Andrea Roedig
09.08.2012 | 09:00 33

Ach, vergesst das Christentum

Oh Gott Wahrscheinlich gibt es sogar eine Rückkehr der Religionen. Jürgen Habermas spricht ja auch davon. Der Nutzen für die gesellschaftliche Solidarität aber dürfte klein sein

Ach, vergesst das Christentum

Für viele ist er längst verschwunden. Für einige kommt er nun als eine Art Handlungsreisender zurück

Illustration: Jan Stoewe für der Freitag

„Religion und Politik“, so heißt ein Exzellenzcluster an der Universität Münster. „Religion und Politik“, so heißt auch eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2007. Und eine der Bundeszentrale für politische Bildung von 2002. Ebenso wie ein Forschungsbereich an der Humboldt-Universität. Und, kleine Stichprobe, im Karlsruher Virtuellen Bibliothekskatalog finden sich allein 243 deutschsprachige Publikationen aus den vergangenen zehn Jahren zu diesem Titelstichwort.

Seit den Anschlägen auf das World Trade Center von 2001 musste die Frage nach der Religion wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Damals trat plötzlich ein Fundamentalismus auf den Plan, in dem sich religiöse von politischen Motiven nicht mehr trennen ließen. Es war, als hätte da plötzlich ein Feind eine Waffe gezogen, die der in säkularen Träumen schlummernde Westen zu lange nicht auf Vordermann gebracht hatte. In sicherer Reaktion darauf – und auf verstärkte Migrationsbewegungen – musste eine Besinnung auf die eigene christlich geprägte Kultur einsetzen.

Das zu behaupten, ist jetzt gar keine Neuigkeit. So fängt mittlerweile jede Publikation zum Thema an, und wenn man die Titel all der Vorträge, Konferenzen, Tagungen – „Modes of Secularism“, „When Governance meets Religion“, „Dynamics in the History of Religions“ – auf einem Spruchband aneinanderreihte, könnte man das sicherlich zweimal um den Erdball wickeln. Statt von einer „Rückkehr der Religion“ müsste man erst mal von der Wiederauferstehung der Religion als Debatte sprechen.

Die Veranstaltung der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung, auf der der Philosoph Jürgen Habermas vor rund zwei Wochen gesagt hat, „dass es vielleicht der Religion bedürfe, um die knappe Ressource Solidarität aufrechtzuerhalten“, behandelte auch das Verhältnis von Religion und Politik. Überraschend war nicht, was Habermas dort äußerte. Er vertritt die vorsichtig formulierte These vom Nutzen der Religion für die Demokratie schon länger. Als er 2001 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, hieß seine Rede „Glauben und Wissen“ und beteuerte den Respekt der Vernunft vor dem „Glutkern“ religiöser Fragen. Auch in einem 2005 veröffentlichten Dialog mit Kardinal Ratzinger erklärte der liberale Aufklärer eine vernünftige Annäherung an die Religion, so wie Benedikt XVI. seinerseits immer schon ein Verfechter des vernunftgeleiteten Glaubens war.

Das christliche Erbe Europas

Obwohl es im Kern immer um die Frage geht, welche Instanz die maßgebliche sei, – also Offenbarung oder Vernunft, Kirche oder liberaler Staat – kommen demokratisch zurechtgestutzte Kirche und moralisch bedürftige Säkularität zu einer feinsinnig diplomatischen Einigung. Sie finden sich gegenseitig wichtig, friedlich, und in Eintracht lassen sie sich ihre jeweiligen Freiheiten. Auch auf dem Podium der Siemens-Stiftung hat der Theologe Friedrich Wilhelm Graf die Sache der säkularen Vernunft verfochten und der Philosoph Habermas die der Religion. Beim Dialog auf hohem Niveau kann man, wie beim gepflegten Tennis, auch mal freundschaftlich die Seiten wechseln. Also was soll die zum Übermaß strapazierte Formel von der „Wiederkehr der Religion“ eigentlich heißen?

