Abseits der Straße

Kinogänger als Flaneur Die Filmkritiken Siegfried Kracauers aus den zwanziger und dreißiger Jahren liegen in einer hervorragenden Gesamtausgabe vor

Die Lektüre von Siegfried Kracauers Kleinen Schriften zum Film, die jetzt auf drei Bände verteilt von der Münchner Literaturwissenschaftlerin Inka Mülder-Bach herausgegeben worden sind, stimmt melancholisch. Stellt sie doch eine Persönlichkeit vor, wie sie heute undenkbar erscheint: einen Filmkritiker, für den der Begriff Journalist zu klein scheint, der aber noch in seinen kürzesten Texten die Größe seines Denkens schreibend zur Entfaltung bringt.

Dass Kracauer nicht unbedingt zum Darling des akademischen Betriebs avanciert ist, mag der äußerlichen Disparatheit seines intellektuellen Schaffens geschuldet sein. Seine Name taucht öfter auf: in der Filmtheorie wie in der Philosophie, in der Literatur wie in der Publizistik, im Umkreis der Frankfurter Schule wie in der Literatur. Dass der studierte Architekt darüber hinaus auf eine weit mehr als tausend Seiten umfassende Praxis als Filmkritiker verweisen kann, erinnert in unseren Tagen daran, dass eine Kultur verloren ist, die solche Repräsentanten hatte. Heute scheinen akademischer Diskurs und journalistisches Tagesgeschäft weit gehend getrennt, was mit der Institutionalisierung einer Disziplin wie der Filmkritik (die Kracauer betrieben hat) zusammenhängen mag und was nicht heißen soll, dass der eine dem anderen nicht regelmäßig Besuche abstatten würde. Die Mühelosigkeit aber, die sprachliche Leichtigkeit und Souveränität, mit der Kracauer zwischen der Abstraktheit philosophischen Denkens und der Verständlichkeit eines Zeitungsartikels pendelt, ist beeindruckend und rar.

Die Sackgasse eines Denkens, das an größeren Zusammenhängen orientiert ist, als das universitäre Raster seinen jeweiligen Fächern zugesteht, markiert der Nationalsozialismus. Um das nachzuvollziehen, muss man keine Kenntnis von Kracauers Arbeitsbedingungen haben, der seit 1921 als fester Mitarbeiter der linksliberalen Frankfurter Zeitung zugehörte und drei Jahre später dort als Redakteur Anstellung fand, bis er am Beginn der dreißiger Jahre erst durch Gängelung, Gehaltskürzung und später durch Kündigung des mittlerweile an rechte Eigentümer übergegangenen Blattes seine Arbeit verlor.

Es genügt ein Blick auf die Umfänge: Während die Kritiken und kürzeren Essays der Jahre 1921 bis 1933 sich auf über zwei Bände erstrecken, kommen in den folgenden 30 Jahren bis zu Kracauers Tod gerade 300 Seiten zusammen. In der erbarmungslosen Chronologie, in der Mülder-Bach unterstützt von Mirjam Wenzel und Sabine Biebl ihre herausragende Kleinarbeit in den Archiven präsentiert, ist das Stottern, in das der Motor von Kracauers filmkritischer Tätigkeit gerät, von weitem zu vernehmen. Um 1930 fängt der Witz an, aus Kracauers Kritiken zu schwinden, während die Kritik an der Renaissance des Militärischen und Nationalistischen im Kino vehementer wird, die Stimmung der Zeit sich immer häufiger in die Texte mischt. Eine Besprechung im Sommer 1932 beginnt wie folgt: "Den lauten Ereignissen, die jetzt die Straße beherrschen, ist die ereignislose Stille in den Berliner Kinos umgekehrt proportional." Das in dieser Zeit über die Aufgabe des Rezensenten geäußerte Diktum, der Filmkritiker von Rang sei nur als Gesellschaftskritiker denkbar, wird schon kurz darauf zum Vermächtnis, da Kracauer der Möglichkeit zur Kritik quasi enthoben wird. Zwar schreibt er aus dem französischen, später amerikanischen Exil für dortige und Schweizer Zeitungen (NZZ, Basler National Zeitung/BNZ) - die Regelmäßigkeit aber, die es ermöglichte, gerade "die in den Durchschnittsfilmen versteckten sozialen Vorstellungen und Ideologien zu enthüllen", ist zu Ende. Im November 1933 fließt aus seiner Feder trotzige Verbitterung: "Von den vielen Zurückgebliebenen ... werden selbst Nazis aus dem engeren kalmückisch-arischen Sondergau ›Kulturtreue um Kulturtreue‹ nicht glauben, daß die Kunst, die vor ihrem Einbruch auf ansehnlicher Höhe stand, erledigt ist, wenn sie pfeifen."

