Abschied von vorgestern

Nahost Nun verhandeln sie wieder. Da trifft es sich, dass im Westjordanland eine neue, säkulare Kultur heranwächst

Leichtfüßig rennen sie über die Bühnen, blinzeln der Heldin zu, umgarnen und umschmeicheln, ganz nach alter, zeitloser Schule. Denn Antigone ist zwar eine tragische Figur, das ja; aber sie ist eben auch eine Frau, und in dieser Aufführung sogar eine besonders attraktive. Unmöglich, ihr nicht gefallen, nicht mit ihr flirten zu wollen. So liegt etwas Leichtes in der Aufführung der Antigone, jenes Stücks um Freiheit und Widerstand gegen den absoluten Herrscherwillen. Und darauf kommt es an, meint George Ibrahim, der Leiter der vor wenigen Monaten eröffneten „Drama Academy“ in Ramallah. „Der Stoff muss vergnüglich, spielerisch dargeboten werden – dann hat er es leichter beim Publikum.“

Zwar gibt es eine ganze Reihe von Theatern im Westjordanland. Aber seit gut 40 Jahren müssen sie ihre Zuschauer massiv umwerben. Nach der israelischen Besatzung im Jahr 1967 litt das kulturelle Leben im Westjordanland auch daran, dass große Teile der Intelligenz die Region verließen; die bürgerliche Basis wurde schmaler, mit ihr schwanden die kulturellen Impulse. Moderne Inszenierungen auf die Bühne zu bringen, wurde immer schwieriger. So wurden die Ruinen verlassener Dörfer, die sich in ehemals palästinensischen Regionen bis heute erhalten haben, zum Sinnbild der palästinensischen Kultur: ein waste land, in dem fast nichts an die Vergangenheit erinnerte, dessen Überlieferungen und Traditionen verloren und vernichtet waren.

Genau daran will man jetzt aber wieder anknüpfen, erklärt Hazem Jamjoum. Der junge Historiker sitzt in seinem Büro des Flüchtlingswerkes Badil („Alternative“), das sich auch für das kulturelle Leben im Westjordanland engagiert. „Wir wollen die verlorenen Traditionen wieder beleben“, erklärt er. Vergessene Lieder, Geschichten, Bräuche, all das wolle man dem Vergessen entreißen. „Allerdings“, erklärt er, „geht es uns nicht darum, die Tradition um der Tradition willen zu beleben. Wir wollen nicht zu einem imaginären Gestern zurückfinden, sondern das kulturelle Erbe an die Gegenwart anschließen. Nur dann macht kulturelles Leben ja überhaupt Sinn.“ Dieses Sinnbedürfnis empfinden in letzter Zeit immer mehr Bürger des Westjordanlands. Überall entstehen neue Tanz- und Musikvereine, Ateliers, literarische Zirkel, kleine Schulen, die den Umgang mit den neuen Medien lehren. Immer mehr palästinensische Künstler und Intellektuelle kehren ganz oder zumindest zeitweise ins Westjordanland zurück, um dort zu wirken . Für die jüngeren wiederum lässt der Druck, auszuwandern, nach. „Ich wollte unbedingt Schauspieler werden“, erläutert etwa Amjad Natscha, einer der Absolventen des neu gegründeten Studiengangs an der Drama Academy in Ramallah. „Aber jetzt brauche ich das nicht mehr, jetzt kann ich hier studieren. Gäbe es die Akademie nicht, wäre ich ins Ausland gegangen, egal, wohin: Paris, London, Tokyo. Hauptsache, ich erhalte eine Schauspielausbildung.“