Sie hat zunächst eine politische Dimension: Nach jenem 11. September bekamen erst einmal die vorher eher behäbigen Diskussionen um das „christliche Erbe Europas“, die ja anlässlich der EU-Erweiterungsbestrebungen geführt wurden, eine schärfere Kontur. Die gelebte Multikultur in Deutschland wird seither vermehrt unter religiösen, nicht nur ethnischen Gesichtspunkten interpretiert.

Die „Wiederkehr der Religion“ in Europa hat zudem eine ältere, spirituelle Komponente. In der soziologischen Diskussion galt lange die These, dass gesellschaftliche Modernisierung automatisch auch zu Säkularisierung führe. An dieser Idee kamen aber seit den siebziger Jahren Zweifel auf, mittlerweile verwirft man die These ganz oder spricht von „Europa als Ausnahme“. Denn in den USA und in den meisten Teilen der Welt hat dieser klare Prozess so nicht stattgefunden, Religion ist dort als gelebte Praxis nie verschwunden.

Für das spirituell eher kühle Europa glaubte man Anfang dieses Jahrtausends einen neuen Boom der Religiosität, einen „Megatrend Respititualisierung“, ausmachen zu können (s. Freitag 25/2012). Mittlerweile ist es um diese Diagnose des Theologen Paul Zulehner etwas ruhiger geworden. Der Megatrend hat sich ins alltägliche Kleinzeug verkrümelt. Trotzdem ist etwas daran, dass sich wieder mehr Menschen religiösen und spirituellen Praxen zuwenden, die aber nicht unbedingt christlich sein müssen. Die Zeiten sind nicht nur postmodern, sondern wohl auch „postsäkular“.

Die „Wiederkehr der Religion“ lässt sich neben dem politischen und spirituellen Aspekt drittens als ein Phänomen des öffentlichen Diskurses beschreiben. Auffällig ist, zumindest für Deutschland, ein gestiegenes mediales Interesse an kirchlichen und religiösen Inhalten. So richtete Die Zeit vor zwei Jahren die Themenseite „Glauben und Zweifeln“ ein. In Reaktion auf die gelebte Glaubensvielfalt wächst das Informationsbedürfnis über andere Religionen und das eigene, vergessene Christentum. Das evangelische Magazin Chrismon führt die Rubrik „Religion für Einsteiger“ – man muss das Abendmahl, den Heiligen Geist und auch den Himmel wieder erklären.

Daneben steht noch die katholische Kirche als ein spezielles Kapitel. Der Vatikan bietet, nicht anders als alle guten Fürstenhäuser, natürlich immer Stoff für schöne Geschichten. Doch seitdem der Papst ein Deutscher ist, geht die Berichterstattung auch in der sonst eher zurückhaltenden intellektuellen Presse ins bisweilen Exorbitante. Dass der rot beschuhte, aber sonst knochentrockene Benedikt XVI. auch für Ungläubige zur Pop-Ikone taugt – es gab sogar ein Bravo-Fanposter –, muss einem zu denken geben. Die katholische Kirche mit ihrem barocken Stil und Skandalen passt besser ins postmoderne Spektakel als die evangelische. Es sei denn, Margot Käßmann spielt Verkehrssünderin.

Doch insgesamt scheint die Zeit der großen Religionskritik und Kirchenaversion ebenso vorbei wie die der unbestrittenen klerikalen Autorität. Die juristisch verjährten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche im Jahr 2008 haben unter anderem gezeigt, wie sehr sich die gesellschaftliche Rolle dieser religiösen Institution gewandelt hat. Sie ist jetzt auf Augenhöhe. Und nur eine Kirche unter anderen.

Brauchen wir aber eine Rückbesinnung auf Religion nicht nur fürs persönliche, sondern auch für das politische Heil? Nicht zu Unrecht ist Jürgen Habermas ja besorgt um den Zustand des demokratisch verfassten Rechtsstaats. In dem oben erwähnten Gespräch mit Kardinal Ratzinger lotete er subtil die Grenzen aus. Der demokratische Rechtsstaat könne sich aus sich selbst heraus legitimieren. Aber wenn zunehmend die Märkte, die ja nicht nach demokratischen Regeln laufen, Steuerungsfunktion übernehmen, sei fraglich, ob man die Bürger weiter zum Einsatz für Demokratie motivieren könne. Eine „entgleisende Modernisierung der Gesellschaft“, schreibt Habermas, „könnte sehr wohl das demokratische Band mürbe machen und die Art von Solidarität auszehren, auf die der demokratische Staat angewiesen ist“. Etwas direkter ausgedrückt lautet die These: Wo die Marktprinzipien die Demokratie kaputt machen, könnte Religion einspringen.

