Abschreckung

Berliner Abende Auf dem Land habe ich gesehen, wie es funktioniert. Die ursprünglichen Varianten gehen in der Großstadt verloren. Sie werden ersetzt durch den ...

Auf dem Land habe ich gesehen, wie es funktioniert. Die ursprünglichen Varianten gehen in der Großstadt verloren. Sie werden ersetzt durch den Einfallsreichtum kranker Gemüter und die Vorstellungskraft geschäftstüchtiger Unternehmer.

Da wo keine Stadt ist, müssen sich die Menschen selbst kümmern. Wen immer sie abschrecken wollen, es obliegt ihrer eigenen Fantasie, wie sie es tun. Nehmen wir nur einen beispielsweise mit Grünkohl bepflanzten Acker. Nicht dass die für Gänse gedachte Beilage Begehrlichkeiten bei den umwohnenden Nachbarinnen und Nachbarn weckt - es sind eher die Tiere des Waldes, die aufmerksam alle Wachstumsphasen des Kohls beobachten, bis sie ihn für Wert befinden, gestohlen und verzehrt zu werden. Sie haben Hunger und Appetit - eine Mischung aus Not und Lust also, der kein Grünkohlfeld gewachsen sein kann.

Auf dem Land habe ich gesehen, was die Menschen dagegen tun. Sie lassen sich vom Friseur der nächstgelegenen Kleinstadt abgeschnittenes Haar in Plastiktüten packen. Vielleicht geben sie für diese Berge abgestorbener Zellen ein paar Cent. Vielleicht genügt ein Dankeschön und das Versprechen auf frischen Grünkohl.

Zu Hause teilen die Kohlbesitzer die langen, kurzen, grauen, gefärbten, dauergewellten, schuppigen, gespaltenen, gesplissten, fettigen oder trockenen Haare in gleich große Haufen, besprühen diese mit Haarlack oder anderen, dem Menschen zuordenbare Substanzen, packen sie in mit kleinen Löchern versehene Plastikbeutel, binden diese an einen Stock und stecken die vogelscheuchigen Kreationen in regelmäßigen Abständen aufs Feld und mitten in den Grünkohl. Das schreckt, so erzählte mir ein Einheimischer, die Tiere des Waldes ab. Sie können Menschen nicht riechen, auch wenn sie sich immer häufiger in bebauten Gegenden auf Nahrungssuche machen, und auch wenn sie den kulinarischen Vorlieben der ihnen feindlich gesinnten Spezies nicht abhold sind. Natürlich müssen die Haare regelmäßig mit frischem Lack besprüht werden, um die abschreckende Wirkung beizubehalten. Man darf es nicht vergessen.

Wenn ein leichter Wind über die Grünkohlfelder geht, bewegen sich die Plastiktüten hin und her und machen ein Geräusch, das nach Verderben klingt.

In der Stadt besteht keine Notwendigkeit, sich solch sonderbarer Methoden zu bedienen. Denkt man. Es ist falsch gedacht, denn auch in der Stadt treiben Tiere ihr Unwesen und vergreifen sich am Eigentum fremder Menschen, verunstalten es, fressen es, besudeln es mit ihren stinkenden Exkrementen. Sie scheißen auf Balkone, bauen Nester, wo höchstens eine nett blühende Klematis erlaubt ist, sie pinkeln an Bäume und auch an Autos, wenn keine Bäume da sind, vermehren sich in der Kanalisation, bevölkern Müllschlucker, kriechen nachts aus ihren Löchern, um über leere Plätze zu huschen und nach in Ketchup aufgeweichten Pommesresten zu suchen.

Es ist nicht erlaubt, in der Stadt den Abfall der Frisiersalons in Plastiktüten zu packen, diese an Stöcke zu binden, die ins Erdreich von Grünanlagen getrieben werden. Man darf keine toten Ratten zur Abschreckung an Imbissstände hängen, um sie dort verludern zu lassen. Man wird bestraft, wenn die prachtvollsten Exemplare toter Kakerlaken mit Stecknadeln im Hausflur an die Wand genagelt werden, um dem Hausbesitzer eine Botschaft zu übermitteln. Ohne Erlaubnis darf niemand Gift in die Grünanlagen bringen, um Tauben zu töten, keiner kann einfach sein Luftgewehr nehmen und die rollige Katze vom Nachbarn erschießen.

Die Stadt macht aus Jägern Pantoffelhelden, aus fantasievollen Abschreckern leidende Allergiker, aus bewaffneten Schützern des Eigentums denunzierende Jammerlappen, die sich bei der Lokalzeitung über Rattenplagen und Taubenscheiße aufregen.

Eigentlich, im Grunde ihrer verkümmerten Herzen, wollen sie alte Damen in die Spree werfen, weil die sonntags immer Tauben füttern gehen. Sie möchten sich Katapulte bauen, um Ratten, die so groß wie Drahthaarterrier sind, das Fürchten zu lehren. Sie räucherten gern Kakerlaken-Stämme aus und äßen vielleicht auch wieder Hundefleisch, wenn es eine Jagdsaison für Haustiere gäbe. Blindenhunde ausgenommen.

Aber es besteht keine Notwendigkeit und es gibt auch keine Rechtsgrundlage für solches Handeln. Tauben werden sterilisiert. Grünkohl ist in jedem Supermarkt zu haben. Friseure und Haarstylisten entsorgen ihren Abfall in die städtischen Müllverbrennungsanlagen, Kammerjäger kümmern sich um Ungeziefer, Gesetze um Hundescheiße.

Und das Leben ist langweilig. Obwohl die Menschen weiterhin zum Friseur gehen.

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00:00 09.01.2004

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