Abseits des Feldweges

Leseprobe Louise Manderscheid entdeckt zwei Jungen auf einem Maisfeld. Sie sind alleine, sie sind hungrig. Louise nimmt sie mit zu sich. Am Tag darauf sind beide verschwunden
Abseits des Feldweges

Fotos: Annette Schreyer/Laif,  Mark Newman/Prisma/dpa (s/w)

Als Hauptkommissar Robert Marthaler an der Station Marseillan-Plage seine Reisetasche in den Staub stellte, hatte er das Gefühl, einen Fehler begangen zu haben. Er wischte mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und schaute sich um. Die Luft war heiß und trocken. Außer einer trächtigen Katze, die sich schwerfällig über die Straße schleppte, war kein Lebewesen zu sehen.

Ich hätte nie hierherkommen dürfen. Ich hätte zu Hause bleiben und mich den Problemen stellen müssen, die dort auf mich warten. Stattdessen bin ich vor Tereza geflohen. Ich wollte nicht hören, was sie mir zu sagen hat, und habe mich gedrückt vor den Entscheidungen, die ich so oder so werde treffen müssen. Der Anruf eines ehemaligen Kollegen hat genügt, dass ich alles stehen und liegen lasse, ans Mittelmeer fahre und behaupte, hier würde ich dringender gebraucht als in Frankfurt. Ich bin ein Feigling, der so tut, als sei er hier, um seine Pflicht zu erfüllen.

(…)

Das Telefon hatte ihn mitten in der Nacht geweckt. Marthaler stand am Fenster und schaute in die Dunkelheit. Er sah den feinen Regen durch das Licht der Straßenlaterne fallen.

„Marthaler, bist du es?“

Es war die brüchige Stimme eines Mannes.

„Wer spricht da?“

„Ferres ... Hier ist der ... Rudi Ferres. Kannst du mich hören?“

„Ja, Ferres, ich versteh dich gut. Was willst du? Wo bist du? Keiner weiß was. Alle fragen sich, was aus dir geworden ist.“

„Einen Scheiß fragt ihr euch. Ihr seid froh, dass ich weg bin. Ich bin ... wo ich immer bin. Der Himmel ist sternenklar. Du musst ... das musst du dir anschauen.“

„Was ist mit dir?“, fragte Marthaler. „Bist du betrunken?“

Ferres schnaufte. Plötzlich schwenkte er um. „Du ... musst mir helfen, Robert!“

„Du hast Glück, dass ich nicht auflege“, sagte Marthaler. „Ich habe Urlaub, also bin ich relativ entspannt. Aber wenn ich dir helfen soll, musst du endlich mit der Sprache rausrücken, Ferres! Wobei muss ich dir helfen? Was willst du, mitten in der Nacht?“

Ferres schwieg einen Moment. „Ich ... ich hatte gerade genügend Mut, mit dir zu sprechen.“

„Und den Mut hast du dir angetrunken? Dir geht’s nicht gut, oder?“

„Ich bin fertig, Robert. Du musst herkommen!“

Marthaler stieß einen Laut des Unmuts aus. „Ich muss mir deinen Himmel anschauen. Ich muss dir helfen. Ich muss zu dir kommen. Weißt du was, Ferres? Ich muss gar nichts. Du musst mir sagen, was du von mir willst. Vielleicht ist es besser, wenn wir morgen noch mal sprechen, wenn du wieder ...“

„Nein, Robert, bitte ...“

„Also ...?“

„Du erinnerst dich an den Fall Tobias Brüning?“

Marthaler stutzte. Gab es irgendwen, der sich nicht daran erinnerte? „Rudi, sag nicht, dass du immer noch an der Sache dran bist ... Hast du Neuigkeiten?“

„Das erzähle ich dir, wenn du hier bist“, sagte Ferres.

Vor mehr als 15 Jahren, am Nachmittag des 24. April 1998, hatten spielende Kinder die Leiche des dreizehnjährigen Tobias Brüning in einem Fußgängertunnel im Frankfurter Gallus-Viertel entdeckt. Der Mörder hatte dem Jungen die Kehle durchgeschnitten, ein Stück Fleisch aus dem Oberschenkel entnommen und ihm die Hoden abgetrennt. Vor seinem Tod war das Kind geschlagen und gewürgt worden – vermutlich bis zur Bewusstlosigkeit.

Eine neue Spur

Die Tat hatte nicht nur im ganzen Land für großes Entsetzen gesorgt, sondern auch eine der umfangreichsten Polizeiaktionen der Nachkriegsgeschichte ausgelöst. Nirgendwo in Deutschland, nirgendwo auf der Welt war ein ähnlicher Fall bekannt. Bis heute war der Mörder von Tobias Brüning nicht gefasst worden.

