Abwarten lernen

Tschernobyl Was wir für Fukushima aus dem Unglück von vor 25 Jahren lernen können: das Zappen einstellen. Beim Namen genannt werden die Dinge erst viel später

Eine große deutsche Tageszeitung hat mir gerade mitgeteilt, dass sie kein Interesse an Fukushima habe, weil sie „in Ermangelung kenntnisreicher Nahaufnahmen“ alles dazu als kompensatorische Berichterstattung empfinde – und daher außerdem zum Tschernobyl-Jahrestag schweigen wolle.

Das ist eine zumindest vom Ansatz her erstaunliche Haltung in diesen Tagen, da die Medien von dem Thema „Kraftwerksunglücke“ beherrscht werden. Rund um die Uhr werden Zeitungsleser und Fernsehzuschauer mit Erklärungen darüber bombardiert, was einen Gau von einem Super-Gau unterscheidet. Aus allen Schlupflöchern werden Experten hervorgezogen, die nachvollziehen sollen, was in Fukushima abgelaufen sein könnte und in Tschernobyl wahrscheinlich passiert ist.

Talkshowteilnehmer schwadronieren darüber, was Fukushima für Deutschland bedeutet, wie betroffen sie sich fühlen, wenn sie sich vorstellen, wie es den Evakuierten nun ergeht, wie erschreckend es doch ist, dass die Politiker keine Lehren aus Tschernobyl gezogen haben. Und die so Gescholtenen werfen sich wechselseitig und vor Kameras vor, die Katastrophe zu instrumentalisieren – die auf diese Weise im großen Gerausche untergeht.

Es wäre zu einfach, all diesen Akteuren Katastrophenprofitismus vorzuwerfen, ihnen zu unterstellen, sie würden nur ihre Eitelkeit befriedigen oder ihre Karriere retten, und die Medien wollten bloß Quote erzielen mit immer spektakuläreren Statements von Umweltministern, Models und Schauspielern. Die Sache ist komplizierter.

Der Vorwurf ist mir vertraut, ich habe Tschernobyl Baby geschrieben, ein Buch über die Katastrophe von 1986, das vor Fukushima erschienen ist und jetzt eine Aufmerksamkeit genießt, die es ohne diese Katastrophe wohl nicht erfahren hätte.

Den Zerfall erklären

Natürlich habe ich mich über diese Aufmerksamkeit auch gefreut, so wie die meisten Autoren sich über eine Einladung in ein hell ausgeleuchtetes Studio freuen, Autoren, die ihre Tage allein in Zimmern mit Hinterhofblick verbringen, um ein Buch zu schreiben, das ihnen etwas bedeutet. Denn ohne – mediale – Aufmerksamkeit lässt sich kein Buch mehr verkaufen, und wer ein schlecht verkauftes Buch geschrieben hat, ist weder in den Buchhandlungen zu finden noch wird er einen Verlag bei Laune halten, der die Mittel hat, ihm künftig mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ein Buch ist heute in erster Linie ein Produkt, der Buchmarkt eine zutiefst kapitalistische Branche.

Aber diese mediale Aufmerksamkeit birgt die faustische Gefahr, dass die Inhalte darüber vergessen werden, das, wofür ein Autor ein solches Buch überhaupt schreibt, welches weder angenehm zu recherchieren ist noch Millionenauflagen beschert: Aufklärung zu betreiben über ein fast vergessen geglaubtes Ereignis. Menschen – so naiv das auch klingen mag – eine Stimme zu geben, die sonst keine haben. Die sozialen Verwerfungen erfahrbar zu machen, die eine solche Katastrophe nach sich zieht, den gesellschaftlichen, den politischen, ökonomischen, moralischen Zerfall zu erklären, den in seiner ganzen Komplexität zu begreifen wichtiger ist als die Frage, ob wir es mit einem Super-Gau zu tun haben oder doch nur mit einem Gau.

