Abschied vom Frieden

Corona Wir dachten, große Katastrophen seien durch die Vermeidung von Kriegen für immer gebannt. Das war ein folgenschwerer Irrtum
Ein Arbeiter im Schutzanzug desinfiziert Autos in einem bulgarischen Skiort
Ein Arbeiter im Schutzanzug desinfiziert Autos in einem bulgarischen Skiort

Foto: Nikolay Doychinov/AFP

Das Coronavirus hat sich ganz ohne die Begleitung von Krieg und Hunger verbreitet. Das ist in dieser Dimension neu, denn sonst gehören Krieg und Seuche zusammen. Dieses Mal hat das genaue Gegenteil die Verbreitung begünstigt: globale Wirtschaftsverflechtung, Tourismus und Urlaubsverhalten sowie eine weithin sorglose Gesellschaft. Das lässt ahnen, dass wir uns auf tiefgehende und dauerhafte Veränderungen unseres Alltagsverhaltens einstellen müssen. Der paradoxe Beruhigungseffekt einer Verbindung von Seuchen und Kriegen steht diesmal nicht zur Verfügung.

Die Spanische Grippe, der zwischen 1918 und 1920 weltweit bis zu 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen, hatte den Ersten Weltkrieg wohl nicht als Ursache, aber der Krieg hat ihre schnelle Ausbreitung begünstigt: Die Bevölkerung Mitteleuropas war durch die schlechte Ernährung für die Infektion anfälliger als sonst; hinzu kamen die gewaltigen Truppenbewegungen, die US-amerikanischen Divisionen, die nach Europa geschickt wurden, die Kolonialregimenter aus Südasien und Afrika, die an der Front in Nordfrankreich kämpften, sowie die deutschen Truppenverschiebungen von der Ost- an die Westfront. In Verbindung mit dem notorischen Hygienemangel im Krieg sorgten sie dafür, dass aus der Grippewelle eine Pandemie wurde.

Der jetzt immer wieder anzutreffende Vergleich zwischen der damaligen Grippepandemie und Covid-19 in unseren Tagen zeigt neben einigen Ähnlichkeiten eine grundlegende Differenz: Nicht der Krieg, sondern der Frieden ist diesmal der Begünstiger einer viralen Explosion. Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir die Konsequenzen dessen begriffen haben. Der Entschlossenheit, mit der jetzt eine zunächst zögerliche Politik auftritt, steht eine behäbige Administration gegenüber. Man ist überfordert – und das bereits, bevor der Höhepunkt der Krankheitswelle erreicht ist. Es mangelt an Mechanismen, mit denen vom Normalbetrieb auf eine Ausnahmelage umgestellt werden kann.

Das könnte sich als die Schwachstelle liberaler Gesellschaften im Vergleich zu autoritär strukturierten Gesellschaften wie der chinesischen erweisen, deren militärische Substruktur zu einer – jedenfalls von außen betrachtet – kohärenten und konsequenten Reaktion in der Lage war, nachdem man es zunächst mit einer Politik des Vertuschens versucht hatte. Das Gegenmodell zur chinesischen Politik großflächiger Quarantänen und deren bedingungsloser Durchsetzung war für mehrere Wochen Norditalien, wo in den Provinzen Lombardei und Venetien viele Eltern mit ihren Kindern, nachdem die Schulen und Kindergärten geschlossen worden waren, in Skiurlaub fuhren. Offenkundig ist das Vorgehen gegen die Ausbreitung der Krankheit nicht strategisch geplant, sondern folgte einem Schema des Zurufs, bei dem man Infektionsquellen zu schließen suchte, ohne die Nebeneffekte der Schließung zu bedenken.

Das ist typisch für Gesellschaften, die strategisches Denken und Handeln verlernt haben. Zum Selbstverständnis postheroischer Gesellschaften gehört die Vorstellung, dass mit der systematischen Vermeidung von Kriegen der Einbruch des Katastrophalen gebannt sei. Die postheroische Gesellschaft beruhigt sich im Modus der statistischen Relativierung: So schlimm ist es nicht, die Zahl der Toten hält sich in Grenzen. In der Regel ist dieses Strukturmodell ein gut geeigneter Bearbeitungsmodus des Schreckens. Jetzt indes nicht, denn die erklärende Verknüpfung von Kriegen, Hungersnöten und Seuchen hat in den postheroischen Gesellschaften ihren Status gewechselt: Aus einem Warnhinweis ist ein Beruhigungsmittel geworden.

Das gilt freilich nicht für alle Gesellschaften. Am Rande der Wohlstandszonen, im Sahel, Maghreb sowie im Nahen und Mittleren Osten, sind Kriege, Unterernährung und Epidemien nach wie vor eng miteinander verbunden: Die Ausbreitung von Aids im Ostkongo etwa hatte viel mit marodierender Soldateska zu tun und die Epidemien im Jemen mit einer hungernden Bevölkerung. Hier sind alle Mechanismen des Dreißigjährigen Krieges nach wie vor in Kraft. Oder, wenn man es mit der Johannesoffenbarung hält: Hier neigen die vier apokalyptischen Reiter – Krieg, Gewalt, Pestilenz und Teuerung – nach wie vor zur Rudelbildung. Nicht so in den reichen, hedonistischen Gesellschaften des Nordens.

Und doch ist auch hier die Kriegsvorstellung präsent, nämlich in der Beschreibung und Bearbeitung der Pandemie: Haben auf dem herkömmlichen Schlachtfeld die Sanitäter zwischen denen unterschieden, die ohnehin dem Tod geweiht waren – man ließ sie liegen –, und jenen, bei denen ärztliche Versorgung Aussicht auf Rettung bot, so ist jetzt aus Italien zu hören, dass Alte und Vorerkrankte nicht in die Intensivstationen aufgenommen, sondern zum Sterben nach Hause geschickt werden, um die knappen Plätze denen mit Heilungschancen vorzubehalten. Das wird mit Konstellationen des Mangels gerechtfertigt. Doch der Modus eines Sanitätswesens unter Kriegsbedingungen schaut unverhohlen unter der Logik des Ökonomischen hervor.

Herfried Münkler lehrt Geschichte an der HU Berlin. Er ist Autor vieler Bestseller, unter anderem Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918

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