Absurde Liebesarien

Opern in Berlin Die Kulturpolitiker wollen den Aufstand des Publikums, doch das vertraut den Versprechen auf Erhalt der drei Häuser - zum Stand der Dinge und der Kunst

Vor drei Wochen veranstaltete die Akademie der Künste in Berlin ein Talk-In zur Berliner Opern-Situation; zwei umfangreiche "Opern-Papiere" wurden in die Runde gereicht und mit Kultursenator Thomas Flierl, Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer, Alice Ströver (Kulturstaatssekretärin unter Flierls Vorgängerin Adrienne Göhler) und Monika Grütters (Vorsitzende des Kulturausschusses des Berliner Senats) diskutiert. Kniefällig baten die Kulturpolitiker um den Aufstand. Bitte, liebes Opern-Publikum, flehte Alice Ströver, erhebe dich jetzt und mache der grausamen Nacht ein End´, die die Berliner Opern bedroht! Sie könne sie jetzt beim besten Willen nicht mehr allein retten. Die Opernhäuser zittern, aber das Publikum, dieser Frechdachs, zittert nicht.

Zwölf Jahre Berliner Kulturpolitik haben die drei Häuser, einst Perlen der internationalen Opernszene, bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Jetzt sollen sie noch weiter "reformiert" werden. Die neue Kulturstaats-Ministerin Christa Weiß (haben wir neuerdings einen Kulturstaat?) will das, sonst gibt es kein Geld. Nun war wieder zu hören, alle Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses hätten sich auf den Erhalt aller drei Berliner Opernhäuser verständigt und wollen sie in eine Stiftung überführen, die gemeinsam vom Land Berlin und vom Bund finanziert werden soll und auch für private Zuwendungen offen ist. Senator Flierl arbeitet, wie sein Haus mitteilt, an einem entsprechenden Papier, das noch dieses Jahr dem Parlament vorgelegt werden soll. Was Monika Grütters auf der erwähnten Diskussion als treffendes Gleichnis vorbrachte, ist nun die Meinung aller: Eine Familie mit drei Kindern frage sich ja auch nicht, ob nicht zwei oder eines genügten.

Dieses klare Wort der Abgeordneten kommt spät, ihm voraus ging beträchtliche Unruhe an den Berliner Häusern. Da schon zwei Berliner Bühnen ausradiert waren, das Schiller-Theater und das Metropol-Theater, fürchteten die Ensembles um ihre Existenz und probierten den Aufstand gegen ihre Verwaltungs-Intendanten, die inzwischen alle gehen mussten oder noch gehen werden: Georg Quander an der Deutschen Staatsoper, Albert Kost an der Komischen Oper, Udo Zimmermann an der Deutschen Oper; Franz Xaver Ohnesorg von der Berliner Philharmonie kann man als vierten hinzuzählen. Während die beiden eitlen Kölner Kost und Ohnesorg farblos blieben, steht es bei Zimmermann anders; er hatte ein radikales Konzept der Innovation, wie es immer wieder gefordert worden war, aber gegen ihn arbeitete die konservative Fronde von Wilmersdorf, die Partei des Dèja-vu und Dèja-entendu. Besser allerdings nennte man sie die musikalische Event-Partei. Einst war sie, wie man sich erinnert, auch gegen Götz Friedrich gewesen.

Bei Walter Felsenstein, Götz Friedrich, Joachim Herz, Ruth Berghaus war Oper künstlerische Sensation wie pointiertes politisches Theater und gesellschaftliches Ereignis. Davon ist man heute weit entfernt. Zimmermann wäre der Mann gewesen, mit dem die Berliner Oper wieder internationales Renommée hätte erringen können. Man hat es nicht gewagt. Ein Haus streicht sein Profil und stellt sich zur Disposition - ein theatralisches Ereignis. Das Haus in der Bismarckstraße jedenfalls wird auch ohne den begabten Querkopf dessen innovativen Weg weitergehen müssen, wenn es seine künstlerische Existenz nicht aufs Spiel setzen will.

