehr, die nun die Rache der Taliban fürchten müssen? Was soll aus den Menschen werden, die vor dem Vormarsch der Taliban fliehen werden? Dazu hört man kaum ein Wort, und für sie gibt es keinen Plan. Die Nachbarländer sollen’s richten, irgendwie.

Man könnte glatt vergessen, dass Deutschland fast 20 Jahre lang an diesem Krieg beteiligt war. Es war eine rot-grüne Regierung, die einst entschied, die Bundeswehr nach Afghanistan zu schicken. Wechselnde Regierungen haben den Einsatz verlängert, viele Medien haben ihn unterstützt. Daraus ergibt sich eine Verantwortung für das Land. Doch nun lässt man Afghanistan schmählich im Stich und entzieht sich still und leise der Verantwortung – vor allem die vielen Politiker:innen und Journalist:innen, die damals so laut und vehement für diesen Krieg getrommelt haben.

Warum analysieren sie nicht selbstkritisch ihre Fehleinschätzungen und werben jetzt wenigstens dafür, mehr Geflüchtete aus Afghanistan aufzunehmen? Was ist aus diesen „westlichen Werten“ geworden, für die man einst in den Krieg zog? Das ist ein Armutszeugnis, ein Wegducken – und es wird sich rächen, wieder einmal.

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14:45 04.08.2021

Ausgabe 38/2021

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