Ein Markt der Religionen

Eigenartig ist dabei, dass der Markt als Gegenspieler der Religion gesehen wird. Denn eigentlich ist der Kapitalismus ja auch eine Religion, und zwar eine ziemlich umfassend herrschende. Das Bonmot vom „Kapitalismus als Religion“ ist nicht bloß als Metapher zu verstehen. Die Sache geht tiefer. Der Soziologe Christoph Deutschmann etwa behauptet in Anlehnung an Georg Simmels „Philosophie des Geldes“, dass in dem Moment, in dem Geld zu Kapital wird, und nicht nur Waren, sondern auch Arbeitskraft, Boden und strukturell alles verkäuflich ist, wird Geld tatsächlich zu etwas „Transzendentem“. Es ist dann „allgemeines Mittel“, ein inkarniertes Versprechen endloser Möglichkeiten. Dabei übernimmt „Geld“ genau die totale integrative Funktion, die dem Glauben einmal zukam und reduziert die traditionellen Religionen zu Marktprodukten.

Auch wenn Deutschmann die spirituellen Aspekte des Glaubens nicht zu fassen bekommt, weil er Religion rein gesellschaftlich-funktional betrachtet, bleiben seine Thesen schlagend. Er sieht die religiöse Funktion des Geldes als ein so globales Phänomen, dass er auch den islamischen Gotteskampf als ein Rückzugsgefecht deutet. Und unter diesen Prämissen könnte man das gegenwärtige Ringen um die Eurostabilität ebenfalls als ein wahrhaft religiöses Drama deuten. Der Kapitalismus hat also die Gesellschaft und die Individuen strukturell so sehr verändert, dass eine Rückkehr zum alten Glauben, vor allen zum christlichen Monotheismus, kaum möglich scheint. Auch hinter die Aufklärung, und die diversen soziologisch konstatierten „-ierungen“ wie Modernisierung, Individualisierung oder Pluralisierung kommt man ja nicht mehr zurück. Sie haben das, an was wir glauben und die Art, wie wir glauben können, verändert. Auch diejenigen, die eine „Rückkehr der Religion“ behaupten, gehen von neuen Glaubensformen aus: nämlich auf persönliche Bedürfnisse zugeschnittene Bricolage-Techniken. Die Menschen basteln sich aus allen Sinnangeboten eine religiöse Überzeugung.

Die britische Soziologin Grace Davie benannte den heutigen, westeuropäischen Glauben als „believing without belonging“ oder „belonging without believing“. Man glaubt an etwas, aber nicht an die Kirche. „Believing“ und „belonging“ sind dabei kaum mehr zur Deckung zu bringen. Es scheint unmöglich, einen über Religion vermittelten Gemeinschaftsgedanken zu reaktivieren. Der„Prozess der religiösen Aushöhlung der europäischen Kultur“ (Danièle Hervieu-Léger) ist zu fortgeschritten, als dass Religion Schmiermittel für gesellschaftliche Solidarität sein könne.

Ganz sicher kann man sich natürlich nie sein. Alles ist möglich. Peter Berger, einer der bekanntesten Religionssoziologen, schrieb vor der Finanzkrise, er halte es „durchaus für denkbar, dass die Kirchen von neuem eine öffentliche Rolle spielen würden, wenn Europa in eine Krise geriete“. Das wäre eine eigenartige, aber nicht unbedingt beruhigende Vorstellung.