„Gibt es eine neue Spur oder nicht?“, fragte Marthaler noch einmal, und er spürte, wie seine Neugier unwillkürlich wuchs.

„Ja, Robert, es gibt eine neue Spur. Komm einfach her! Ich bin in Südfrankreich, in Marseillan. Du ... musst den Fall übernehmen.“

Marthaler lachte. „Habe ich dir nicht genau das kurz vor deiner Pensionierung angeboten? Aber du ...“

„Ich weiß, ich ... hab mich damals wie ein Arschloch benommen. Aber, Robert ... wir ... haben uns eine Zeit lang ziemlich gut verstanden.“

„Ja, das haben wir“, sagte Marthaler. „Bis du angefangen hast zu spinnen. Warum kommst du nicht nach Frankfurt, wenn ich dir helfen soll?“

Es dauerte eine Weile, bis Ferres antwortete. „Weil ... ich verdammt noch mal nicht mehr kann. Setz dich in deinen Wagen und fahr los!“

Marthaler wartete, ob noch etwas kam.

„Also ...?“, fragte Ferres.

„Ich muss nachdenken. Ruf mich morgen früh wieder an! Aber erst, wenn ich ausgeschlafen habe.“ Dann beendete Marthaler das Gespräch.

Er schüttelte den Kopf, aber er merkte, dass sich etwas in ihm löste. Die Aussicht, für ein paar Tage diesem kühlen, verregneten Spätsommer zu entfliehen, kam ihm gar nicht mehr so abwegig vor.

(…)

Am nächsten Morgen wählte er um halb sieben die Nummer seiner Chefin Charlotte von Wangenheim. Er bat sie, seinen Urlaub unterbrechen zu dürfen und ihm eine Dienstreise zu genehmigen.

„Wo willst du hin?“

„Nach Südfrankreich. Du erinnerst dich an Rudi Ferres? Er sagt, es gibt eine neue Spur im Fall Tobias Brüning. Ferres hat offensichtlich weiterermittelt“, sagte Marthaler.

„Robert, Ferres ist ...“

„Ich weiß, dass Ferres verrückt ist, Charlotte. Aber er ist auch ein verdammt guter Polizist. Lass es mich versuchen, bitte!“

„Mach, was du willst“, sagte sie. „Das machst du ja sowieso. Aber teil mir deine Adresse mit, damit ich dir wenigstens ein Telegramm schicken kann, falls du wie üblich dein Handy nicht eingeschaltet hast.“

Schon um kurz nach sieben meldete sich Ferres. Seine Stimme klang fester als in der Nacht zuvor. Offensichtlich war er nüchtern. Allein, dass er von Marthaler nicht sofort eine Absage erhalten hatte, schien ihn ein wenig aufzurichten.

„Hast du ausgeschlafen?“, fragte Ferres.

„Gib mir deine Adresse!“, sagte Marthaler.

„Das heißt ... du kommst?“ Ferres‘ Ton verriet das Lächeln auf seinem Gesicht. „Ich wohne da, wo der Canal du Midi in die Lagune mündet. Frag einfach nach dem verrückten Deutschen, der am Kanal lebt. Wann fährst du los?“

„Jetzt“, sagte Marthaler.

„Robert?“

„Was?“

„Du rettest mir nicht das Leben, aber du gibst mir mehr, als ich noch zu bekommen erhofft hatte.“

Hauptkommissar Robert Marthaler weigerte sich, über diese Bemerkung seines ehemaligen Kollegen nachzudenken.

(…)

Zum Autor

Jan Seghers ist das Pseudonym, unter dem Matthias Altenburg seine Kriminalromane veröffentlicht. Der passionierte Radfahrer lebt in Frankfurt am Main. In seinem Blog Geisterbahn schreibt er ein Tagebuch mit Toten

Foto: Susanne Schleyer/Autorenarchiv.de

Als Louise Manderscheid am Morgen des 2. September 2013 frühmorgens die Haustür öffnete, spürte sie, dass der Sommer bereits seinen Höhepunkt überschritten hatte. Sie zog ihre Strickjacke ein wenig fester um die Schultern. Dann verstaute sie die beiden Kühlboxen mit den Pasteten auf der Ladefläche ihres Wagens.

Bevor sie einstieg, fiel ihr Blick auf den Garten und die dahinterliegende große Lichtung zwischen den alten Buchen, die den Rand des Kreuzwaldes säumten. Über der Wiese lag dichter Nebel, der weiß in der Morgensonne leuchtete.

