Ach, die Amerikanerinnen !

Sportplatz Völlig fehl am Platze als Frau wähnte man sich in der Anzeigenkampagne einer großen deutschen Boulevard-Zeitung zum Start der ...

Völlig fehl am Platze als Frau wähnte man sich in der Anzeigenkampagne einer großen deutschen Boulevard-Zeitung zum Start der Fußball-Bundesliga-Saison, die da einen fußballköpfigen Mann und manchmal ein fußballköpfiges Kind präsentierte, während Mutti das Essen reicht oder andere hilfreiche Tätigkeiten ausführt, die halt zum Leben so dazugehören.

Warum dies? Als moderne Mutter in Deutschland ist man schließlich vorbelastet und kommt nicht drumherum, selbst mit den Kindern im Garten oder Park um das Leder zu kämpfen. Dass es durchaus auch anders geht, auch Frauen einen Fußball-Kopf haben können und im Spiel mit eben diesem Leder erfolgreich sein können, beweisen im Moment die Frauen des Deutschen Fußball-Bundes mit ihrem Auftritt bei der Frauenfußballweltmeisterschaft, die noch bis zum 12. Oktober in den USA stattfindet. Bei einem Vierergruppenmodus hat bereits der erste Sieg gegen den vermeintlich stärksten Gruppengegner Kanada für die Schützlinge von Trainerin Tina Theune-Meyer in der C-Gruppe für einen fast sicheren Platz im Viertelfinale gesorgt.

Die WM ist allerdings von etlichen Ereignissen überschattet, die außerhalb der Kontrolle der Veranstalter liegen: Sie sollte eigentlich im Frühjahr in China stattfinden, musste jedoch wegen SARS kurzfristig verlegt werden, und wird nun in den USA ausgetragen, wo Hurricane "Isabel" derzeit die Küsten und auch Spielorte der WM heimsucht. Ganze fünf Tage vor dem WM-Start gab es dann noch eine Hiobsbotschaft, von der auch einige deutsche Spielerinnen betroffen sind: Die Frauenfußballliga WUSA (Women´s United Soccer League) muss wegen hoher Verschuldung ihren Spielbetrieb einstellen. Die besten Kickerinnen der Welt hatten in dieser einzigen Profiliga für Frauenfußball Verträge bekommen und damit die Möglichkeit, Geld mit ihrem Sport zu verdienen.

Seit der WM 1999, die ebenfalls in den USA stattgefunden hatte, erfreut sich Frauenfußball im Land der unbegrenzten Möglichkeiten großer Popularität. Trotzdem waren sinkende Zuschauerzahlen in letzter Zeit das Problem der amerikanischen Frauenfußballliga. Da könnte die WM genau richtig kommen, auch für die WUSA. Viele halten die Bekanntgabe der Pleite ohnehin für einen absichtlich gewählten Zeitpunkt, um möglicherweise deren Probleme in die Öffentlichkeit zu rücken.

Das Interesse an Frauenfußball ist in den USA ist jedenfalls vorhanden: Da die Gastgeberinnen fast mit Sicherheit im Endspiel sein dürften, sollen Finaltickets bereits zu hohen Preisen angeboten worden sein. Superstar Mia Hamm ist in Werbespots im Fernsehen zu sehen und bekannter, als es sich deutsche Spielerinnen je träumen lassen würden; hierzulande bringen es ja gerade mal Individualsportlerinnen aus Schwimmsport, Tennis oder Leichtathletik auf einen gewissen Prominentenstatus.

Die deutschen Spitzenspielerinnen Birgit Prinz, Conny Pohlers, Sandra Minnert, Bettina Wiegmann, Maren Meinert und Steffi Jones haben alle in der WUSA gespielt und sind in den USA wohl bekannter als im Heimatland. Sie alle kennen die Atmosphäre in den Stadien bereits, was Tina Theune-Meyer als Pluspunkt ansieht, und für die Spielerinnen selber macht es sicher mehr Spaß, vor großer Kulisse zu spielen, als vor mäßig gefüllten Tribünen. Nach der WM werden diese Spielerinnen wegen der WUSA-Pleite vermutlich nach Hause in die Bundesliga zurückkehren, eine durchaus positive Entwicklung für den deutschen Fußball. Man hofft, dass eventuell einige ausländische Spitzenspielerinnen folgen, ein Verdienst von 25.000 bis 40.000 Dollar pro Spielzeit ist hier jedoch kaum möglich.

Die USA sind amtierender Weltmeister im Frauenfußball. Und überhaupt scheinen Frauen dort durch die College-Struktur eine Menge Sportarten ganz selbstverständlich auszuüben, die hierzulande in der Öffentlichkeit weitgehend als reine Männersache erscheinen wie Eishockey, Basketball und Baseball. Die Masse an Spielerinnen scheint auch zu Popularität und Interesse in der Öffentlichkeit zu führen. Himmlische Zustände also!

Doch leider ist das alles nicht so recht aufs alte Europa übertragbar. Eine gehörige Portion Mut und Selbstironie würde dazu gehören, wenn die oben genannte Zeitung auch Anzeigen für die Berichterstattung der Frauenfußball-Weltmeisterschaft verbreiten würde. Ich könnte mir das jedenfalls sehr gut vorstellen, und es spräche wohl einigen Frauen - nicht nur fußballbegeisterten - aus dem Herzen. Und plötzlich finde ich es doch einmal seit langer Zeit schade, dass wir hier nicht in den USA sind und die Möglichkeiten begrenzt.

Alle Spiele der Frauenfußball-WM werden im Fernsehen übertragen.

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00:00 26.09.2003

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