Ach, Junge

Film In „Lara“ kann Corinna Harfouch mit einem spöttischen Lächeln Welten zerstören
Ach, Junge
Es ist doch recht kühl schon wieder

Foto: Frederic Batter/Studiocanal

Ein Kind ist seinen Eltern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert – ein Abhängigkeitsverhältnis, das man auch als Erwachsener nie ganz abstreifen kann. In erster Linie will ein Kind uneingeschränkt geliebt werden. Was aber, wenn die Mutterliebe nicht ganz so bedingungslos ist? Wenn die Eltern eigene Brüche und ungestillte Sehnsüchte als Last mit sich herumschleppen und sie der nächsten Generation vererben?

Für die Kinder ist dieses Erbe oft ein Mühlstein, den sie aufgebürdet bekommen und der es ihnen schwer macht, den eigenen Weg zu finden. Die Folgen mangelnder elterlicher Empathie lassen sich deshalb häufig in Jugendämtern und Gerichtssälen betrachten. Im Fall von Lara führen sie direkt in den Konzertsaal. Dort hat Viktor Jenkins (Tom Schilling) am Abend einen wichtigen Solo-Auftritt als junger Pianist. Seine Mutter, die an diesem Tag ihren sechzigsten Geburtstag feiert, hat er allerdings nicht eingeladen. Ihr rundes Jubiläum beginnt vielmehr mit der Überlegung, der Einsamkeit mit einem Sprung aus dem Fenster zu entgehen, und setzt sich fort mit vergeblichen Versuchen, ihren Sohn zu erreichen.

Einem Bonmot zufolge sind es drei Dinge, die einen guten Film ausmachen: das Drehbuch, das Drehbuch – und das Drehbuch. Selten hat dieser Sinnspruch solch Berechtigung gehabt wie im Fall von Lara, dem mit Spannung erwarteten zweiten Film Jan-Ole Gersters, dessen Debütfilm Oh Boy 2012 zu einem Überraschungserfolg wurde. Die in Schwarz-Weiß gefilmte, so gänzlich undeutsche, mit Jazzmusik unterlegte flirrende Leichtigkeit, mit der Tom Schilling seinerzeit durch Berlin mäanderte, wurde sogleich mit dem Deutschen Filmpreis gewürdigt. Damals stammte das Drehbuch von Gerster selbst, inzwischen hat er sich mit dem (noch) weithin unbekannten slowenischen, in Berlin lebenden Autor Blaž Kutin zusammengetan. Es scheinen sich zwei Geistesverwandte gefunden zu haben – selten hat man hierzulande ein so präzises, ausgereiftes Skript mit einem derart facettenreichen und widersprüchlichen Charakter verfilmt gesehen.

Tatsächlich erscheint Lara wie ein genau austariertes Gebilde; keine Szene ist zu viel, keine Sentenz überflüssig. Jeder Satz und jede Einstellung dienen dazu, das Geschehen zu motivieren und fortzuschreiben. Ließe man ein Puzzleteil weg, bräche das ganze Gerüst der Handlung zusammen. Freilich gewinnt ein Film seine Form letztlich am Schneidetisch, aber trotzdem ist schnell zu verstehen, warum Gerster in einem Interview über Kutin sagte, dieser sei „einer der talentiertesten und klügsten Kinoautoren“, die er kenne. Filmischen Schnickschnack und dramaturgische Kniffe hat Gerster demzufolge nicht nötig. Ruhig und ernsthaft folgt die Kamera (Frank Griebe) den Protagonisten, die linear erzählte Handlung ist dicht und der Spannungsbogen trägt bis ans Ende dieses rundum geglückten Films.

Freilich wäre eine grandiose Vorlage nichts ohne das ausgeprägte Gespür des Regisseurs für Erzählstruktur und Figurenzeichnung. Nicht zu vergessen die Besetzung: Corinna Harfouch ist neben Tom Schilling ein Glücksfall für den Film, in dem sich eine Mutter anlässlich ihres Geburtstages das Scheitern all ihrer menschlichen Bindungen eingestehen muss.

Die Träume der anderen

Die Kälte und Empathielosigkeit, mit der Lara ihrer Umwelt begegnet und mit der sie auch Viktor großgezogen hat, scheinen nun, wo sie älter wird, auf sie zurückzufallen. Ihr eigener Perfektionsanspruch hat sie eine Laufbahn als Pianistin früh aufgeben lassen. Ihren Traum hat sie auf Viktor projiziert und sein vorhandenes Talent mit Strenge und erheblichem Nachdruck zur Entfaltung gebracht. Ihre Methode, unablässig sein Selbstvertrauen zu erschüttern, führt zu marternden Selbstzweifeln des angehenden Virtuosen – der aber letztlich dadurch die Fähigkeit gewinnt, über sich selbst hinauszuwachsen.

Die Harfouch kann das großartig – ein Zucken ihrer spöttisch hochgezogenen Mundwinkel, ein beiläufig dahingesagter Satz, vorgetragen mit subtiler, aber beißender Ironie, können ganze Welten zum Einsturz bringen. Mit ihrer darstellerischen Leistung trägt sie den Film. Tom Schilling als Viktor erscheint überhaupt erst nach der Hälfte der Laufzeit auf der Leinwand. Bis dahin dürfen wir Lara dabei zusehen, wie sie immer ratloser durch den Tag und ihr Leben läuft, um herauszufinden, was an ihrem Sechzigsten davon noch geblieben ist. Viel ist es nicht, und Freunde hat sie keine mehr. So muss sie schließlich die meisten der Restkarten für das abendliche Konzert, die sie kurzerhand aufgekauft hat, wahllos an Passanten verteilen.

Das Mitleid des Zuschauers hält sich in Grenzen, und doch gibt es in der Figur der Lara eine Ambivalenz, die dem Film seine Spannung verleiht. Laras Mutterliebe mag stets an Bedingungen geknüpft gewesen sein, aber Viktor ist nun auf dem Weg zum gefeierten Pianisten. So einfach liegen die Dinge also nicht. Aber wie weit darf eine Mutter gehen mit ihrem ganz eigenen Prinzip des „Förderns und Forderns“? In unserer heutigen Wettbewerbsversessenheit gilt es ja geradezu als fahrlässiges Vergehen an der eigenen Biografie, potenzielle Fähigkeiten ungenutzt zu lassen und sich auf dem Erreichten auszuruhen. Insofern entspricht Lara eigentlich perfekt den Anforderungen einer vom Zwang zur Selbstoptimierung geprägten Gesellschaft, wenn sie ihren Sohn permanent zu Höchstleistungen herausfordert. Viktor lebt nun den Erfolg, den seine Mutter nie hatte – und ist doch ein emotional Versehrter. In diesem Sinne kann Lara durchaus als Kommentar auf eine Leistungsgesellschaft gelesen werden, die in ihrer Fixierung auf Schneller, Höher, Weiter immer zerstörerische Züge annimmt.

Info

Lara Jan-Ole Gerster Deutschland 2019, 98 Minuten

06:00 09.11.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare