Absurde Gefolgschaft

Präventivkrieg Scott Ritte war 1991 bis 1998 UN-Waffeninspektor im Irak. Für ihn beginnt mit einem Militärschlag gegen Bagdad unwiderruflich das Zeitalter der präventiven Aggressionen

Eine beachtliche persönliche Metamorphose hat Scott Ritter durchlaufen: Als Offizier der US-Marines kämpfte er im Zweiten Golfkrieg gegen die Truppen Saddam Husseins, als leitender UN-Waffeninspektor zwischen 1991 und 1998 galt er als "Falke", der dem irakischen Regime vorwarf, gegen die UN-Resolutionen zu verstoßen. Inzwischen tourt Ritter als Vortragsreisender durch die Welt und warnt vor einem US-Angriff auf den Irak.

FREITAG: Sie sind inzwischen einer der profiliertesten Kriegsgegner in den USA und von Podium zu Podium unterwegs, um Ihre Bedenken gegen einen Irak-Krieg zu äußern. Was macht Sie denn so sicher, dass Saddam Hussein über keine Massenvernichtungswaffen verfügt?
SCOTT RITTER: Gar nichts. Ich muss ehrlich sagen: ich weiß nicht, ob er über atomare, biologische oder chemische Waffen verfügt. Vier Jahre lang war niemand von den Waffeninspektoren dort, ich weiß also nicht, was sie jetzt dort finden. Aber ich will Ihnen mein Plädoyer für neue Inspektionen und meine Gegnerschaft zu einem Militäreinsatz anhand eines sehr persönlichen Beispiels erklären: Mein Vater hatte einmal einen Gehirntumor. Der Arzt sagte ihm das und zeigte ihm die Röntgenbilder, die deutlich belegt haben, dass da etwas in seinem Kopf ist. Daraufhin hat er einer Operation zugestimmt. Mein Vater wäre ein verdammter Idiot gewesen, hätte er sich operieren lassen, ohne vorher die Beweise zu sehen. Und so ist es auch mit einem Krieg gegen den Irak: Wenn Saddam Hussein internationales Recht verletzt und mir die Bush-Administration dauernd erzählt, er hätte Massenvernichtungswaffen, so will ich doch vor einem Krieg zumindest die Beweise sehen.

Was geschieht, wenn - wie britische Geheimdienstberichte gerade nahegelegt haben - die derzeit im Irak arbeitenden Waffeninspektoren genauso getäuscht werden wie es während Ihrer UNSCOM-Mission (*) der Fall war?
Natürlich hat man mit uns gespielt - ein bisschen kooperiert und uns zugleich belogen. Aber die jetzige Mission ist die am besten vorbereitete und am besten von diversen Staaten unterstützte in der UN-Geschichte. Im Übrigen war auch UNSCOM erfolgreicher, als die Regierung der USA das zugibt. Schon bis 1996 konnten wir 90 bis 95 Prozent des Arsenals an irakischen Massenvernichtungswaffen verifizieren und zerstören.

Worin besteht die größte Gefahr für die augenblickliche UNMOVIC-Mission?
Wenn wir von den Irakis verlangen, dass sie sich internationalem Recht zu fügen haben, sollten im Gegenzug auch die Inspektoren daran gebunden sein. Ich muss davor warnen, dass einige amerikanische Mitglieder von UNMOVIC von ihrer Regierung instrumentalisiert werden und sich nicht mehr dem Mandat der UN-Resolution, sondern dem Wunsch Washingtons verpflichtet fühlen, Saddam zu stürzen. Dafür sollten sich die Inspektoren nicht einspannen lassen. Der Zutritt zu den präsidialen Palästen dürfte in diesem Zusammenhang zu einer Gratwanderung führen, weil die irakischen Behörden geltend machen werden, man dürfe die Sicherheit des Präsidenten nicht gefährden. Was also, wenn ein Palast inspiziert werden soll, in dem sich gerade Saddam Hussein aufhält?

Wie würde ein Krieg gegen den Irak aussehen?
Das wird kein Krieg - das wird ein Massaker. Die am besten ausgerüstete, modernste Armee der Welt wird aufmarschieren. Wir werden die Irakis abschlachten, darüber gibt es gar keinen Zweifel. Vor allem müssen Sie die Langzeitfolgen bedenken: Schon jetzt ist die Versorgung der irakischen Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigsten kaum noch gewährleistet, nach einem Angriff werden binnen Monaten Zehntausende Zivilisten sterben, besonders Kinder.

Wie beurteilen Sie die europäische Position?
Welche Position? Europa muss aufwachen und sich einmal klar werden, wofür es steht. Gibt es noch irgend einen moralischen Anspruch dieses Kontinents? Wollen Sie als EU eine souveräne Staatengemeinschaft sein oder ein Disneyland für Amerikaner, die hier äußerst moderne und gebildete Menschen vorfinden mit lustigen englischen Akzenten? Das ist die letzte Chance für Europa, sich einen Sinn zu geben und auch die Amerikaner wachzurütteln. Was Bundeskanzler Schröder vor den Wahlen in Deutschland gesagt hat, wurde von der amerikanischen Bevölkerung sehr wohl wahrgenommen. Wenn die Europäer jetzt nicht beginnen, sich zu profilieren, werden sie zu Paladinen einer amerikanischer Aggression. Es wird Zeit, dass die Welt nicht immer nur darauf wartet, was Washington tut oder nicht tut.

Was geschieht, wenn die Europäer doch lieber weiter warten und kleinlaut bleiben wollen?
Ein Militärschlag gegen den Irak wird der Beginn für die weltweite Durchsetzung einer Doktrin präventiver Militärschläge sein. Man muss keinen Nobelpreis haben, um diese Doktrin richtig zu deuten: Die USA haben sich endgültig entschieden, unilateral zu handeln - das Zeitalter der amerikanischen Aggressionen ist angebrochen. Das sind nicht mehr die USA, die Europa von Hitler befreit haben. Europa wird künftig enorme Probleme mit uns bekommen, wenn es sich nicht dazu durchringt, diesen amerikanischen Präsidenten zu stoppen.

Das Gespräch führte Martin Schwarz.

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00:00 06.12.2002

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