Abschied von Piroschka

Ostwind Kolumne

Es ist müßig, an dieser Stelle wie gewohnt an die letzte Osteuropa-Kolumne erinnern zu wollen, sie liegt schon einige Ausgaben und damit Wochen zurück. Aber Martin Leidenfrost war in der Zwischenzeit nicht untätig, sondern viel unterwegs, um an dieser Stelle den Erzählfaden weiterspinnen zu können. Diesmal führt ihn sein Weg nach Levél in Ungarn, einer Ortschaft an der Grenze zu Österreich, über die oft im Internet schwadroniert wird. Zumeist sind es Freier, die sich darüber austauschen, ob es sich auch gelohnt hat, nach Levél zu fahren und Piroschka oder andere Frauen vom Straßenstrich zu treffen. Sonstige West-Ost-Begegnungen kommen in dieser Gegend kaum vor.

Der Mensch ist im Zeitalter des Internets durchsichtig geworden. Einige Berufsgruppen trifft das besonders, zum Beispiel Autoren oder Prostituierte. Wer Texte publiziert, konnte noch vor wenigen Jahren hoffen, dass sich die misslungenen Sachen rasch verlieren; heute findet sich der letzte Dreck im Netz.

Auch Prostituierte sind unfreiwillig gläsern. Was noch vor wenigen Jahren auf private Runden beschränkt war, erweitert und vervielfältigt sich nun im virtuellen Raum: das Gespräch von Freiern, die sich über Prostituierte austauschen. Die Freier tun das in elektronischen Sexforen. Dort bleiben sie anonym, entsprechend freimütig äußern sie sich.

Einmal las ich im Internet einen solchen Chat nach, einen Sexkunden-Dialog, der im Jahr 2004 begonnen hatte und längst ausgelaufen war. Was vor meinen Augen abrollte, war eine vielstimmige Erzählung von Dutzenden Seiten, mal roh und verächtlich, mal sachlich und berechnend, mal prahlerisch und naiv. Ort der Handlung war eine Hüttensiedlung in Levél, einem nordwestungarischen Dorf nahe der österreichischen Grenze. Die Erzähler, sie stammten wohl aus dem Großraum Wien, nannten sich Priapos, Netspezi, Mörty, Stefan_39 oder Onkel Dagobert. Der Grundton war lässig, alle verglichen die Preise, und Verbformen wie "waschte" und "blaste" ließen erahnen, dass nicht alle Beteiligten deutscher Muttersprache waren.

Die Heldin unter den beschriebenen Prostituierten war "Piroschka". Einig waren sich die zahlreichen Erzähler nur darin, dass die junge Ungarin ungern den BH ablegt. Ansonsten gingen die Meinungen der Männer, die nacheinander Piroschkas Kunden waren, auseinander. "Nach einer halben Stunde wurde sie ganz nervös und hat aufs Beenden gedrängt", schimpfte einer "und das, obwohl ich 100 gelöhnt hatte." Die anatomischen Beschreibungen will ich nicht wiedergeben. Sie waren sehr genau.

Neulich bin ich nach Levél gefahren. Ob es uns gefällt oder nicht: Das Bild, das männliche Westler von den östlichen Nachbarn haben, setzt sich oft allein aus solchen Begegnungen zusammen. Die meisten Sexdestinationen liegen im Grenzsaum der Tschechischen Republik - aber auch Ungarn stand einmal im Ruf eines solchen Milieus. Ich wollte wissen, wie still es inzwischen um das ungarische Gewerbe geworden ist. Ich wollte sehen, ob es den Zielort der verstummten Freier überhaupt noch gibt. Ich wollte ein Interview mit Piroschka.

Levél liegt zwischen einer Autobahn, einer Bahnlinie und aufwändig aufgeschütteten Schnellstraßen für den Schwerverkehr. Die verschiedenen Quellen des Verkehrslärms verschmelzen zu einem einzigen Grundrauschen. An der zweisprachigen Ortstafel ersehe ich, das Dorf war einmal deutsch besiedelt: Levél/Kaltenstein. Es gibt eine katholische Kirche, eine evangelische Kirche und drei Tankstellen.

