Abschied von einer Welt, die wir kennen

America´s New War I Der CDU-Politiker Willy Wimmer nach seiner Rückkehr aus Bagdad über einen drohenden »Clash of Cultures« und den Sog des Unausweichlichen

Peter Gauweiler (CSU) und Willy Wimmer (CDU) sind vor wenigen Tagen in Bagdad mit dem chaldäischen (*) Patriarchen Bidawid und christlichen Gemeinden zusammengetroffen. Danach berichteten sie Kurienkardinal Joseph Ratzinger bei einem Gespräch im Vatikan, die Christen in der irakischen Hauptstadt befänden sich in großer Ungewissheit und spürbarer existenzieller Not.

FREITAG: Sie sind bei Ihren Gesprächen in Bagdad auf ein ausgeprägtes Bewusstsein für die vorhandene Kriegsgefahr gestoßen. Woran ließ sich das erkennen?
WILLY WIMMER: Die Menschen wissen zum Beispiel, dass ihre Versorgung vorzugsweise über die 45.000 Verteilzentren für Lebensmittel gewährleistet wird, die von den Vereinten Nationen betrieben werden. Als wir dort waren, wurden gerade viele UN-Mitarbeiter wegen der Kriegsgefahr nach Zypern abgezogen. Das heißt, die vorhandene Infrastruktur für die Versorgung der Menschen bricht zusammen.

Außerdem weiß man natürlich ganz genau, welche Verheerungen ein möglicher Luftkrieg allein für Bagdad heraufbeschwört. Man weiß, dass es amerikanische Pläne gibt, die Stadt mit 3.000 Raketen zu bekämpfen, man weiß, dass damit ziviles Leben vernichtet wird. Wir hatten stets die Zahlen von Amnesty International im Hinterkopf, wonach mit 300.000 Toten in den ersten Kriegstagen und fünf Millionen Flüchtlingen zu rechnen ist - das muss man sich einmal vor Augen halten.

Wie konnten sich die Menschen darüber bisher informieren?
Sämtliche Iraker, die wir trafen, waren bestens unterrichtet - ich kann nur wiederholen: bestens. Sie waren es dank einer Vielzahl von Quellen. Es gibt etwa 200.000 Iraker, die bereits nach Syrien geflohen sind. Es gibt Zehntausende, die in Europa, Kanada oder in den USA leben. Die halten Kontakt mit ihren Familien. Ganz abgesehen davon, dass man BBC hören kann.

Welche Vorkehrungen für den Verteidigungsfall haben Sie wahrgenommen?
Zum Zeitpunk unseres Aufenthaltes gab es im Straßenbild hier und da Sandsackwälle und Gräben, aber nichts, was sonderlich auffiel. Die höchste Sandsackmauer erhob sich in der deutschen Botschaft.

Was lässt sich zum Zustand der christlichen Gemeinschaften sagen, denen Ihr Besuch galt?
Zunächst einmal: Es handelt sich um Gemeinden, die zu den ältesten der Christenheit überhaupt zählen, sie umfassen etwa 800.000 Gläubige. Da wir Erfahrungen mit Schikanen haben, denen die christlichen Kirchen zum Beispiel in der Türkei oder Saudi-Arabien ausgesetzt sind, waren wir wirklich erstaunt zu hören, dass es allein in Bagdad 53 recht vitale Gemeinden mit den dazu gehörenden Kirchen gibt, deren Türme und Kreuze unübersehbar sind. Die Bischöfe haben uns aber auch darauf hingewiesen, dass durch die Folgen des Golfkrieges von 1991 und des Embargos danach etwa ein Drittel ihrer Mitglieder entweder umgekommen ist oder das Land verlassen hat - ein Exodus von extremen Ausmaßen.

Sie haben Ihre Einschätzung Kardinal Ratzinger im Vatikan vorgetragen - auf welche Reaktion sind Sie gestoßen?
Wir haben über diese Unterredung Stillschweigen vereinbart, aber es war selbstverständlich die Befürchtung zu spüren, dass im Falle eines Krieges in jenem Gebiet unserer Erde, in dem die Wiege des Christentums stand, christliches Lebens völlig zerstört werden kann - weil die Menschen durch Bomben umkommen oder unter einen Auswanderungsdruck geraten, der unvorstellbar sein wird.