Mit einem Mal stutzte sie. In der Ferne erkannte sie die Silhouette eines Mannes, der in ihre Richtung zu schauen schien. Obwohl Louise Manderscheid kaum mehr als einen Schatten erkennen konnte, kam ihr etwas an ihm bekannt vor. Es war nur ein Hauch, der Anflug einer Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Kurz versuchte ihr Gedächtnis danach zu greifen, doch dann verschwand der Mann aus ihrem Sichtfeld und zwischen den Bäumen.

Die Grube Kreuzberg

Sie schüttelte den Kopf und setzte sich in den Wagen, um nach Mainz zu fahren, ihre Pasteten abzuliefern und mit Richard im Schatten des Doms ein Eis zu essen.

Vor mehr als fünfundzwanzig Jahren war sie zum ersten Mal hier angekommen – ein wildes, dünnes Mädchen mit rot gefärbten Haaren und Stachelarmband. Nach einem Konzert auf der Loreley war sie einfach in den Wagen von einem der Dreadlock-Mädchen gestiegen, um zur Grube Kreuzberg zu fahren und dort zu übernachten. Sie hatte ihren Rucksack an den Stamm des großen Walnussbaums gestellt, sich zu den anderen ans Lagerfeuer gesetzt und so getan, als sei es für sie das Normalste der Welt, im Schein der Flammen an einem Joint zu ziehen, der gerade die Runde macht.

Die Grube Kreuzberg war ein ehemaliges Schieferbergwerk, das in einem dicht bewaldeten Tal oberhalb des Rheins lag. Ende der 1970er Jahre war es nach über einem Jahrhundert stillgelegt worden, die zugehörigen Bauten drohten zu verfallen, bis ein paar junge Leute das Gelände für wenig Geld kauften und begannen, eine Landkommune aufzubauen. Bewohner und Besitzer hatten in den ersten Jahren häufig gewechselt. Auch Louise war nicht sofort geblieben, aber schon als sie das zweite Mal vor den schönen Fachwerkgebäuden im Schatten des Kreuzwaldes stand, hatte sie das Gefühl, nach Hause zu kommen. Sie mochte die Dunkelheit der Gegend, den blauschwarzen Schiefer, die dichten Mischwälder, die hohen Felsen des Rheinufers, unter denen der Strom sich in seiner tiefen Schlucht breit und schwer nach Norden wälzte.

Nicht einmal fünfzig Kilo hatte sie bei ihrer Ankunft gewogen, jetzt hatten sich ihre Hüften gerundet und ihr Körper jene Schwere erlangt, die er den Jahren nach haben durfte, vielleicht sogar haben musste, wollte er nicht schutzlos allen Zumutungen ausgesetzt sein. Damals war ich ein nervöses Punk-Mädchen, dachte Louise, jetzt bin ich eine Bäuerin. Und nichts an diesem Gedanken befremdete sie. Ich bin angekommen, und ich werde bleiben. Hier ist mein Zuhause.

(…)

Auf ihrem Rückweg fuhr Louise Manderscheid gerade von der Landstraße ab und bog in den staubigen Feldweg zur Grube Kreuzberg ein, als zwei Jungen aus dem Maisfeld sprangen, über die Fahrbahn liefen, um sich dann auf der anderen Seite im Inneren einer großen Kabeltrommel zu verschanzen. Vorsichtig lugte einer der Jungen hervor. Gleich darauf erschien ein zweiter Kopf. Beide Kinder hatten schwarzes Haar und dunkle Augen, die ängstlich in ihre Richtung starrten.

Louise steuerte den Wagen nach rechts auf den schmalen Seitenstreifen und überlegte, was zu tun sei. Schließlich verließ sie ihr Auto, schlug einen weiten Bogen durchs Feld und näherte sich dem Versteck der Jungen von hinten. In der Hand hielt sie die Rolle Schokoladenkekse.

Erschrocken fuhren die beiden herum, als sie die fremde Frau hinter sich bemerkten.

Louise Manderscheid lächelte. „Ihr müsst keine Angst haben. Wenn ihr mir sagt, wo ihr zu Hause seid, kann ich euch vielleicht helfen.“

Der kleinere der Jungen klammerte sich an dem größeren fest und verbarg sein Gesicht in dessen Achselhöhle. Ihre Körper zitterten.