Ohne feste Anhaltspunkte

Die Kultur gerät in Bewegung, und das – so der Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Elias Sanbar – kann dem Land auch politisch nur gut tun. In den langen Jahren der Besatzung hätten sich die Palästinenser, ohne sich dessen bewusst zu werden, der kulturellen Logik der Israelis angepasst. Dem Mythos des Gelobten Landes hätten sie eigene Traditionen entgegenzusetzen versucht, Traditionen, die ihren eigenen Anspruch auf das Land untermauern sollten. So hätten sich beide Parteien, Israelis wie Palästinenser, wieder und wieder über die Landkarten gebeugt, alte Quellen studiert, die Erde nach Beweisen für die Jahrtausende alte Existenz der Väter und Vorväter umgegraben. Beide Seiten hätten an den abenteuerlichsten Mythen und Legenden gestrickt. Die Thesen mancher – oft selbsternannter – Historiker mochten so phantastisch sein wie sie wollten, so lange sie der nationalen Sache dienten, die ununterbrochene Präsenz auf dem umstrittenen Boden zu beweisen schienen, waren sie willkommen. Dabei käme es doch auf den Nachweis, die Region immer schon bewohnt zu haben, gar nicht an. Wichtig sei etwas ganz anderes: zu zeigen, dass man jetzt da sei. Und darum auch das Recht habe, dort zu bleiben. Vor allem mache man sich frei von einer mythisch und religiös begründeten Geschichtsauffassung, die längst nicht mehr in die Zeit passe.

Man muss also andere Wege gehen. Die Frage ist nur, welche. „Das Problem der palästinensischen Poesie“, schrieb der 2008 verstorbene Dichter Mahmud Darwisch in seinem Tagebuch der alltäglichen Traurigkeit „ist, dass sie ihren Weg begonnen hat, ohne sich auf feste Anhaltspunkte stützen zu können, ohne Historiker, ohne Geographen, ohne Anthropologen. Das macht es für Palästinenser unumgänglich, durch einen Mythos hindurchzugehen, um beim Bekannten anzukommen.“

Aber welcher Art könnte dieser Mythos sein? Die Dichtergeneration nach Mahmud Darwisch gibt verhaltene Antworten. Der bewaffnete oder auch nur der gewalttätige Kampf, der für viele Palästinenser lange Zeit eine zentrale Rolle spielte, hat für manche ausgedient. Längst wissen sie, dass dieser Kampf seine ganz eigene Dialektik entwickelt. Er lässt die Kämpfer nicht mehr los, verhext sie, hält sie in psychologischer Gefangenschaft. „Der Krieg braucht uns nicht“, schreibt der Dichter Jihaad Hadib. „Aber er kam zurück, mit einem Gefolge wie Wachhunde.“ Was das bedeutet, hat die 1980 geborene Lyrikerin Maia Abu Al Hayat in ihrem Gedicht Ich will mein Palästinensertum nicht beschrieben. „Trunkene und Narren“ seien es, die die Soldaten an einem Checkpoint mit Steinen bewürfen – Menschen also, die kaum wüssten, was sie tun, Gefangene einer übermächtigen Situation. Unfähig, Wut und Hass hinter sich zu lassen, die täglichen Demütigungen und Erniedrigungen gelassen zu ertragen, benähmen sich die Demonstranten wie in Trance, deutet Al Hayat an. Was wie ein extremer Pazifismus klingt, zielt allerdings auf etwas anderes: auf die Verletzungen, die sich die Palästinenser unter der Besatzung selbst zufügen. Die Wut am Checkpoint, „lässt euch in die Hände eurer Kinder beißen“ – es fällt schwer, sich ein drastischeres Bild für die selbstzerstörerischen Tendenzen einer unterdrückten Gesellschaft zu finden. Die Palästinenser sind in einem Maß gefangen, so ihre Analyse, das ihnen selbst nicht bewusst ist: „Ich hasse euch, denn ihr steht in einer Ecke / Und gebt es nicht zu“.

Coolness, Ironie sind also angebracht. So sieht es jedenfalls der Künstler Suleiman Mansour. Auf die Sperrmauer in Ramallah hat er Gottes und Adams zum Handschlag sich ausstreckenden Finger gemalt; die zentrale Szene jenes großen Gemäldes also, das Michelangelo einst für die Decke der Sixtinischen Kapelle schuf. Doch während sich bei dem italienischen Renaissancemeister der Schöpfer und sein Geschöpf fast die Hand reichen konnten, sind Gottes und Adams Finger in Ramallah nun meterweit voneinander entfernt. In Palästina scheint also der einfache Handschlag unmöglich. Die Arme des Schöpfers sind für solche Wunder schlicht zu kurz.

