Absolut modern sein

Medientagebuch Von Gott und der Welt zu handeln bedeutet bei den Kirchensendungen Selbstdarstellung

Schon mal reingeschaut und zugehört am Sonntag morgen im ZDF? "Lobe den Herrn, ich will den Herrn loben, solange ich lebe ... Hallelujah. Hallelujah." Danach schütterer Gesang aus dünnen Kehlen, der mit hohem Lautsprecher-Aufwand das Kirchenschiff durchzieht. Es ist Zeit zum Gottesdienst, und wer den nicht live besuchen will oder kann, schaltet den Fernseher ein. 800.000 bis eine Million sollen es jede Woche sein, die diese "Verkündigungssendung" sehen, die abwechselnd aus römisch-katholischen oder evangelisch-lutherischen Kirchen quer durch die Republik von Trier bis Schwerin übertragen werden. Die verantwortlichen Kirchenbeauftragten sehen das als sensationelle Quote. Vielleicht ist es aber nur eine Art von Nostalgie, dabei zuzuschauen?

Im Fernsehen sieht Kirche nämlich ganz anders aus als in der Realität. Volle Kirchenbänke, volltönende Pfarrer, die ohne zu stocken ihre Texte ablesen, Posaunen- und Gesangschöre, und jedes Mal tänzelnde Einlagen aus dem Kinder- oder Frauenkreis, die vorführen, was in Kirche noch drin steckt. Eigentlich nicht viel - wenn man denn Ansprüche an Glaubwürdigkeit und Überzeugung oder einfach Kreativität stellt und meint, dass Kirche ihrem öffentlich-rechtlichen Auftrag gemäß damit christliche Werte vermittelt: Bunte Wallegewänder, Ringelreihen mit Anfassen, die Arme gestreckt, die Hände empor. Nun ja. Da mag der von seiner Kirche bestimmte Rundfunkbeauftragte, der in solchen Fällen "Regie" führt, hoffen, dass diese Inszenierungen fürs optische Medium die Kirche als solche wieder attraktiver macht. Zumal die Pfarrer seit einiger Zeit vom "gelernten Schauspieler und Regisseur" Thomas Kabel gecoacht werden, damit sie mit ihrer "Performance" eine "action" hinlegen und Gottes-Show abziehen, sprich: die Liturgie lebendiger gestalten. Aber modern heißt nicht unbedingt gelungen oder gar zeitgemäß.

Nicht immer tut modernistischer Firlefanz gut, wie er auch das Wort zum Sonntag auszeichnet, seitdem die Karrieristen in der Kirche das Sagen haben. Statt der fast fünfzig Jahre lang stoisch in Schwarz und mit todernster Miene vorgetragenen Bibelworte nun das, womit Kirche auf den Zeitgeist fliegt: Himmelblaue Kulisse mit Schäfchenwolken, offene Hemd- und Blusenkragen, Stehen und Gehen an wechselnden Orten, wo auch gestisch mal ein Stein symbolisch in die Hand genommen wird. Und kurz vor Schluss die Gebetsmühle: "Mit der Geburt Jesu kam Licht in die Welt, kam Gott in die Welt."

Im Rundfunk-Staatsvertrag ist festgelegt, dass "sich die Gesellschaft das Wort der Kirche gefallen lässt". Das hat der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche in Deutschland zu kostenlosen Programmplätzen und in allen öffentlich-rechtlichen Sendern zu so genannten "Fachredaktionen" verholfen, die zusätzlich zu den "Verkündigungssendungen" redaktionelles Programm machen. Im ZDF ist das zum Beispiel das Viertelstundenmagazin Zur Zeit in Kirche und Gesellschaft, jeweils sonntags vor dem Gottesdienst und die Reihe "37°" am Dienstag Abend, in der "Themen zu Religion, Ethik, Philosophie und Gesellschaft" aufgegriffen und meist in Porträt-Form umgesetzt werden. In der ARD läuft das Halbstunden-Pendant am Sonntag im Vorabendprogramm, mit dem sichtbaren Unterschied, dass die Kirchenfunk-Redaktionen der einzelnen Länderanstalten mit ihrem unterschiedlichen journalistischen Niveau diese Reihe beliefern, die noch bis vor kurzem Gott und die Welt hieß. Verbales Mimikry, vor allem, wenn man in die Sendungen der Dritten Programme hineinschaut. Friedenskirchen in Schlesien zum Beispiel, eine Reportage im BFS von Marius Langer, die einen Chauvinismus in Wort und Bild offenbart, wie ihn evangelikale Sender nicht besser hätten drehen können. Oder Das Leben ändern, auch im BFS, in der die blinde Schlagersängerin Corinna May (I love the Lord) vor leerer Bühne und als zweites Beispiel ein Alkoholiker auf der Parkbank der mit seelsorgerlichem Blick und Habitus vor ihnen stehenden Interviewerin von ihrem "neuen Leben mit Gott" erzählen durften. Faustdicke Symbolik in der Kulisse, Gottesbeweis mit elegischer Stimme und Hau-den-Lukas-Jesushammer fürs Gemüt, so präsentiert sich Kirche im vermeintlich journalistischen Rahmen. Es steht aber nicht im Abspann, dass das "Buch" eine Pfarrerin geschrieben und "Regie" der Rundfunkbeauftragte der bayerischen, evangelisch-lutherischen Landeskirche geführt hat. Es ist ja auch keine Verkündigungssendung. Es ist einfach so, dass die beiden christlichen Kirchen die vielen Sendeplätze, die ihnen und nur ihnen und nicht etwa den vielen anderen, ethische, moralische, humanistische, christliche "Werte" vermittelnden religiösen Kirchen und spirituellen Vereinigungen zugestanden werden, als erweiterte PR für ihre eigenen Unternehmen benutzen. Dazu gehört, dass die meisten Kirchenfunk-Sendungen über Einrichtungen, Abteilungen, Aktivitäten, Initiativen undsofort dieser beiden Kirchen berichten oder wenigstens als "Aufhänger" nehmen. Dazu gehört, dass diese beiden Kirchen ein Mitspracherecht bei der Besetzung der Leitung der Kirchenfunkredaktionen haben. Dazu gehört, dass die meisten der Redakteure Pfarrer oder TheologInnen sind und ihre Stellen wie auch die Sendungen paritätisch zwischen den beiden Konfessionen aufgeteilt werden. Darauf wiederum achten die von diesen beiden Kirchen gestellten Rundfunkräte in den jeweiligen Rundfunkratsgremien. Und die Rundfunkbeauftragten der Kirchen, Pfarrer natürlich, verantworten nicht nur die Liturgie der Verkündigungssendungen, sondern fühlen sich durchaus, redaktionell ungebremst, auch - siehe oben - zu Höherem berufen.

Klar, hier wird im öffentlich-rechtlichen System mit anderen als journalistischen Maßstäben gemessen. Aber mit welchen? Kritik am guten Willen der Kirchen erübrigt sich, und damit auch die an den Sendungen und an der Struktur. Gilt also auch hier: Dabei sein ist alles?

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00:00 13.12.2002

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