„Versteht ihr mich? Seid ihr hungrig? Mögt ihr etwas essen?“

Um die Frage verständlich zu machen, führte sie mehrmals die Hand zum Mund. Dann riss sie die Kekspackung auf und hielt sie dem größeren Jungen hin. Blitzschnell schnappte er sich die gesamte Rolle und drehte Louise den Rücken zu, um zu verhindern, dass man ihm seine Beute wieder abnahm. Es dauerte keine fünf Minuten, bis die beiden Kinder sämtliche Kekse verzehrt hatten. Erst jetzt schauten sie die Bäuerin wieder an – mit flackernden Augen, als fürchteten sie Strafe für das, was sie getan hatten.

Louise Manderscheid war einen Schritt zurückgetreten, um zu zeigen, dass von ihr keine Gefahr ausging. „Habt ihr Hunger? Vielleicht mögt ihr mir eure Namen verraten.“

Sie zeigte auf sich und sagte: „Louise.“ Dann wies sie auf den größeren der Jungen.

„Mirsad, Hunger“, sagte dieser. Der Junge zeigte auf den Kleineren: „Bislim, Hunger.“

„Wollt ihr mir sagen, wie alt ihr seid?“

Mirsad öffnete zweimal seine rechte Hand und streckte dann zwei Finger und den Daumen aus. Für seinen Bruder wiederholte er das Ganze, fügte aber nur noch den Daumen hinzu.

„Du bist dreizehn, dein Bruder ist elf. Und wo wohnt ihr? Wo ist eure Mutter?“

„Mama Sophie.“

„Gut, jetzt weiß ich, wie sie heißt. Aber ihr müsst mir sagen, wo ich sie finde.“

„Mama Sophie“

„Ja ... Ihr seid Roma, habe ich recht?“, fragte Louise.

Diesmal war es Bislim, der antwortete: „Roma! Nix Polizei! Hunger!“

„Es kommt keine Polizei. Wenn ihr wollt, könnt ihr euch bei mir sattessen, danach sehen wir weiter.“ (…)

„Warum rufst du mich an?“

Es dauerte eine Weile, bis die Kriminalpolizistin Kizzy Winterstein an ihr Mobiltelefon ging. Das Erste, was Louise hörte, waren Lachen und Musik.

„Kizzy, wo bist du?“

„Louise? Willst du mir zum Geburtstag gratulieren?“

„Nein ... ich meine, ich wusste nicht ... Bist du betrunken?“, fragte Louise unvermittelt.

„Höchstens ein bisschen beschwipst. Wir sind in einer Kneipe, ich musste den Kollegen eine Runde ausgeben. Los, setz dich in deinen Wagen und komm nach Wiesbaden! Du kannst bei mir übernachten ...“

„Nein, Kizzy, ich brauche deinen Rat.“

Die Polizistin schwieg einen Moment. „Ist es was Ernstes?“, fragte sie schließlich.

„Ja“, sagte Louise.

„Warte, ich geh auf die Straße, hier ist es zu laut.“

Louise war froh, dass sie noch ein letztes Mal durchatmen konnte, bevor sie ihre Freundin belügen musste.

„Okay, da bin ich“, sagte Kizzy. „Was gibt’s? Schieß los!“

„Eine ... Bekannte würde gerne wissen, was mit zwei Flüchtlingsjungen geschieht, die hier aufgegriffen werden und deren Mutter unauffindbar ist.“

„Und warum will deine Bekannte das wissen?“, fragte Kizzy.

„Ich denke, weil sie nicht möchte, dass die beiden abgeschoben werden.“

„Haben die Jungen Papiere?“

„Mmmh ... Eher wohl nicht.“

„Jedenfalls würde man versuchen, das Alter der Jungen herauszufinden“, sagte Kizzy. „Man würde sie ärztlich untersuchen.“

„Sie sind elf und dreizehn Jahre alt.“

„Sagt deine Bekannte?“, fragte Kizzy

„Sagen die Jungen ... Also ... ja, sagt meine Bekannte.“

„Solange sie unbegleitet sind, werden sie im Normalfall nicht abgeschoben.“

Louise Manderscheid reagierte alarmiert. „Was heißt ... im Normalfall?“

„Rechtlich wäre es unter bestimmten Bedingungen möglich, sie trotzdem abzuschieben“, sagte Kizzy. „Aber die Ausländerbehörden sehen bei Minderjährigen meistens davon ab. Die Kinder werden dem zuständigen Jugendamt zugeteilt, es wird ein Vormund für sie bestellt. Oder man sorgt für eine private Obhut.“

„Auch ... wenn es Roma-Jungen sind?“

„Es ist egal, was sie sind. Rufst du deshalb mich an? Weil ich Romni und somit Fachfrau in Zigeunerfragen bin?“