Sechs Tage vor dem "Einbruch" der nationalsozialistischen Herrschaft druckt die Frankfurter Zeitung die Rezension des Luis-Trenker-Films Der Rebell, die symptomatisch für Kracauers Auffassung von Filmkritik ist. Zum einen legt sie die versteckte Ideologie frei: "Verherrlicht wird in dem Film die mythische Kraft des Volkes, die sich in den Steinlawinen am deutlichsten vergegenständlicht, der von der Natur selber diktierte Gewaltakt gegen die usurpatorische Gewalt. ... Das Unbehagen nun, das der Film erzeugt, entsteht offenbar dadurch, daß er ein historisches Geschehen nicht in den nötigen historischen Abstand rückt, sondern es, gerade umgekehrt, mit aller Macht dem Heute aufpressen will." (Hervorhebung im Text) Zum anderen wahrt sie eine kunstrichterliche Neutralität, die noch dem üblen Propaganda-Stück kritische Gerechtigkeit widerfahren lässt. Weiter vorn steht: "Der Hauptglanz strahlt natürlich von Trenker selbst aus ... Als Reiter, Kletterer und Anführer vollbringt er Leistungen, die sich denen von Douglas Fairbanks getrost an die Seite stellen können. Die Freude, die man an ihnen hat, rührt wohl davon her, daß sie nicht einfach Bravourstückchen sind, sondern jeweils aus dem Zwang der Situation hervorgehen und überdies mit körperlichem Scharm ausgeführt werden." Ganz nebenbei straft gerade die Ausgewogenheit von Kracauers Beurteilung die Vorstellung eines unpolitischen Künstlers Lügen.

Die Emigration trennt sein kritisches Werk in zwei Teile: das stete Rezensentenwesen der zwanziger Jahre, das den Film in seinem Werden als Kunstform begleitete, und die historisierende Betrachtung ab Ende der dreißiger Jahre, die erstmals auf die gewordene Kunstform zurückblickte (in einer von Kracauer initiierten BNZ-Reihe Wiedersehen mit alten Filmen), beziehungsweise die aktuelle Besprechung in den Überblick über ein Genre oder einen Zeit-Trend weitete ("Hollywoods Greuelfilme", "Filme mit einer Botschaft", "Die Stummfilmkomödie"). Verbunden bleiben beide Abschnitte durch Kracauers kulturkritischen Ansatz, der 1961 in der unveröffentlichten Besprechung von Shirley Clarkes Film The Connection auf dem nachdenklichen Akkord endet: "Ich frage mich, ob es eine gute Idee war, den Anteil von Schwarzen am Drogenhandel und an der Rauschgiftsucht in einem solchen Maß überzubetonen." Wie die soziale Wirklichkeit in die Muster des filmischen Erzählens hineinspielt und, umgekehrt, von ihnen geprägt wird, ist eine Lesart Kracauers, die in seinen Kritiken viel Platz für den Plot des jeweiligen Werks beansprucht. Im Unterschied zur heutigen Praxis der Kritik, die sich zumeist beeindruckt vom Ton des rezensierten Films zeigt, beurteilt Kracauer Konfektion als Konfektion. Das als ewiges Gestern inszenierte Wien wird ihm zum running gag: "Der Plunder, der nach der Revolution in Staub zerfallen schien, gebärdet sich quicklebendig. Seine Darbietung ist gewöhnlich eine günstige Gelegenheit, auf Wien (Hervorhebung im Text) zurückzugreifen ... Es träumt und musiziert, es kennt keine Wohnungsnot, sondern nur Biedermeierstuben." "Film und Gesellschaft (Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino)" ist eine Feuilletonserie überschrieben, die in Kracauers Buch Das Ornament der Masse eingegangen ist und in der er sich mit der illusionistischen Unterfütterung der gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse durch das Kino beschäftigt. Das Grundmotiv ist der Aufstieg Einzelner als Losgewinn eines Schicksal, das zum Ausgleich die Klassenunterschiede zementiert: "Das ist das Schema der Zille-Filme, die das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, indem sie das Proletariermilieu gruselig schildern und zugleich eine Person aus der Hölle erretten." (Hervorhebung im Text)