Kommentare (33)

Lukasz Szopa 09.08.2012 | 10:19

Ich denke man sollte in diese Diskussion sehr klar und scharf zwischen RELIGION und GLAUBEN unterscheiden. In die erste Kategorie fallen mehr oder weniger institutionalisierte Gebilde wie Kirchen, Zentralräte etc., und da glaube ich nicht an eine "Rückkehr" oder sinnvolle Impulse. Das andere ich der Glaube, also eine geistige, persönliche Beschäftigung mit der Transzendenz. Hier wäre es aus meiner Sicht begrüßenswert, wenn mehr Menschen - ohne von Religionen und deren Dogmatikern abhängig - sich individuell & geistig in Gedanken, Glauben UND Zweifeln (oder eben das Bricolage-Glauben - warum denn nicht selber überlegen & basteln?) begeben würden. Wäre vielleicht ein Antidotum auf andere "Religionen" - wozu man nicht nur den Kapitalismus, sondern auch den Kommunismus, Faschismus und etliche -ismen zählen kann.

Wobei ich gleichzeitig, es ist mein Wunschdenken. Vielleicht bis auf Europa ist der Zulauf und gelebte Praxis in den Religionen eben doch ein Indiz nicht nur für die Suche nach geistigen, immateriellen Werten, sondern eben nach der "gelieferten (Religions- und Glaubens)Gemeinschaft" - nicht der mühsamen Individualität, die sich alleine mit den Fragen der Metaphysik, Ontologie und Transzendenz auseinandersetzen versucht. Und da fürchte ich daß die meisten Religionen, die eben "Ready-to-believe-&-participate"-Produkte anbieten doch die Oberhand gewinnen dürften. Vielleicht bis auf Europa, wo Religionen geschichtlich zu sehr durch enge Verbindungen mit dem Staat "verbrannt" und unglaubwürdig geworden sind. Hier könnten bald andere "Rattenfänger" mit ihren Ideologien warten.

Querdenker 09.08.2012 | 11:12

Die Konsequenz aus der ganzen Debatte kann nur lauten: Der Sonderstatus von irgendwie-theistischen Ideologien (alias Religionen) ist überholt und gehört abgeschafft. Der "Gemeinschaftsgedanke" sollte sich in der Verfassung bzw. im Grundgesetz der Gemeinschaft wiederspiegeln, und diese Schriften gehören in D/EU dahingehend reformiert, daß der Passus über die "Religionsfreiheit" entweder gestrichen oder konsequenterweise durch eine "Ideologiefreiheit" ersetzt wird. Spätestens dann wird man merken, auf welch wackligem Grund man sich bewegt.

Momentan ist es ja in Deutchland so: Anhänger von theistischen Ideologien dürfen unter Berufung auf das Grundgesetz Kinder im Genitalbereich verstümmeln, und Erhalten die Zustimmung des Bundestages, während eine Sportlerin, welche privaten Kontakt zu Anhängern nationalistischer Ideologien hat, unter großem Medienspektakel das Olympische Dorf verlassen müssen. Auch Anhänger von irgendwie-linken oder markt-liberalen Ideologien sehen sich vermutlich von diversen Leuten verfolgt.

Diese Situation kann vor einem Verfassungsgreicht unmöglich Bestand haben.

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Ehemaliger Nutzer 09.08.2012 | 14:41

Das All-Eine/Tao/Brahman/Gott/Kulturbegriff Ihrer Wahl - es existiert immer.

Wenn der Mensch das vergisst, bekommt er Probleme. Weil er sich selbst absolut setzt ohne es zu sein.

Es kommt ihm nur in Bezug auf das Eine, mit dem er letztlich identisch ist, Bedeutung zu. Nicht losgelöst davon.

Haben Sie Angst vor dem Tod? Warum?

Von einer "Rückkehr" der Religion kann überhaupt keine Rede sein.

Eher von einer Aufgabe der gegenwärtigen Verwirrtheit.

Wobei Religion mit Attentaten, Genitalverstümmlung und Kindesmißbrauch nichts, mit dem Erleben des "Einen" (auch im anderen Menschen, was christlich ist) sehr viel zu tun hat.

Wenn Ihnen der Sozialismus seelenlos erscheint - hier ist die Antwort.