„Ich rufe dich an“, sagte Louise, „weil du meine Freundin bist, weil du Romni bist und Kriminalpolizistin. Und weil ich meiner Bekannten versprochen habe, mich zu erkundigen. Aber wenn du ein Problem damit hast, mir zu helfen ... “

„Sag mal, spinnst du Louise? Was ist mit dir los?“

„Was ist ... wenn die Jungen ein Problem haben, wenn sie Angst vor Männern haben?“

„Was meinst du damit?“

„Dass ... sie wirken wie ...“ Louise suchte nach dem richtigen Wort, um das Verhalten der Jungen zu beschreiben. „Ich meine, sie wirken wie abgerichtet.“

„Louise, was erzählst du mir da? Das ist kein Thema für einen Plausch unter Freundinnen. Das ist ein Fall für die Polizei. Das klingt nach Missbrauch und womöglich nach Menschenhandel. Du musst mir den Namen deiner Bekannten sagen ... wenn es sie denn wirklich gibt.“

„Nein ... Danke, Kizzy! Tschüss! Ach ja ... und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“

Louise legte auf und sie nahm auch nicht wieder ab, als das Telefon kurz darauf mehrmals läutete.

Um zwei Uhr in der Nacht, nachdem sie sich lange hin und her gewälzt hatte, stand sie noch einmal auf, um nach den Jungen zu sehen, die in dem kleinen Nebengebäude schliefen. Sie lagen noch genauso da wie am Abend zuvor. Nur, dass beide jetzt ihre Daumen im Mund hatten.

(…)

Dass Kizzy Winterstein sich näherte, merkte man am Klackern ihrer Absätze auf den Gängen des Polizeipräsidiums Westhessen. Sie war Mitglied des Fachkommissariats „Organisierte Kriminalität“ und wurde sowohl bei Drogendelikten als auch bei der Bekämpfung des Menschenhandels eingesetzt. Die Kollegen und Vorgesetzten wussten ihre Kenntnisse des Milieus zu schätzen, waren sich aber einig, dass man Winterstein nicht zu lange aus den Augen lassen durfte.

Irgendwann auf einem Fest im Präsidium hatte sie sich geoutet. „Okay“, hatte sie gesagt, „ich bin Jüdin und Romni. Für alle, die nicht wissen, was das zweite Wort bedeutet, ich bin Jüdin und Zigeunerin. Und damit das klar ist: das darf nur ich zu mir sagen.“

Schon vorher hatte sie gewusst, dass sie nicht von allen in ihrer Umgebung gemocht wurde. Aber nach ihrem Bekenntnis kam es ihr vor, als würden jetzt weniger Portemonnaies auf den Tischen liegen bleiben, wenn sie in die Kantine kam, und als würden mehr Gespräche verstummen, wenn sie sich näherte.

„Das bildest du dir ein“, hatte ihr Kollege Bruno Tauber gesagt. „Du liegst dauernd auf der Lauer, und das ist nicht gesund.“

„Kann sein, kann nicht sein“, hatte Kizzy erwidert und sich vorgenommen, das Thema nicht mehr anzusprechen.

Kizzy Winterstein war nicht sehr groß, aber schlank und schrill. Über ihren Stiefeletten mit den hohen Absätzen trug sie fast immer enge, dunkle Hosen. Das schwarze Haar hatte sie zu einem üppigen Bienenkorb hochgesteckt. Ihre Lider waren dunkel geschminkt, ein Strich Kajal führte bis zum äußeren Ende der Augenbrauen, und an ihren Ohren baumelten riesige Kreolen.

Kizzy Winterstein ging nicht, sie stöckelte, sie tänzelte. In jeder Sekunde schien sie sich ihres Körpers und dessen Wirkung auf Männer wie Frauen bewusst. Mit ihrem Aussehen und ihren Bewegungen lenkte sie die Aufmerksamkeit auf sich, die sie sich zugleich mit ihren Blicken verbat.

Als sie an diesem Morgen die Tür zum Büro ihres Chefs öffnete, schaute Paul Rademacher sie aufmerksam an. Sie hatte das matte Rouge auf ihren Wangen noch dicker aufgetragen als sonst; trotzdem war das Hämatom über ihrem Jochbein nicht zu übersehen.