Vielleicht ist das auch ganz gut so, meinen manche. Etwa in der kulturellen Zusammenarbeit zwischen Israel und Palästina, auch bei viel gelobten Projekten wie dem von dem Dirigenten Daniel Barenboim und dem Literaturwissenschaftler Edward Said gegründete West-Eastern Divan Orchestra. Projekte dieser Art seien gut und schön, ist von manchen Intellektuellen zu hören, aber sie verdeckten die Machtfrage. Es gehe im palästinensisch-israelischen Konflikt weder um Kultur noch um Religion, sondern um Politik, genauer: um Gebietsansprüche einerseits und Freiheitsansprüche andererseits – um harte Fakten also, deren Brisanz durch die schönen Worte vom kulturellen Miteinander überdeckt würden. Außerdem erweckten solche Projekte den Anschein, als engagierten sich in ihnen diejenigen Palästinenser, die den Frieden wirklich wollten, während alle anderen Radikale seien. Und noch etwas störe ihn, erklärt ein Gesprächspartner: In solchen Projekten erhielten junge Israelis Eindrücke von den Palästinensern, die sie später zu ganz anderen Zwecken einsetzen könnten. Er kenne ehemalige Teilnehmer, die jetzt beim israelischen Militär und Geheimdienst arbeiteten, erklärt einer der Gesprächspartner. Er selbst fühle sich dadurch verraten und zusätzlich ausgebeutet.

Gott sei Dank nicht religiös

Es gilt also, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Aus diesem Anliegen sind einige Organisationen entstanden, die sich dem politischen Tourismus verschreiben. Sie bieten etwa Touren an, auf denen die Besucher palästinensischen Bauern bei der Olivenernte helfen können. Dabei geht es um mehr als nur ein paar Handreichungen. Die meisten Felder liegen in unmittelbarer Nähe zu den Grenzanlage nach Israel oder jüdischer Siedlungen. In beiden Fällen kommt es immer wieder zu Begegnungen mit Soldaten und Siedlern. Sind dabei westliche Touristen zugegen, laufen diese Begegnungen oft spürbar entspannter ab als dann, wenn keine Zeugen zugegen sind. Fotoapparate und Kameras haben eine enorm mäßigende Wirkung. Zugleich ermöglichen solche Reisen aber auch den direkten Kontakt zwischen Besuchern und Einheimischen, lassen Dialoge entstehen. Zwar konnten sich die Palästinenser auch bislang über mangelnde Besucher nicht beklagen: Über zweieinhalb Millionen Reisende besuchten das Land im Jahr 2009, ihre Zahl steigt seit Jahren. Allerdings sind die allermeisten nur auf Kurzvisite da, machen von Jerusalem aus einen Abstecher zu den heiligen Stätten in Bethlehem oder Hebron und sind abends schon wieder zurück in Israel. Mit Palästinensern kommen sie während dieser Zeit kaum in Kontakt.

Das muss sich ändern, findet Rami Al Qassis, Direktor der „Alternative Tourism Group“, die das Pflanzprogramm in Zusammenarbeit mit dem palästinensischen YMCA entworfen hat. Der Enddreißiger sitzt in seinem Büro in Beit Sahur, einem kleinen Ort in direkter Nachbarschaft zu Bethlehem. Eigentlich, erklärt er, sei das Westjordanland wie geschaffen für den Tourismus. Allerdings hätten es die Palästinenser bislang versäumt, ihr Land entsprechend zu erschließen. Das sei nicht nur ökonomisch bedauerlich, sondern auch politisch. Der Tourismus ermögliche den Besuchern, sich ein eigenes Bild von den Verhältnissen vor Ort zu machen. „Wir wollen niemanden indoktrinieren“, erläutert der Manager. „Wohl aber wollen wir den Besuchern Gelegenheit geben, den israelisch-palästinensischen Konflikt aus unserer Perspektive wahrzunehmen.“

Freundliche Einladungen, sperrige Mythen, Kritik an den Kosten des Kampfes: Die Kultur sprießt wieder im Westjordanland. Und sie präsentiert sich in säkularer Form. Einer Region, in der religiöser Wahn das Leben seit Jahrzehnten verhext und vernichtet, kann das nur gut tun.

Kersten Knipp ist promovierter Romanist und lebt in Köln. Seit Jahren arbeitet er auch zur arabischen Welt, insbesondere zu Palästina. Er hat die Region mehrfach bereist.

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10:30 11.09.2010

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