Eine Katastrophe, von der tausend Bilder im Umlauf sind, tausend Infohäppchen, tausend Erklärungen der Expertokratie, die in der ganzen Pracht des modernen Infotainments durch unsere Köpfe zappen, erzeugt allerhöchstens so genannte Betroffenheit. Einen schalen Aufguss von Gefühlen, die man am Ende für die echten hält: ein Mitleid, das in Wirklichkeit Selbstmitleid ist, eine diffuse Angst, die wahlweise in wirren Aktionismus oder bitteren Zynismus ausartet, eine Wut, die die Trauer zuschüttet. Eine Unfähigkeit zu trauern , die, wie schon die Mitscherlichs in ihrem gleichnamigen Essay beschrieben haben, die Reflexion behindert, unfrei macht.

Denn dass über ein Tschernobyl-Buch viel geredet wird, bedeutet nicht, dass es auch gelesen wird. Geschätzte neunzig Prozent der Journalisten, denen ich ein Interview geben durfte, hatten sich nur mit den ziemlich menschelnden PR-Texten beschäftigt – mehr Zeit hatten sie nicht zur Vorbereitung.

Hauptsächlich Gefühle

So ging es bei den Fragen, die mir gestellt wurden, hauptsächlich um Gefühle, politische und private. Zum Beispiel darum, ob ich mich bestätigt gefühlt habe, als ich von dem Atomunfall exakt 25 Jahre nach Tschernobyl erfuhr; ob ich Angst gespürt habe, als ich in der Tschernobyl-Sperrzone recherchierte, und wie viel Jodtabletten ich danach geschluckt habe; ob mir Tiere mit zwei Köpfen begegnet sind; ob die Bundesregierung jetzt den Ausstieg vom Atomausstieg umsetzen muss und die Grünen in Baden-Württemberg in die Regierung einziehen sollen.

Was bei mir die Frage aufgeworfen hat, ob ein Autor heute einfach eine klare politische Position zu besitzen hat (Wenn ja: warum?). Und ob es normal ist, lebenswichtige Fragen mit politischem Vokabular zu erörtern.

Der deutsche Journalismus wird dafür gescholten, dass er angeblich keine Fragen mehr stellt, zumindest nicht die richtigen. Mir scheint, dass nicht die Fragen das Problem sind. Fragen werden viele gestellt, eigentlich dreht sich alles um das Fragen. Allein die Antworten spielen kaum noch eine Rolle.

Genau das aber ist die Tragödie von Tschernobyl – die gegenwärtige Tragödie. Zumindest in der Ukraine können die Opfer heute über Tschernobyl reden, wie sie wollen. Sie können öffentlich beklagen, dass sie keine Renten mehr bekommen. Dass die Hilfsgelder aus dem Ausland auf privaten Konten landen. Dass, weil das Gesundheitssystem von Korruption zerfressen ist, in den Familien darum gewürfelt wird, wer überleben darf. Selbst Journalisten können darüber schreiben. Es ist nicht mehr wie früher die Regierung, die ihnen das verbietet. Es hört nur keiner mehr zu in diesem Land, das pausenlos fernsieht.

Und genau das ist es auch, was man in Deutschland – im Hinblick auf Fukushima – von Tschernobyl lernen könnte: Sich nicht von der geballten Expertokratie verwirren, schutzlos, taub machen zu lassen. Das Zappen einzustellen. Vielleicht sogar ein Buch zu Ende zu lesen.

Denn „in einer derart aufgeladenen Gesellschaft wird niemand die Dinge beim Namen nennen“. Das hat ein ukrainischer Autor geschrieben – in der großen deutschen Zeitung, die sich eigentlich nicht mit Tschernobyl befassen will.

Merle Hilbk ist Schriftstellerin und Journalistin. Ihr Buch Tschernobyl Baby erschien im Februar bei Eichborn

13:35 28.03.2011

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