„Was ist mit dir, Winterstein? Du hast wieder diesen irren Blick. Hast du was genommen? Hat er dich geschlagen? War er eifersüchtig, weil du gestern mit uns ausgegangen bist? Du musst nicht antworten, ich will nur sagen, man merkt’s dir an, und das ist nicht gut.“

„Vielleicht war’s ja ein Unfall beim Sex. Du solltest dich auch mal schlagen lassen, Paul. Ich kann dir eine Adresse geben, wo du ...“

„Winterstein, im Ernst, das ist nicht witzig!“

Sie nickte. „Ich hab ihn heute Nacht rausgeschmissen. Alles in Ordnung.“

Sie zeigte ihrem Chef ein schiefes Lächeln, dann ging sie in ihr Büro, stellte sich vors Waschbecken und wiederholte für ihr Spiegelbild dasselbe Gesicht: „Alles in Ordnung“, sagte sie, um dann hinzuzufügen: „Na ja ... fast in Ordnung.“

Sie machte sich einen Espresso. Auf ihrem Schreibtisch lag ein Zettel: „Bin kurz im LKA, spätestens in einer Stunde wieder da, Gruß Bruno.“ Ja, dachte Kizzy, aber wie soll ich wissen, wann eine Stunde um ist, wenn ich nicht weiß, wann du diesen Zettel geschrieben hast?

Bruno Tauber, der wegen seiner Körpergröße von den meisten im Präsidium nur Täubchen genannt wurde, bewunderte Kizzy Winterstein. Manche behaupteten, er sei in sie verliebt. Die beiden arbeiteten gerne und gut zusammen, wohl auch deshalb, weil sie vollkommen gegensätzliche Charaktere waren und sich oft ergänzten.

Kizzy wollte gerade nach der Akte greifen, die vor ihr lag, als ihr Handy läutete. Das Display zeigte die Nummer von Louise Manderscheid.

„Warum hast du gestern Abend nicht mehr abgenommen?“, fragte Kizzy. „Ich habe versucht, dich zu erreichen.“

Auf der anderen Seite war nichts als ein tiefes, langes Schluchzen zu hören. „Sie sind tot. Die Jungen sind tot. Man hat sie ...“

„Was redest du da, Louise?“

„Bitte, du musst kommen! Kizzy, lass ... lass mich nicht alleine!“

„Jetzt reiß dich zusammen und erzähl mir, was los ist!“

„Ich hab sie im Kleinen Haus übernachten lassen. Als ich heute Morgen nach ihnen sehen wollte, waren sie weg. Und ... die Hintertür stand offen. Ein Nachbar hat mir geholfen, die Jungen zu suchen. Sie liegen in einem der Stollen. Sie sind tot, Kizzy, man hat sie ... umgebracht.“ Mit Mühe, und immer wieder durch heftiges Schluchzen unterbrochen, brachte Louise Manderscheid ihren Bericht zu Ende.

Gespenstische Ruhe

„Okay“, sagte Kizzy. „Lass mich nachdenken ... Ist dein Nachbar noch da?“

„Ja, er sitzt draußen unter der Walnuss.“

„Sag ihm, dass er bleiben soll ... Wir müssen den offiziellen Weg gehen. Für die Grube ist die Polizeiinspektion St. Goarshausen zuständig. Du rufst da jetzt an und sagst, was passiert ist. Du betonst, dass es sich um zwei Roma-Jungen handelt, du erzählst ihnen, dass die Kinder unbegleitet waren und nur gebrochen Deutsch gesprochen haben. Du sagst ebenfalls, dass ihr sexuelles Verhalten auffällig war. Nur mich erwähnst du mit keinem Wort! Ist das klar?“

„Ist klar, Kizzy!“

„Wenn wir Glück haben“, sagte Kizzy, „gehört der Stollen zu Hessen, dann sind wir sowieso für den Fall zuständig. Sollte es so kommen, werde ich ihnen erzählen, dass ich mal ein paar Wochen auf der Grube Kreuzberg gewohnt habe, dich aber nicht kenne. Niemand darf erfahren, dass wir Freundinnen sind, sonst bin ich raus und kriege einen Riesenärger. Wir werden uns siezen. Und jetzt ruf die Polizei, und mach alles so, wie ich dir gesagt habe. Schaffst du das?“

„Ich weiß nicht, Kizzy“, sagte Louise kleinlaut. „Denke schon.“ (…)

„Ich hab den Namen der Frau vergessen, mit der wir sprechen müssen“, sagte Bruno Tauber, als er den Passat den steilen Waldweg zur Grube Kreuzberg hinabsteuerte.

Kizzy Winterstein warf ihrem Kollegen einen kurzen Blick zu. „Manderscheid“, sagte sie.

„Nein, ich meine den Vornamen.“

„Louise“, sagte Kizzy.

„Hat dich ... nicht gestern Abend eine Louise auf deinem Handy angerufen?“

Kizzy bekam einen Schrecken. Sie hatte vergessen, dass sie in Anwesenheit ihrer Kollegen Louise Manderscheid mit ihrem Vornamen angesprochen hatte und erst dann auf die Straße gegangen war, um weiter mit ihr zu telefonieren.