Die anti-administrative Revolte der Häuser war die Antwort der Künstler auf die Unfähigkeit des Senats, für die Berliner Oper ein schlüssiges administratives Konzept zu finden, und auf die inkompetenten künstlerischen Vorschläge, die es auf die erstaunten Ensembles niederprasseln ließ. Da sollte die Komische Oper das Haus des Allerneuesten werden, die Deutsche Oper das der Grand Opèra des 19. Jahrhunderts, und die Staatsoper das des barocken Theaters. Es zeugt für die Höflichkeit der Berliner, dass sich darüber nicht weithin schallendes Gelächter erhob. Denn ganz offensichtlich bietet nur die Deutsche Oper mit ihren Ausmaßen die Räumlichkeiten für die barocken "Fêtes galantes" mit 50 Pferden, 120 Musikern, 200 Sängern und Tänzern und nicht die Staatsoper Unter den Linden, wo man die verdienstvollen Unternehmungen von René Jacobs mit barockem Theater verwechselt. Freilich könnte man auf diese Weise die nunmehr vom Bund verwaltete Reiterstaffel der Berliner Polizei damit endlich einmal einem nützlichen Zweck zuführen und den Bund an der Unterhaltung der Berliner Opern und ihres Publikums beteiligen.

Das Stiefkind im Tohuwabohu der Diskussionen bleibt die Operette (das Musical eingeschlossen). Nachdem jetzt in Dresden das letzte deutsche Operettenhaus geschlossen wurde (obwohl es nicht an Geld fehlt, wie der Neubau eines weiteren Dresdner beweist), steht das Kind der heiteren Muse verwaist, und man schämt sich seiner. Andreas Homoki, der designierte Intendant der Komische Oper, verkündete in der oben genannten Diskussion mit spürbarer Distanz, eine Operette pro Jahr werde er vielleicht herausbringen, wenn´s denn nötig ist, aber... aber sie sei auch kein Publikumsmagnet. Logisch. In die ungespielten Stücke gehen auch keine Leute, und das Musical-Theater braucht nicht nur Léhar, Weill oder Webber, sondern auch seine Lieblinge, wie einst Fritzi Massary, Richard Tauber am alten Metropol und später Anny Schlemm, Hans Nocker und Rudolf Asmus an der Komischen Oper oder Gisela May und Maria Mallé am Berliner Ensemble und Metropol-Theater. Wenn die modernen Regisseure sich darauf konzentrierten, Ensembles und Stars aufzubauen, statt mit ihren alpträumerischen Konzeptionen die Stücke zu verhunzen, dann hätte das heitere Musiktheater in Berlin, wenn auch kein Haus, so doch wieder einen Platz.

Wenn nun die administrative Marschroute feststeht, könnte man ja endlich wieder über Kunst reden. Dass Oper eine Kunstart ist, war in letzter Zeit ja gänzlich aus dem Operndiskurs entschwunden. Wie sieht die Oper in Berlin heute aus? Aus den beiden jüngsten Premieren in der Staatsoper und der Komischen Oper kam ich mit einem Wechselbad von Gefühlen. Einst war neben Offenbachs Ritter Blaubart an der Komischen Oper Dmitri Schostakowitschs Farce Die Nase an der Staatsoper die komischste, böseste und satirischste Inszenierung der (Ost-)Berliner Opernszene. Daran kann man, auf die Gefahr hin, dass man der unverbesserlichen Nostalgie geziehen wird, nur mit Trauer denken, wenn man die neueste Inszenierung dieses Stück am gleichen Hause sieht.

Das Stück handelt vom Leningrader Kollegienassessor Kowaljow, dessen Nase sich als Staatsrat selbständig macht, ein Stück surrealistisches Theater nach einer Novelle von Nikolai Gogol, den die Dramaturgin des Stückes in ihrer Einführung stets als "Gohgóll" aussprach. Als Schostakowitsch es 1927 komponierte, war es eine offensichtliche Verhöhnung des sich in seiner Heimat etablierenden revolutionären Bürokratismus. Die abhanden gekommene Nase - das waren die verselbständigten Orden und Insignien, die Staatsgewalt ohne menschliches Format. 1930 verstand man das in Leningrad, und auch 1969 an der gleichen Staatsoper, als Erhard Fischer das Stück so fulminant in Szene setzte, dass das Publikum bei jedem Erscheinen der staatsrätlichen Nase anzüglich lachte und der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht irritiert die laufende Vorstellung vorzeitig verließ.