Richtig verstandenes Christentum ist Sozialismus + Transzendenz, nichts Anderes. Vielleicht würde man besser Kollektivismus sagen (Gleichheit und sogar Identität!), weil Sozialismus allzu sehr nach DDR klingt.

Die Vertreter von "Religion" als rein kulturelle Praktik (in Wahrheit sind das keine Praktik) stecken weltweit in irgendwelchen Konflikten miteinander (man schalte nur die Nachrichten an), die wirklich religiösen Menschen - Sufis, Kabbalisten, spirituelle Taoisten, christliche Mystiker und wie sie alle heißen (gerade in Asien findet man unzählige Formen), verstehen sich hingegen ganz prima. Warum? weil sie sehen, dass zwischen Ihnen überhaupt kein Unterschied besteht...

Und natürlich ist der Monotheismus eine große, gerade intellektuelle Errungenschaft. Weil er das grenzenlose Eine sieht und der Mensch sich in die Dinge einfügen kann, ohne zu glauben, einen Gott des Feuers, der Ernte oder des Erdbebens um irgend etwas anflehen zu müssen.

Der Blick auf das ewige Eine verträgt sich sich mit einem szientistischen Weltbild in der Zeit übrigens sehr gut.

Habe dazu kürzlich hier auch etwas geschrieben.

https://www.freitag.de/autoren/oswaldo/ich-bin-gott.-noch-fragen

PS: Sie können das Christentum gar nicht "vergessen". Sie können es nur verdrängen. Oder es nicht verstehen. Und dann verwerfen. Es wird Ihnen nicht helfen.

Das Christentum ist - richtig verstanden - tatsächlich "wahr".

Der Mann ist am Kreuz nicht gestorben.

Es ist schon etwas eigenartig, wenn eine spirituell orientierungslose Kultur, die ihr eigenes Unbehagen spürt und einen Eckhart, einen Tauler, einen Jakob Böhme, einen Schleiermacher, einen Kierkegaard, einen Jaspers und wie sie alle heißen hervorgebracht hat, "auf der Suche" aber nicht weiter zu blicken als bis zu einen Menschen wie Habermas, der sich mit einigem Recht als "religiös unmusikalisch" bezeichnet. Diese Ehrlichkeit spricht für ihn. Denn es zeigt, dass er letztlich sehr wohl weiß, welches Zeitalters Kind er ist.

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Ehemaliger Nutzer 09.08.2012 | 18:28

{„... wird Geld tatsächlich zu etwas „Transzendentem“. Es ist dann „allgemeines Mittel“, ein inkarniertes Versprechen endloser Möglichkeiten.“}

Eine eher witzige Analogie... :-)

Die Marx’sche Analyse des „sich selbst verwertenden Wertes“, der sich hinter dem Rücken der Werktätigen abspielt, mit der Unendlichkeit religiöser Erfahrungen gleichzusetzen, offenbart im Grunde nur den empirischen Mangel des Autors an Religiosität.

{„Es scheint unmöglich, einen über Religion vermittelten Gemeinschaftsgedanken zu reaktivieren. Der„Prozess der religiösen Aushöhlung der europäischen Kultur“ (Danièle Hervieu-Léger) ist zu fortgeschritten, als dass Religion Schmiermittel für gesellschaftliche Solidarität sein könne.“}

Hier möchte ich nicht – wie Lukasz Szopa – zwischen Religion und Glauben unterscheiden, sondern zwischen institutionalisierter Verkündigung und individueller religiöser Erfahrung.

Bricolage-Konzepte des „geglaubten Glaubens“ (Metz) tauschen ja lediglich die Autorität aus, durch die sie unterwiesen werden.

Ziel spiritueller Rückbesinnung ist aber nicht ein „ideales“ Glaubenskonzept, sondern meditativ erfahrene Gewissheit, die sich im Lebendigen äußert und bewährt. „Schmiermittel für gesellschaftliche Solidarität“ waren nie die dogmatischen Verwalter der Nächstenliebe!