In der Umgebung, welche die Ungarndeutschen Heideboden nannten, stehen zwei Windparks. Es bläst ein kräftiger Wind, und die Windräder des einen Windparks rotieren munter. Die zwölf Windräder hinter der Schnellstraße stehen hingegen unbewegt, gleichsam mit angezogenen Handbremsen da. Der gesuchten Hüttensiedlung ist eine abgetakelte Tankstelle vorgelagert. Ein Österreicher Ende 50, Typ ländlicher Heimwerker, stoppt dort seinen VW-Bus. Er fährt eine Runde durch die Siedlung, ganz langsam, in Schrittgeschwindigkeit. Dann verschwindet er wieder in seine Richtung, laut Autokennzeichen in den grenznahen Bezirk Neusiedl am See.

Ich bin zu Fuß und muss mich zum Betreten der so genannten EXPO-City zwingen. Die ersten Hütten waren einmal Schuh- und Modeläden, winzig und längst leergeräumt. Die folgenden Häuser sind größer, mit Holzbalkonen, ein paar vielleicht bewohnt. Ein paar Schilder künden von Zimmervermietung, aber die Bars und Clubs sind geschlossen. Alles totenstill.

Ich bin schon fast durch, da kommt beim "Franz-Turm", dem Aussichtsturm der Siedlung, eine Frau auf mich zu. Sie macht einen ungesunden, abgekämpften Eindruck. Sie bedeutet mir mitzukommen.

"Ist Piroschka da?", frage ich verlegen. Sie reagiert kein bisschen überrascht: "Warum alle wollen Piroschka?" Sie macht mir ein Angebot für 30 Euro und reduziert es mit dem nächsten Atemzug auf 20, plus fünf Euro für das Zimmer. "Ich will nur reden", erkläre ich. Auch das hat sie nicht überrascht: "Warum alle sagen: nur reden?"

Piroschka sei nicht da. Die achtjährige Tochter der Chefin habe Geburtstag und Piroschka feiere mit. "Wo ist dein Auto?" fragt sie. "Ich bin mit dem Zug da." Jetzt ist sie überrascht. Ich habe Angst, sie könnte ihren Preis noch einmal unterbieten, und sage zu ihr: "Können wir für 25 Euro reden?" Sie führt mich in eines der Häuser.

Im Erdgeschoss war wohl ein Schankraum, Tische und ein Tresen aus billig überzogenen Spanplatten sind übrig geblieben, noch nicht einmal abgenutzt, und doch atmet der leere ungeheizte Raum Verfall.

Wir gehen nach oben, unter die Dachschräge. Die Tür zu ihrem Schlafzimmer steht offen. Eine winzige Kammer mit einem schmalen Futon. Kaum ist die Tür zugezogen, hat sie schon den Pullover ausgezogen und fragt: "Mit oder ohne Gummi?"

Ich gebe ihr das Geld, lasse sie den Pullover wieder überziehen, und es ist ihr auch egal. Dann reden wir, einmal hupt draußen ein Wagen. "Chefin", murmelt sie und läuft hinunter. "Zwei, drei Business" habe sie nur noch pro Woche. Die Kunden seien Österreicher, Türken, auch Ungarn. Es gebe insgesamt nur noch drei Prostituierte in der Expo-City, außer ihr noch Piroschka und eine vierfache Mutter. Sie selbst sei aus der nahen Großstadt Györ, allein und kinderlos. Sie wolle dorthin, wohin schon einige ihrer Kolleginnen verschwunden seien, nach Wien, auf den Straßenstrich der Äußeren Mariahilfer Straße. Dort könne sie 200 bis 300 Euro täglich machen.

Nach dem Gespräch führt sie mich hinaus. Ich frage nach dem Briefkasten am Haus. Ja, der Briefträger bringe ihr die Post hierher, zu dem Haus, das zweisprachig angeschrieben ist: "Unter dem Linden". Die anderen Häuser seien Motels, meint sie, doch scheint mir die Wäsche auf einigen Balkonen nicht ins Bild zu passen. Erobert sich das normale Leben den Puffbezirk zurück?

Wir verabschiedeten uns schließlich, und ich ging essen. Eine Stunde später standen die Windräder hinter der Schnellstraße immer noch still, und lautlos glitten die Sattelschlepper im Gegenlicht der untergehenden Frühlingssonne dahin.

Das Auto der Chefin stand noch an der Tankstelle, auch beide Frauen waren noch da. Mag sein, vielleicht hat nicht alles gestimmt, was mir erzählt wurde. Oder lässt die Chefin ihr Töchterchen mit Piroschka allein? Ich ging zum Zug, sie winkten mir heftig, und die Chefin wieherte vor Lachen.


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00:00 06.04.2007

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