In der neuesten Inszenierung verkommt die Satire zur Zote, denn der Staatsopernvorsitzende resp. Intendant Peter Mussbach und sein Kölner Bühnenmaler Jörg Immendorff enthüllen uns, dass die Nase eigentlich das Code-Wort für "Penis" sei. Aber erotische Konsequenzen ziehen sie trotzdem nicht. Weder errichten sie ein Phallus-Monument auf der Bühne (stattdessen gibt es eine Art goldenes Schneckenhaus) noch lassen sie den Assessor von einer Frau spielen. Der oberste Polizeimeister, der als Vertreter der Ordnungsmacht die hochstaplerische Nase zu verhaften und dem Besitzer wieder zuzuführen hat, erschien in Kostüm und Maske bin Ladens. Was wollte uns der Künstler damit sagen? Das Publikum genoss die bittere Komödie schweigend wie Mozarts Requiem, denn die originalsprachige Wiedergabe verschloss ihm den Witz des Stückes. Aber es klatschte frenetisch. Das Unbegreifliche zog es hinan.

Es ist keinesfalls die Nostalgie, für die ich plädiere, sondern ein Theater, das seine Stücke liest, bevor es sie auf die Bühne bringt. In der Komischen Oper kann man das noch. In der Inszenierung von Andreas Homoki spielte man zwei Einakter nach Oscar Wilde von Alexander von Zemlinsky, Eine florentinische Tragödie und Der Zwerg. Man hat allgemein das zweite Stück gelobt, aber schon das erste war ein theatralisches Ereignis. Anstelle des aristokratischen Florentiner Ladens eine Pappschachtel-Mauer bis unter die Decke wie in einem Discounter, darauf, darunter, darin spielt die Tragödie, man liebt und hasst, speist und trinkt, die Kisten spenden alles - Kleider, Hüte, Weine, Waffen, am Ende den Tod. Der biedere Kaufmann, brillant gespielt und gesungen von John Wegner, mit einem Schuss Dämonik wie einst Hans Nocker oder Rudolf Asmus an diesem Hause, erschlägt den adligen Liebhaber, erringt sein Weib von neuem, und die Kistenmauer stürzt - man ahnte es - auch wirklich krachend ein. Im andern Stück dann statt der Mauer nur noch eine Riesenschachtel, aus der alles kommt. So sind beide Stücke auch durch ein Bild-Motiv verbunden. Aus einer kleinen Kiste kommt der Zwerg, Geburtstagsgeschenk für die kleine Infantin. Der ist ein hässlicher Clown mit riesenlanger Nase, eine Art Burattino, der sich einbildet, Held, Ritter und Beau zu sein. Jürgen Müller heißt diese Spitznase, die mit Hingabe und sanftem Tenor seine absurden Liebesarien singt und in Verzweiflung stirbt, als sie in den Spiegel sieht. Kein großer Star, aber unvergesslich. Auf einer monumentalen Spielzeugbühne vollzieht sich die Geschichte, über die man lacht und weint. Und musikalisch ist es, dank dem jungen Vladimir Jurowski, ohne Makel. Kent Nagano hat man wegen seiner Schostakowitsch-Interpretation sehr gelobt, doch ich ziehe den jungen Jurowski vor, das ist ein Theaterblut, wie es die Bühne braucht. Sein Orchester trägt die Sänger, Naganos Orchester musiziert neben ihnen her.

Niveau ist hier wie dort, doch in der Komischen Oper, regieren zudem Verve, Witz, Esprit, Gelächter, Tränen, unter den entlaubten Linden herrscht vergoldetes Design. Andere sehen es anders und ziehen Die Nase von Peter Mussbach Homokis Spielzeugladen vor, gestützt auf ebenfalls bedenkenswerte Gründe. So taucht er wieder auf, der alte Berliner Streit um Oper oder Musiktheater, und es wäre schön, wenn man künftig wieder darüber streiten könnte statt über Administrationsmodelle.

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00:00 06.12.2002

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