„Ihre Liebe zu anderen ist das Ergebnis der Selbsterkenntnis und nicht ihre Ursache. Ohne Selbst-Verwirklichung ist keine Tugend echt. Wenn Sie ohne allen Zweifel wissen, dass es das gleiche Leben ist, das durch alles, was ist, fließt, und wissen, dass Sie dieses Leben sind, werden Sie alles natürlich und spontan lieben. Wenn Sie die Tiefe und Fülle Ihrer Liebe für sich selbst kennen gelernt haben, werden Sie wissen, dass alles lebendige Sein und das gesamte Universum in Ihre Liebe eingeschlossen sind.“ (Nisargadatta Maharaj)

Insofern stimme ich Andreas Kuntz zu, dass der Masstab "Habermas" nicht nur "religiös unmusikalisch" ist, sondern einen Zusammenhang konstruiert, der am Wesentlichen haarscharf zielorientiert vorbeigeht... :-)

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Ehemaliger Nutzer 09.08.2012 | 20:12

Das scheint mir ein wichtiges, Akzeptanz einforderndes Kriterium zu sein, diese Unterscheidung zwischen einer Religion als "Glauben" und den vielfach bereits "verbrannten" Institutionen.

Religion und in dem Sinne den eigenen "Glauben" betreffend ist für mich primär introvertiert, als passive, mich begleitende Komponente zu verstehen.

Natürlich, wenn die doch so alternativlose Religion namens "Kapitalismus" erkennbare Auflösungserscheinungen zeigt, so mag das einerseits (erneut) die Stunde der Rattenfänger einläuten.

Aber deswegen andererseits in der Höhle auszuharren, herdentriebig gar diejenigen als neue Ketzer zu brandmarken, welche über den Tellerrand schauen?

Lukasz Szopa 09.08.2012 | 20:26

Für mich bezieht sich beim Glauben die "Individualität" auf den Weg zu selbst-erarbeiteten geistige Inhalten. Damit meine ich keineswegs, daß man mit diesen (Glaubens-)Erkenntnissen sich ein einer Höhle verstecken sollte. Im Gegenteil: Gerade diese persönlichen, eigenen Erkenntnisse - weil selbst erarbeitet und nicht aufgezwungen oder abgeguckt von einer rel. Institution oder Kollektiv - sind eine authentische und langfristige Grundklage für aktives Handeln - für sich, für den nächsten Menschen, für die Gemeinschaft, für die Welt. Will ich gut sein, weil ich selbst mich vom dem Vorteil des "Gutseins" überzeugt hatte, oder weil es mir jemand als Gesetz oder Dogma predigt?...

Lukasz Szopa 09.08.2012 | 20:28

"Wobei Religion mit Attentaten, Genitalverstümmlung und Kindesmißbrauch nichts, mit dem Erleben des "Einen" (auch im anderen Menschen, was christlich ist) sehr viel zu tun hat." - Gerade hier unterscheiden sich unsere Sichtweise, wobei es vielleicht nur um (sprachliche) Details geht: Würden Sie in dem Satz statt "Religion" - "Glauben" stellen, würde ich den 100% unterschreiben.

Lukasz Szopa 09.08.2012 | 20:34

"Richtig verstandenes Christentum ist Sozialismus + Transzendenz, nichts Anderes. Vielleicht würde man besser Kollektivismus sagen (Gleichheit und sogar Identität!), weil Sozialismus allzu sehr nach DDR klingt."

Für mich wäre auch ein tranzendenter Kollektivismus nicht besser als "Sozialismus" oder die (christlichen) Religionen. Sobald das Kollektive überhand über der Person, dem Individuum übernimmt, wird der Person die Freiheit weggenommen - und zwar sowohl die Freiheit der Erkenntnis wie der Lebensentscheidungen. Gerade das waren die schlimmsten Fehler sowohl des Kommunismus wie den meisten Religionen: Der Mensch wurde dem ominösen "Kollektiv" untergeordnet. Und auch wenn Sie "Kollektiv" eher pantheistisch meinen, also "Der Eine in EINEM", so bedarf es einer Balance zwischen der Person (dem Subjektiven) und dem Universum (dem Objektiven).