Weil die Muslime das Handeln der USA als Vorgehen eines christlichen Landes gegen die muslimische Welt empfinden?
Ja, man darf doch nicht vergessen, dass zwischen Marokko und Indonesien Millionen von Christen leben, deren Existenzgrundlage durch einen Krieg in Frage gestellt wäre. Da droht ein Clash of Cultures - eine Konfrontation, bei der zwei Kulturkreise unserer Welt, die untereinander auf Kooperation angewiesen sind, für Generationen in eine bedingungslose Feindschaft geraten. Die Auswirkungen können bis an den Rand eines globalen Konfliktes führen. Wer unter diesen Bedingungen zum Mittel des Krieges greift, während Herr Blix sagt, man könnte die von der UNO geforderte Abrüstung des Irak mit friedlichen Mitteln erreichen, der muss sich fragen lassen, was wird den Menschen in vielen Regionen unseres Planeten damit angetan?

Auch eine Eskalation von Spannungen zwischen den Muslimen selbst kann katastrophal sein. Allein in der Sechs-Millionen-Stadt Bagdad gibt es riesige schiitische Wohngebiete mit bis zu zwei Millionen Menschen. Man befürchtet, dass bei einer außer Kontrolle geratenden Situation eine Blutorgie ausbricht, die sich gegen die herrschende sunnitische Minderheit und deren Privilegien richtet. Da können Rechnungen beglichen werden, die zum Teil Jahrhunderte alt sind.

Wir haben uns immer wieder gefragt, wie würden eigentlich in Deutschland die Menschen reagieren, müssten sie unter einer derart existenziellen Bedrohung leben. In Bagdad ist bis zuletzt die Normalität des Lebens soweit wie möglich aufrechterhalten worden. Wir haben nichts gesehen, was auf Panik hindeutete. Ich habe auch noch nie erlebt, dass mir Menschen unter solch hoffnungslosen Umständen mit soviel Würde begegnet sind.

Gab es während Ihrer Gespräche Andeutungen über eine irakische Lösung, sprich: eine Kapitulation vor dem Krieg?
Wir hatten keinen Kontakt mit offiziellen Vertretern der irakischen Regierung. Außerdem verbietet sich da jede Spekulation. Das hieße ja auch, es gäbe eine Lösung, ohne dass die Amerikaner ins Land kommen, aber es spricht doch vieles dafür, dass sie - mit welchen Begründungen auch immer - genau das wollen. Das Exil oder ein Rücktritt Saddams wäre da kein Ausweg. Deshalb steckt man ja international in einer Sackgasse - ob nun in den Vereinten Nationen, in der NATO oder in der EU - weil man ahnt, dass die Welt, die wir kennen, vielleicht die nächsten 14 Tage nicht überlebt. Danach müssen wir uns möglicherweise in einer Ordnung zurecht finden, die keinerlei Strukturen mehr hat - zumindest keine der gewohnten Strukturen mehr. Ich frage mich zuweilen, ob wir Sarajevo und dem Sommer 1914 näher sind, als uns das bewusst ist.

Hatten wir es demnach in den vergangenen Wochen auch mit einem Aufbäumen der Vereinten Nationen gegen den Sog des Unausweichlichen zu tun?
Bei allen Gefahren, die derzeit für die UNO bestehen, gab es keine Zeit - abgesehen vielleicht von der Kuba-Krise -, in der die Weltorganisation so wichtig war wie heute. Wir können uns keine Welt vorstellen, die auf den Ausgleich von Interessen angewiesen ist, wenn es dafür die Instanz der Vereinten Nationen nicht mehr geben sollte. An deren Stelle würden dann die Machtbefugnisse und die Deutungshoheit eines Landes treten. Übrig bleiben würde eine Welt der Quislinge, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Da hängt man mit jeder Faser seiner politischen Existenz an dem, was heute in der UNO geschieht, auch wenn es da keine Einmütigkeit gibt. Was wir heute haben, ist mir lieber als das, was morgen kommen könnte.

Sie als christdemokratischer Politiker und Parlamentarier gefragt: Wie sollte die Fraktion von CDU/CSU reagieren, handeln da die Amerikaner autark von der UNO?
Frau Merkel und Herr Stoiber haben sich seit August 2002 in einer Frage immer sehr eindeutig geäußert, dass dieser Konflikt unter allen Umständen in den Vereinten Nationen gehalten werden muss - im Interesse einer friedlichen Lösung. Das ist ein Maßstab, den wir aus meiner Sicht unter keinen Umständen aufgeben sollten. Man sollte sich vielleicht im Augenblick bemühen - wegen der Dimensionen des Schreckens, der auf uns zukommt - kein Öl ins Feuer zu gießen.

Öl ins Feuer der Amerikaner?
Selbstverständlich.

Das Gespräch führte Lutz Herden

(*) Die Glaubensgemeinschaft geht zurück auf aramäische Stämme, die seit dem 9. Jahrhundert im südlichen Babylonien siedelten.

00:00 21.03.2003

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