„Täubchen, was soll die Frage?“, erwiderte Kizzy jetzt, um Zeit zu gewinnen.

„Nichts, mir fällt nur auf, dass mir der Name in den letzten 24 Stunden schon zum zweiten Mal begegnet.“

„Gestern hat meine Nichte angerufen, um mir zu gratulieren“, log sie. „Heutzutage heißen die jungen Frauen wieder so: Louise, Magdalene, Paula, Katharina ...“

„Und was ist mit deinem Auge passiert?“

Normalerweise hätte sich Kizzy die Frage verbeten, jetzt aber war sie froh, das Thema wechseln zu können.

„Wir hatten Zoff. Ich hab ihm ebenfalls eine verpasst. Es ist vorbei, Täubchen, und ich bin erleichtert. Für mich ist jetzt Fastenzeit, was die Männer angeht.“

Bruno Tauber nickte.

„Oh Goooott, was ist denn hiiiier los?“, sagte Kizzy, als sie um die Ecke bogen. Mehrere Streifenwagen parkten auf dem Gelände, zwei Kleintransporter des Erkennungsdienstes, einige Zivilfahrzeuge, und vor dem Haupthaus stand ein Rettungswagen des Roten Kreuzes mit eingeschaltetem Blaulicht.

Kizzy stieg aus und wartete auf Tauber. Sofort merkte sie, wie sie die Blicke der Leute auf sich zog. Allein ihre Frisur und ihr Augen-Make-up machten sie in dieser Umgebung zu einem Wesen wie von einem anderen Stern.

Die gesamte Strecke im Wald, von der Rückseite des Kleinen Hauses bis zum dritten Stollen, war mit rot-weißem Plastikband gesperrt. Alle zwanzig, dreißig Meter stand einer der uniformierten Polizisten, die verhindern sollten, dass Schaulustige oder Journalisten sich Zugang verschafften.

Überall zwischen den Bäumen sah man die weißen Schutzanzüge des Erkennungsdienstes. Die Beamten knieten auf dem Waldboden, meist einen Kunststoffkoffer mit ihrem Werkzeug hinter sich, und suchten nach Spuren. Trotz der zahlreichen Einsatzkräfte herrschte auf dem gesamten Gelände eine geradezu gespenstische Ruhe.

Kizzy stapfte in ihren Gummistiefeln, die sie aus dem Kofferraum des Passats geholt hatte, bis zum Waldrand am Fuße des Abhangs. Dort sah sie einen weiteren Wagen des Erkennungsdienstes stehen. Daneben hatte der Leiter der Spurensicherung einen Klapptisch aufgebaut. Er saß auf einer Art Regiestuhl und tippte auf dem Keyboard seines Notebooks.

Rostigbraune Schlieren

„Ja, Kizzy. Grüß Gott!“, sagte Sepp Huber, als sie auf ihn zukam. Huber war ein hagerer, großer Mann, der vor zehn Jahren von der Kripo München zum Polizeipräsidium Westhessen gekommen war.

„Wo ist es?“, fragte sie.

Er wies auf ein dichtes Gebüsch, hinter dem Kizzy eine halb geöffnete Metalltür erkannte. Sie hatte zwar gewusst, dass es diesen Stollen gab, konnte sich aber nicht erinnern, je hier gewesen zu sein.

„Ist es ... so schlimm, wie alle sagen?“, fragte sie.

„Ich war nicht drin. Hab nur die Fotos der Dok-Truppe gesehen. Gruselig. Willst du sie dir anschauen?“

„Nein“, sagte Kizzy. „Ich muss es in echt sehen.“

„Der Gerichtsmediziner wartet auf dich. Dr. Martius, ein unangenehmer Zeitgenosse. Ich hab ihm gesagt, er soll die Leichen nicht umdrehen. Nicht, bevor du dir den Tatort angesehen hast. Hat ihm gar nicht gefallen. Scheint‘s eilig zu haben. “

„Kannst du mir einen Overall geben?“

„Nicht nötig, Kizzy. Wir sind fertig dadrin. Ich fürchte aber, dass der Kerl einen anhatte.“

„Der Täter? Einen Schutzanzug?“

„Ja“, sagte Huber. „Sieht nicht so aus, als würden wir große Beute machen.“

„Wieso sagst du ‚der Kerl’?“

„Vergiss es, Kizzy! Eine Frau kommt für diesen Mist nicht in Frage.“

„Sonst noch etwas, was du mir sagen kannst?“

„Wir haben überall auf dem Waldboden Schleifspuren gefunden.“

„Du meinst, er hat sie im Stollen getötet?“

„Hundertpro“, sage Huber. „Er wird sie wohl betäubt haben. Dann hat er einen der beiden in den Wald geschafft und dort erst mal abgelegt.“

„Sind dir die großen Kabeltrommeln oben auf dem Feldweg aufgefallen?“

Sepp Huber nickte.