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Ehemaliger Nutzer 09.08.2012 | 21:13

"...vom dem Vorteil des Gutseins überzeugt."

Im Zweifelsfall auch vom Vorteil des "Schlechtseins", was jedoch, so meine ich, ein gewisses Alter, Lebenserfahrung und nicht zuletzt Selbstbewußtsein auf dennoch reflexiver Ebene erfordert.

Keine(r) war und ist frei von dem durchaus schon mal anheimelnden Herdentrieb, auf dem Demagogen ihr gern Suppchen kochen. Individualität, so meine ich, muss dennoch Grenzen haben, wo die der Anderen tangiert wird. Insofern ist Religionskritik als Kritik der Institutionen auch immer ein Stück weit Systemkritik, in dessen Rahmen und wie aktuell zu erleben, beinahe ausschließlich Partikularinteressen bedient werden.

gewissen 09.08.2012 | 22:34

"Denn eigentlich ist der Kapitalismus ja auch eine Religion, und zwar eine ziemlich umfassend herrschende. Das Bonmot vom „Kapitalismus als Religion“ ist nicht bloß als Metapher zu verstehen."

so funktionieren die einleitungen zu schwafeleien. man definiert begriffe (religion) um, klatscht das wort "eigentlich" dazu, um weiteres differenziertes philosophieren vorzutaeuschen, und kommt zu ausssagen, ueber die nun pennaeler besinnungsaufsaetze schreiben koennen. dabei ist es auch voellig wurscht in der sache, ob man den kapitalismus als was auch immer tief schuerfend abwertend bezeichnet.

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Ehemaliger Nutzer 09.08.2012 | 22:58

"Religion" ist ein ein ziemlich leeres oder aber missverständliches Wort.

Daher ein Vorschlag für eine kleine Begrifflichkeit zwecks besseren Diskutierens:

Glaube (an den Kapitalismus, an den Marxismus, an die Macht der Liebe, an das ewige Leben, an den Tod, an eine Gottheit an den Weihnachtsmann etc.)

Weltanschauung.

Politische Meinung

Die konkrete Überzeugung, dass etwas so und so sein soll. (Auf einer Weltanschauung aufbauendes "normatives" Denken).Religiöse Praktiken

rituelle Waschungen, Mediation, Fruchtbarkeitstänze, Weihnachtslieder etc.Religiosität

Schwer in Worte zu fassen. Tiefe, nicht Verstand. Franz Müntefering war religiös. Angela Merkel ist es eher weniger. Obama ist religiöser als Romney. Der Dalai Lama ist religiöser als der Papst. Der Graf von Unheilig ist ein religiöser Mensch.

Es gibt tiefreligiöse Atheisten und irreligiöse Kirchgänger. Religiosität und religiöse Praktiken sind zweierlei.

Spiritualität

Ein Leben im Bewusstsein der Ewigkeit, das Bemühens um Reinheit, Heiligkeit etc.

Man kann spirituell sein, ohne religiös zu sein. Man denke an japanische Kampfmönche, Willigis Jäger oder Ken Wilber.

Man kann religiös sein, ohne spirituell zu sein. „Volksfrömmigkeit“.

Religiöses Erleben

Vom erhebenden Glücksgefühl beim Gospelsingen bis zum Überschreiten (Transzendieren) des Alltagsbewusstseins, übernatürlichen Erlebnissen und "mystischem Schauen".

Intellektuell-begrifflich nicht zugänglich.

Existenzvorstellungen

Was bin ich? Körper? Verstand? Seele? Alles zusammen? Keins davon?

Metaphysik

Weltanschauung außerhalb des Sichtbaren. Ist das etwas? Ist da nichts? Alles Geist? Alles Materie? Alles im Fluss? Alles Einbildung? Alles Eins? Alles meins?

Namen höchster Wesenheiten

Zeus, Jupiter, Thor, Jahwe, Allah, Tao, Brahman...

Gottesvorstellungen

z.B. monotheistisch, polytheistisch, henotheistisch, pantheistisch, atheistisch etc.

