Abschied von gestern

Suhrkamp Die Auseinandersetzung um den Verlag wird zum mittelalterlichen Ritterspektakel um Ehre und holde Dame: Worüber reden wir eigentlich, wenn wir über Suhrkamp reden?
Abschied von gestern
Klingelschild der Berkéwicz-Villa am Nikolassee
Foto: Michael Kappeler/ dpa

Worüber reden wir eigentlich, wenn wir über Suhrkamp reden? Zuletzt ging es nur noch um eine pompöse Villa am Nikolassee, um eine in rechtlichen Dingen zu sorglose Verlegerin, um eine Heuschrecke namens Hans Barlach, um Eigentumsverhältnisse, Führungsansprüche und Renditeerwartungen. Das sind Dinge, die wenig zu dem passen, was den Suhrkamp-Verlag ausmacht: Suhrkamp als „Institution“, als „Leuchtturm“, ja, mehr noch, als „Suhrkamp-Kultur“. Diese eigentümliche Selbstverkulturung, die auf eine Sentenz des Philosophen George Steiner aus dem Jahr 1973 zurückgeht, hat ansonsten kein deutscher Verlag geschafft.

Damals war Suhrkamp tatsächlich das intellektuelle Zentrum der Bundesrepublik. Heute scheint Suhrkamp-Kultur etwas zu sein, das in endlosen Prozessen vor Gericht hergestellt wird. Arno Widmann hat das in der Berliner Zeitung mit einer Barock-Oper verglichen; Rainald Goetz sprach in der Süddeutschen von einer daily soap. „Die Soap“, so Goetz in diesem bemerkenswerten Gespräch, „ist das sehr wenig schöne Narrativ für die Beobachtung sich lang hinziehender Konflikte.“ Für einen Autor wie Goetz, der sich für die Bruchlinien zwischen den Subsystemen Recht und Wirtschaft interessiert und das Recht als die „Niederlage der Vernunft“ bezeichnet, ist da Material für einen neuen Gesellschaftsroman zu finden. Der könnte dann, statt Johann Holtrop, Hans Barlach heißen.

Worüber im Feuilleton geredet wird, wenn über Suhrkamp geredet wird, ist fast ausschließlich die Vergangenheit, als ob sich schon aus der gloriosen Geschichte eine tragfähige Zukunft ableiten ließe. „Wer darüber bestimmt, was war, bestimmt auch darüber, was ist“, hat Frank Schirrmacher in der FAZ einmal in anderem Zusammenhang geschrieben und beherzigt diese Maxime nun auch in Sachen Suhrkamp. Mit harten Bandagen wies er die von Richard Kämmerlings in der Welt geführten Angriffe gegen die Verlegerin Ulla Berkéwicz zurück und verteidigte zugleich die eigene Deutungshoheit gegenüber dem jüngeren Kollegen, dem er vorwarf, sich bloß profilieren zu wollen.

Das war weder Soap noch Barock-Oper, sondern mittelalterliches Ritterspektakel um Ehre und holde Dame. Die Frage, welche wirtschaftliche Perspektive Suhrkamp haben könnte, blieb auch dabei unterbelichtet. Kann das von Siegfried Unseld so überzeugend ausgefüllte Rollen-Modell des Verleger-Eigentümers heute noch funktionieren? Ist Ulla Berkéwicz dafür die richtige Besetzung? Und: Ist Hans Barlach vielleicht nicht nur der „Unhold“, als den ihn Peter Handke sieht, sondern auch der Mann, der die roten Zahlen kennt?

Suhrkamp lebt vor allem von akkumuliertem geistigen Kapital: von der Backlist, die aber tendenziell immer weniger abwerfen wird, weil das gedruckte Buch an Wert verliert, wie in den Netzantiquariaten gut zu sehen ist. Zuletzt wurden die Bilanzen durch die Verkäufe des Archivs nach Marbach und des Frankfurter Verlagssitzes ausgebessert. Wer in Ulla Berkéwicz die Hüterin des Erbes sieht, liegt schon deshalb falsch. Absurd wird es allerdings, wenn Hans Barlach das eigene Sich-Einkaufen ins Unternehmen im Gegensatz zum Status des Erbens als originärere kulturelle Leistung ansieht. Damit ist er dann doch bloß die komische Figur einer Barock-Oper.

Jörg Magenau ist freier Autor und Literaturkritiker

11:41 02.01.2013

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