„Die Jungen haben sich gestern darin versteckt. Ich denke, es wäre gut, wenn dort abgesperrt würde und du einen deiner Leute hinschickst.“

„Du bist der Boss!“, sagte Huber. „Hier machen alle, was du willst.“

Kizzy lächelte. „Für diesmal“, erwiderte sie.

Dann schloss sie die Augen, atmete mehrmals tief durch und stiefelte auf den Eingang des Stollens zu.

Kizzy hatte schon zwei Meter vor dem Eingang Mühe, Halt zu finden auf dem rutschigen Boden. Schwemmlöss und zermahlener Schiefer wurden durch das austretende Wasser benetzt und in einen glitschigen Untergrund verwandelt. Abwechselnd stemmte sie den rechten und den linken Fuß in den schlammigen Boden, immer mit den Armen rudernd, bis sie schließlich mit einer Hand die Eingangstür des Stollens zu fassen bekam.

Sie merkte, wie ihr Herz pumpte und sich kalter Schweiß auf ihrer Stirn bildete. Es war immer dasselbe, wenn sie an einen Tatort kam. Sie wusste, dass sie sich dem Anblick der Opfer aussetzen musste, um eine Ahnung von dem Verbrechen zu bekommen, das hier geschehen war. Zugleich schreckte sie davor zurück.

Der Eingang des Stollens war knapp zwei Meter hoch und etwa ebenso breit. Kizzy schlüpfte hindurch und stellte fest, dass auf dem Boden das Wasser fünfzehn Zentimeter hoch stand. Über die grob behauenen Wände zogen sich rostigbraune Schlieren, und auch hier tröpfelte unablässig Wasser in die Tiefe. Der Stollen war eine nasse, muffige, dunkle Höhle.

Doch schon hinter der nächsten Biegung war die Szenerie hell erleuchtet. Zwei Scheinwerfer auf Stativen, zwischen denen der drahtige Gerichtsmediziner stand, tauchten das gesamte Umfeld im 360-Grad-Winkel in grelles Licht.

Dr. Martius schaute Kizzy mit unbewegter Miene entgegen. Das heftige Spiel seiner Wangenknochen ließ darauf schließen, dass er mit den Zähnen knirschte. Wenn man einen Menschen verbissen nennen kann, dachte Kizzy, dann diesen.

„Ist es bei Ihnen üblich, dass die Einsatzleitung zuletzt am Tatort erscheint?“, fragte er.

„Bei uns ist es üblich, dass man sich begrüßt. Mein Name ist Kizzy Winterstein. Und wenn Sie das besänftigt: Ich brauche nicht lange.“

„Das kenne ich“, sagte Martius.

„Was kennen Sie?“

„Obwohl ihr aus dem Anblick der Opfer keine Schlüsse ziehen könnt, seid ihr scharf darauf, sie zu sehen. Aber bitte immer nur kurz.“

„Was soll das heißen? Meinen Sie vielleicht, das hier bereitet mir Vergnügen?“

„Ja. Ihr heftet euch jeden Mord wie einen Skalp an den Gürtel. Wie Schaulustige am Straßenrand glotzt ihr auf die Leichen; aber erst durch meinen Bericht bekommt ihr verwertbare Informationen.“

„Wissen Sie was, Herr Doktor?“, sagte Kizzy, „Machen Sie einfach Platz, sodass ich meinem Vergnügen nachgehen kann!“ Er trat einen Schritt beiseite und gab ihr mit einem gespielt-galanten Schlenker seines Arms den Weg frei. Wieder sah Kizzy seine Kiefer mahlen.

„Dr. Martius!“, sagte sie mit sanfter Stimme.

„Was noch?“, bellte er, den Blick bereits auf den Ausgang gerichtet.

„Sie sollten sich eine Beißschiene verschreiben lassen“, sagte Kizzy.

Mit einer schroffen Bewegung wandte er sich ihr noch einmal zu. Das schmale Metallgestell seiner Brille blitzte kurz im Scheinwerferlicht.

Jetzt würde er mich gerne schlagen, dachte Kizzy Winterstein und lächelte ihn an.

06:00 11.11.2017

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