Absurdes Theater

Reparationen Kriegsschulden Deutschlands gegenüber Griechenland? Da heißt es in Berlin gern: Taschenspielertrick! Es lohnt sich also, die Frage sachlich zu klären
Hagen Fleischer | Ausgabe 08/2015 6

Die Regierungsübernahme von Alexis Tsipras hat erneut die Debatte entfacht, ob Deutschland Griechenland noch Reparationen schuldet. „Ich kann nicht über etwas hinweggehen, das eine moralische Verantwortung gegenüber der Geschichte darstellt“, sagte der Premier in seiner Regierungserklärung. Derartige Forderungen werden in Berlin gern als Taschenspielertrick „bankrotter“ Griechen dargestellt, die versuchen, ihre Schulden zu decken, indem sie armen deutschen Steuerzahlern hart verdiente Euros aus der Tasche ziehen. Es lohnt sich zu klären, von welcher Schuld überhaupt die Rede ist.

Griechenland litt dreieinhalb Jahre unter einer brutalen und zerstörerischen Besatzung durch Nazi-Deutschland. Die Pariser Reparationskonferenz von 1945 akzeptierte Berechnungen, wonach seit 1941 Schäden von umgerechnet sieben Milliarden Dollar verursacht wurden. Bei dieser Zahl handelte es sich um keine Reparationssumme, sondern einen Richtwert, der es erlauben sollte, die prozentualen Anteile für einen möglichen Reparationsfonds zu bestimmen.

Hagen Fleischer ist Jura-Professor an der Universität von Athen

Von den USA festgelegte Kriterien, wie der aufgeteilt sein sollte, begünstigten seinerzeit mehr die Großmächte als die „kleinen Alliierten“. Kosten für die US-Kriegsproduktion fanden sich großzügiger vergolten als Widerstand und Leid der Griechen, die schließlich von der Inter-Allied Reparations Agency mit Gütern im Wert von knapp 80 Millionen Dollar bedacht wurden. Zur gleichen Zeit reifte im Westen der Konsens darüber, dass Westdeutschland als Bollwerk gegen die Sowjetunion aufgebaut werden müsse. Reparationen, die zur Demontage von Industrieanlagen führten, hatten sich damit erledigt. Analog dazu wurde 1953 im Londoner Schuldenabkommen ein von den USA angeregter „Haircut“ für deutsche Auslandsschulden aus der Vor- und Nachkriegszeit vereinbart, während „Überlegungen nach Forderungen, die aus dem II. Weltkrieg erwachsen“, bis zu einer „endgültigen Regelung“ aufgeschoben wurden, die man nicht vor der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten erwartete, also in weiter Ferne wähnte.

Ende der 50er Jahre erklärte sich die Regierung Adenauer immerhin bereit, denjenigen, die „von nationalsozialistischer Verfolgung betroffen waren“, eine freiwillige Entschädigung in Form eines Einmalbetrags zu zahlen. Der griechische Staat erhielt 115 Millionen D-Mark, eine Summe, die seither zum Gegenstand von Mythen und Legenden wurde. Weitere Kompensationen verweigerte man mit der Begründung, nur ein vereintes Deutschland könne solchen Zahlungen zustimmen. Was nichts anderes bedeutete, als dass Reparationen „bis zum St. Nimmerleinstag“ hinausgeschoben wurden.

Als es 1990 zur Wiedervereinigung kam, versorgte der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher mehrere Botschaften, darunter die in Athen, mit Memos, in denen stand, wie entsprechende Verlangen abzuwehren seien. Ein Argument lautete, alles sei verjährt – obwohl die Bundesrepublik noch 1974 von einem deutsch-alliierten Schlichtungsgericht verurteilt worden war, Griechenland 47 Millionen DM Kompensation für im Ersten Weltkrieg verursachte Schäden zu zahlen. Ein anderes Argument besagte, dass Griechenland Hilfsleistungen der EU erhalte, in der Deutschland größter Beitragszahler sei. Zudem dürften sich die politisch Verantwortlichen des frisch vereinten gesamtdeutschen Staats gefragt haben, wohin es führt, wenn man gegenüber Athen einen Präzedenzfall schafft. Nur ändert das nichts daran, dass Griechenland zwischen 1941 und 1944 „Reichsanleihen“ für den Unterhalt der Wehrmacht und sogar für Lebensmittellieferungen an Rommels Afrikakorps abgepresst wurden. Anfang 1945, kurz vor Ende der NS-Herrschaft, bezifferten hochrangige deutsche Ökonomen diese „Reichsschuld an den griechischen Staat“ auf 476 Millionen Reichsmark, was heute zehn Milliarden Euro entspricht.

Berlin sollte das anerkennen, um wenigstens über einen symbolischen „Zukunftsfonds“ für Griechenland zu verhandeln. Bis dahin leben wir weiter mit der absurden Lage, dass deutsche Nachkriegsregierungen eine Schuld leugnen, die selbst das Nazi-Regime offiziell anerkannte.

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