Aller Skepsis einer versteckten Ideologie gegenüber zum Trotz zeigt sich Kracauer als passionierter Kinogänger, der den wahren "Film-Fan" als Flaneur charakterisiert: "Jedenfalls gehört er nicht zur Menge derer, die in erster Linie zu den groß angekündigten Premieren strömen und nur der Verführungskraft weltberühmter Stars erliegen. Im Gegenteil. Vom Abenteuerdrang der umherschweifenden Kamera beseelt, die gerade das Inoffizielle, Unbeobachtete visiert, liebt auch er es vor allem, aufs Geratewohl durch die Kinos zu schlendern und abseits von der Heerstraße seine Entdeckungen zu machen." Seine Kritiken suchen nicht nur nach gesellschaftlichen Gehalten, sondern nach einer eigenen Ästhetik des Films, wie sie sich etwa in der Montage oder der "Raumbeherrschung" von Eisenstein oder Pudowkin verwirklicht. Im Spiel der Schauspieler, das üblicherweise am Ende jeder Besprechung gewürdigt wird, drängt Kracauer auf den Unterschied zur Bühne, wo der Darsteller "wirklich die Rolle spielt, in der er erscheint", der Filmschauspieler dagegen "nur Beiträge zu einer Rolle, an der andere mitschaffen" liefert.

Den technischen Umwälzungen seiner Jahre, Ton- und Farbfilm, steht Kracauer reserviert, aber nicht pessimistisch gegenüber. Er befürchtet bei zunehmender Mimesis der Filmkunst an die Realität einen Verlust am Künstlerischen, da gerade der Mangel einen Ausdruck erforderte, der um vieles mehr gestaltet ist als das tägliche Leben - ist zugleich aber klug genug, mit schwarzseherischer Prophetie sparsam umzugehen: "Wie behutsam Urteile dieser Art formuliert zu werden verlangen, hat sich beim Übergang des stummen Films in den tönenden gezeigt." Wenn auch sich der Film-Flaneur Kracauer vom Star wenig angezogen zeigt, so bieten die versammelten Texte, die in der Werkausgabe mit einem ausführlichen Anhang versehen sind, eine umfassenden Einblick in des Kritikers Vorlieben. Gerade beim zusammenhängenden Lesen ergibt sich so ein Daumenkino von Kracauers Geschmack, der unter den Regisseuren neben den erwähnten Russen etwa Renoir, Lubitsch oder Rossellini schätzt, von Ruttmanns Berlin-Film Symphonie der Großstadt dagegen wenig hält und von Orson Welles´ Citizen Kane nicht allzuviel. Charlie Chaplin und Buster Keaton liebt er wie Asta Nielsen und Greta Garbo, der er einen wunderbaren Essay schreibt. Kracauers Zuneigung zum Inoffiziellen zeigt sich aber auch darin, dass er die gute Kolportage zu loben weiß und den Chargen der Durchschnittsproduktion wie Harry Piel oder Harry Liedtke mit ausdauernder Sympathie die Treue hält.

"Alte Filme sehen, heißt auch, einen Kontrollgang durch seine eigene Vergangenheit zu machen", schreibt Kracauer zu Beginn seiner BNZ-Serie. In einem weiteren Sinne bedeutet, seine Kritiken zu lesen, einen Kontrollgang durch eine Vergangenheit zu machen, bei dem es vielfältige Entdeckungen zu machen gibt. Und sei es nur die melancholisch stimmende Beobachtung, dass die zitierten Frankfurter oder Berliner Kinos heute zumeist geschlossen sind, wohingegen das "Grand Rex", das "Max Linder Panorama" oder das "Studio des Ursulines" in Paris den "Film-Fan" noch immer zum Flanieren einladen.

Siegfried Kracauer: Kleine Schriften zum Film, herausgegeben von Inka Mülder-Bach unter Mitarbeit von Mirjam Wetzel und Sabine Biebl, 3 Teilbände, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, 1.676 S., 112 EUR


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00:00 21.07.2006

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