Abzug der Ehemänner

Dokumentation Sung-Hyung Cho erzählt in „Verliebt, verlobt, verloren“ deutsch-koreanische Familiengeschichte

Das Schicksal eines geteilten Landes kennen Korea und Deutschland. Und gemeinsam ist den beiden Ländern auch der ideologische Machtkampf um Legitimation und Vorrangigkeit. So konkurrierten BRD und DDR bei der Unterstützung für das geteilte Korea, etwa in Form von Menschen-, Waren-, Geld- und Wissenstransfer. Es galt, Solidarität zu bekunden und Blockbildung zu sichern.

Anders als die BRD, die erst 1963 mit der als technische Entwicklungshilfe deklarierten Aufnahme südkoreanischer Bergarbeiter begann, empfing die DDR die ersten nordkoreanischen Studierenden bereits in den Wirren des Koreakriegs. Von 1952 bis 1956 wurden 357 nordkoreanische Studierende in der DDR aufgenommen. Anfang der 60er Jahre aber wurden alle diese Menschen ohne Nennung besonderer Gründe plötzlich heimgerufen und kehrten nie wieder zurück. Bei der abrupten Abreise ließ mancher nordkoreanische Student nicht nur schöne Erinnerungen zurück, sondern auch (Ehe-)Frau und Kinder.

Jena, Leipzig, Dresden

Der Dokumentarfilm Verliebt, verlobt, verloren – nach Full Metal Village (2006) und Endstation der Sehnsüchte (2009) der dritte Teil einer sogenannten Heimatfilmtrilogie der Regisseurin Sung-Hyung Cho – erzählt von den Liebes- und Lebensgeschichten der zurückgelassenen Frauen in der damaligen DDR. Im Film werden drei Frauen und deren vaterlos aufgewachsene, inzwischen über 50-jährige Kinder vorgestellt. Die prominenteste Protagonistin dürfte Renate Hong sein, die für Aufmerksamkeit sorgte, als sie 2008 mit ihren Söhnen nach Nordkorea reiste, um den (inzwischen wieder verheirateten) Ehemann nach 47 Jahren zum ersten Mal wiederzusehen.

Kennengelernt haben sich die Paare Mitte der 50er Jahre in Universitätsstädten wie Jena, Leipzig und Dresden. Die Frauen waren jung und schön und die Nordkoreaner auffallend und attraktiv, wie die Privatfotos der Frauen belegen. Offiziell waren eheliche Verbindungen von beiden Staaten nicht erwünscht. Dennoch wurden einige der Frauen standesamtlich getraut.

Als die Paare unfreiwillig getrennt wurden, schrieben sie sich anfangs sehnsüchtige Briefe. Um die einstige Liebe zu veranschaulichen, werden im Film Schlüsselmomente der Beziehung durch animierte Illustrationen dargestellt und mit Schlagern und herzergreifenden Zeilen aus den Briefen unterlegt. Die Kinder suchen in den Universitätsarchiven nach den wenigen verbliebenen Spuren ihrer Väter und freuen sich über jeden Fund. Darunter auch Liana Kang-Schmitz, Tochter eines „republikflüchtigen“ nordkoreanischen Studenten, die die damaligen Ereignisse kommentiert und so durch den Film führt. Gern hätte man mehr über ihren Vater und andere Nordkoreaner erfahren, die noch vor dem Mauerbau in den Westen gingen. Am Ende des Films reisen einige der Frauen und Kinder in die Heimat der Männer und Väter.

Im Rückblick waren weder die DDR noch Nordkorea auf die Studierenden vorbereitet. Sie konnten und wollten nicht absehen – ähnlich wie bei den Gastarbeitern in der BRD –, wie sich die Menschen in der Ferne entwickeln und verhalten würden. Dass sie sich widersetzten, verliebten oder in den Westen gingen, war nicht vorgesehen. „Der Kalte Krieg raubte mir den Mann“, sagt Renate Hong im Film.

Tatsächlich ist dieser Satz ist nur teilweise richtig, denn der Kalte Krieg ermöglichte ihr erst die Begegnung mit dem späteren Mann. Auch war die Heimrufung der nordkoreanischen Studierenden alles andere als geplant, Nordkorea brauchte dringend gut ausgebildete Fachkräfte für den Wiederaufbau des Landes. Beim ausschlaggebenden chinesisch-sowjetischen Zerwürfnis versuchte Kim Il-sung bis zuletzt neutral zu bleiben. Doch als abzusehen war, dass auch Nordkorea in der Neuaufstellung kommunistischer Bündnisse Position beziehen musste, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich für Mao zu entscheiden, also für das Land, das ihn beim Koreakrieg am meisten unterstützt hatte. Darauf versiegte die finanzielle Unterstützung von DDR und Sowjetunion, Hilfsaktionen wurden gestoppt. Als Konsequenz wurden nicht nur Nordkoreaner heimgerufen, sondern auch umgekehrt Deutsche aus Nordkorea zurückgeschickt.

Geteilte Teilung

Chos Film konzentriert sich überwiegend auf die Gefühle und Befindlichkeiten der deutschen Familienmitglieder, statt sich dem interessanten größeren Zusammenhang näher zu widmen. Zu sehr verlässt sich die Dramaturgie auf die Emotionen der zurückgelassenen Kinder und Mütter, die beim Erzählen oft genug den Tränen nahe sind. So tragisch und einzigartig ihre Lebensgeschichten auch sind, so sehr wünschte man sich, dass sich das Narrativ von Verliebt, verlobt, verloren weiten und enger mit den politischen Dimensionen des Kalten Kriegs verknüpft würde. Die historische Einbettung der Familienschicksale hätte denn auch die Einsicht stärken können, dass Politik nicht in weiter Ferne passiert, sondern direkten Einfluss auf das Leben vieler Menschen hat.

So aber verpasst der Film die Chance, die Teilung, die beide Länder teilten, in einen gesamtgeschichtlichen Zusammenhang zu bringen und ein größeres Bild jener Zeit aufzuzeichnen, deren Spuren und Narben bis heute auffindbar sind. Vielleicht ist das aber auch zu viel verlangt für einen Heimatfilm.

Info

Verliebt, verlobt, verloren Sung-Hyung Cho Deutschland 2015, 93 Minuten

Sun-ju Choi studierte Drehbuch an der DFFB, promovierte zur Geschichte des nordkoreanischen Films und ist Leiterin des Tuebingen Center for Korean Studies at Korea University (TUCKU) in Seoul

06:00 08.07.2015
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