Miguel Szymanski
Ausgabe 4815 | 09.12.2015 | 06:00

Ach, die alte Keksfabrik

Nicht in Berlin Unser Autor verließ Lissabon wegen der Wirtschaftskrise. Nun kehrt er zurück in eine sozial gespaltene Stadt

Ach, die alte Keksfabrik

Die ehrwürdige Linie 28: demnächst auch mit chinesischen Schriftzeichen?

Foto: Dominique Faget/AFP/Getty Images

Der Mann eilt mit einer schmalen Aktentasche unter dem Arm hinter der alten Straßenbahn her, hält sich mit einer Hand von außen am Fensterrahmen fest, schwingt sich auf das gelbe, den steilen Hügel hochknatternde mechanische Gefährt, bis er mit den Füßen auf dem Trittbrett landet. Einer der vielen Schwarzfahrer. Früher haben das nur die Lissabonner Straßenkinder gemacht. Ich tue es oft, wenn ich nach Lissabon zurückkehre, ein Ausgleich zu all den Regeln, die man in Deutschland ständig einhalten muss.

Die weiße Stadt macht ihrem Namen alle Ehre. Das Licht wird grell von den weißen Hauswänden und den mit weißen Basalt- und Kalksteinen gepflasterten Bürgersteigen reflektiert, der Himmel ist sattblau, eine Atlantikbrise weht aus südwestlicher Richtung von der Tejo-Mündung her. An einer engen Gasse fährt die 28er Tram langsam in eine enge Kurve, zwei Fußgänger drücken sich schutzsuchend gegen die Hauswände, der Schwarzfahrer springt in der Luft laufend ab und kommt vor einem kleinen Café zum Stehen. Generationen von meninos da rua, streunenden Straßenkindern, haben solche Manöver überlebt.

Die Linie 28 fährt durch das alte Lissabon: von der Baixa, dem Stadtzentrum, nach Alfama, vom Cemitério dos Prazeres, dem Friedhof der Freuden, an den reichen, bürgerlichen Wohnbezirken Lapa und Estrela vorbei. Hügel rauf, Hügel runter, entlang der Suppenküchen in Anjos bis zum Platz Martim Moniz, voller Menschen aus den Ex-Kolonien in China, Indien und Afrika.

Müde Wiener

Während der 90er und bis weit in die Nullerjahre hinein war die Stimmung trotz wirtschaftlichen Aufschwungs eher deprimiert. Dann kam die Krise, vor vier Jahren mussten der portugiesische Staat und die Banken vor dem Bankrott gerettet werden. Mehr als eine halbe Million Menschen haben ihr Land verlassen. Auch ich musste vor zwei Jahren auswandern. Jetzt sammelt sich in der Stadt eine wohlhabende movida, eine kosmopolitische Bewegung – und drumherum verödet das Land. Österreicher, müde von der Wiener Art, öffnen ihre Geschäfte und Ateliers am Tejo. Deutsche betreiben kleine Pensionen und fühlen sich schon eins mit der portugiesischen Seele. Allein auf der Strecke der 28 sind zwei Kaffeehäuser, die von jungen Wienern gegründet wurden.

In meinem Stammcafé zieht Jorge um diese Uhrzeit, kurz nach zehn vormittags, mehr als 100 bicas, Espressi, pro Stunde aus der alten Maschine. An dem Tisch, an dem früher mein Nachbar saß – damals schon weit über 70, in grauem Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte – und Zeitung las, während der Schuhputzer vor ihm auf dem Hocker seine Lackschuhe polierte, hocken nun Franzosen oder Holländer. Man findet lauter kleine Boutiquehotels und Luxusapartements, die Wohnungen in den historischen Vierteln sind begehrt. Wenige reiche Portugiesen, von denen es noch ein paar gibt, aber vor allem Ausländer kaufen, was auf den Markt kommt, und treiben die Preise in die Höhe. Um etwa 45 Prozent sind Hauspreise und Mieten in den vergangenen Jahren gestiegen, sagen lokale Immobilienmakler stolz, an deren Büros die Angebote jetzt überall auch in chinesischen Schriftzeichen hängen.

Glück im Unglück

Brasilianer, Chinesen und Angolaner gehen shoppen im Land und erhalten im Gegenzug „goldene Visa“, zeitlich unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigungen im Land, wenn sie mindestens eine halbe Million investieren – nicht viel mehr als eine Dreizimmerwohnung in einem der vielen neuen und alten Luxusgebäude in Lissabon. Schicke Pariser, die früher in Marrakesch Feriendomizile gekauft hätten, suchen nun täglich in den verwinkelten engen Gassen der portugiesischen Hauptstadt.

Die junge Französin im Café will für Le Monde eine Reportage über die „alten Lissabonner“ schreiben und hat mich um ein Gespräch gebeten. Vor 25 Jahren erst kam ich in die Stadt, aber schon mein deutscher Urgroßvater hatte den Firmensitz seiner Korkfabrik in der Baixa, direkt neben der Zentrale der Staatspolizei PIDE. Wie alle alten Lissabonner habe ich mehr als 20 Cousinen und Cousins. Diesen Sommer wollten Freunde aus der Frankfurter Region meine Hilfe, um einen Filmklub mit Restaurant zu gründen. Demnächst kommen RTL und eine Berliner Produktionsfirma, ich soll sie durch die Stadt führen und erzählen, warum ich lieber hier lebe als in Deutschland.

Wer will schon etwas von Cacém wissen, 20 Kilometer von Lissabon entfernt? Hier hängen überall Verkaufsschilder an den schmutzigen Häuserfassaden rund um den Bahnhof. Es sind die Wohnungen von Menschen, die kein Geld mehr haben, die Raten ihrer Immobilienkredite zu zahlen. In Cacém lebten die Menschen, die in Fabriken, Geschäften, Büros und Restaurants arbeiteten, die während der vergangenen Krisenjahre schließen mussten. Vor ein paar Wochen machte eine der letzten Fabriken dicht, die alte Keksfabrik Triunfo. (Als Kind bekam ich immer diese Kekse mit Milch, wenn ich mit meinem Großvater ins Café ging.) 100 Menschen mehr ohne Arbeit und Zukunft, die irgendwann nutzlos an einem Bahnhof herumhängen werden. So wie die vier vorzeitig gealterten Jungs im Café am S-Bahnhof, die überhaupt nichts spüren von der kosmopolitischen Welle der Hauptstadt. Sie haben einfach keinen Job.

Der Älteste von ihnen, Hornbrille und abgetragenes Sakko, denkt ans Auswandern. Kanada sei gut, Deutschland sei genauso kalt und nicht so weit, sagt ein anderer. In der Schweiz zahle man 3.000 Euro Monatsgehalt für einen ganz normalen Koch. Junge Männer, die sich mithilfe der Rente ihrer Eltern oder dem Geld, das die Frauen als Putzkräfte oder mit pastéis, selbstgebackenen kleinen Pasteten, verdienen, über Wasser halten. Aber ich will jetzt nichts anderes als wieder hierbleiben. Irgendwo zwischen der wohlhabenden movida und den armen Vororten fühle ich mich zu Hause.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 48/15.