Religionsgemeinschaften

z.B. Mahayana-Buddhisten, Sikhs, Schiiten, Katholiken...

Religiöse Vorstellungen

z.B. Karma, Gnade, Satori

Religionsarten

z.B. Schamanismus, Meditationsreligionen (z.B. Zen), Buchreligionen

Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften

Vom "hurra, das ist mein Leben!" über "keine Zeit", "auf der Suche" bis zum "nie wieder".

Geistesgeschichte

Vom Bau gotischer Dome, über die Kreuzzüge, die Reformation, den Rationalismus und die Aufklärung zu Jürgen Habermas (verkürzt)

Sinngebung des Menschlichen Daseins

Konsum, revolutionärer Kampf, Steuern senken, Kinder kriegen, Müll trennen, Briefmarkensammeln, Märkte beruhigen, Ungläubige Töten, Gedichte schreiben, Frieden sichern, Harmonie bewirken, sich ins All-Eine einfügen, sich noch ein Bier holen etc.

Bedeutung „des Religiösen" insgesamt für die Stabilität menschlicher Gemeinschaften?

Diese Frage stellt der Artikel... :)

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Ehemaliger Nutzer 09.08.2012 | 23:30

@ 20:28

Gerne. Ihre Formulierung ist vielleicht besser. Wir meinen das Gleiche.

Habe das problematische Wort "Religion" eben etwas aufzuschlüsseln versucht.

@ 20:34

Hier hätte ich vielleicht besser "Gemeinschaft" geschrieben. Meinetwegen auch "Gemeinde". Menschen, die sich nicht als Feinde, Gegner, Auszubeutende sehen, sondern als Seelen. So etwas wie die christlichen "Brüder und Schwestern", aber ohne Schmalz. Die Menschen nicht in seiner Funktion, sondern als Seele sehen. Nichts liegt mir ferner als die individualitätszermalmende Gulaschküche real existiert habender Sozialismen mit ihrer Blutspur. Ich bin aber auch kein Freund (und damit meine ich nicht nur die FDP) des Liberalismus, der den Menschen, zwar auf dem Papier alle Freiheiten gibt, sie aber dann gegeneinander nach Geld jagen lässt, alle zusammen vereinzelt und die logischerweise steigende Depressionsrate dann mit Kommerzkultur sediert.

Augenzwinkernde Umformulierung in "Ekklesialkommunitarismus".

Lukasz Szopa 10.08.2012 | 08:52

Die Autorin, wie auch Habermas, auf dessen Überlegungen sie sich bezieht, konzentrieren sich nur auf die Funktion der Religion als "gemeischaftsstiftend" bzw. als eine Grundlage für (mehr) Solidarität. Ein zweiter wichtiger Aspekt des Religiösen, des Spirituellen (auch in atheistischer Form übrigens) wäre ein Antidotum auf die sehr auf das Materielle beschränkten Facetten des Kapitalismus (wie auch des Sozialismus/Kommunismus), als eine Grundlage für ein Sein & Bewußtsein wenn nicht völlig unabhängig und frei, doch weniger abhängig von materiellen Faktoren und Zielen des Lebens. Und zwar auch ggf. ohne des Heilsversprechens des "Jenseits". Wobei, andererseits, auch Kapitalismus wie Kommunismus beinhalten durchaus zwar aus dem Materiellen entsprungene, doch immaterielle, ideologische & psychologische "Ziele" - sei es (erkauftes) "Glück" & "Freiheit", sei es "Gerechtigkeit" oder gar "Gleichheit", sei es "Erfüllung", "Weltfrieden", "Ende der Geschichte", sei es das "es geschafft zu haben".

gfriday 10.08.2012 | 18:27

Es ist mir schleierhaft, wie in solchen Debatten immer (und meist ohne es zu thematisieren) davon ausgegangen wird, Religion oder Glauben könnten überhaupt eine Art von Solidarität erzeugen oder irgendwie hervorbringen, die aus gesellschaftlicher Sicht wirklich wünschenswert wäre.

Denn welche Art von Solidarität entsteht denn innerhalb von Glaubensgemeinschaften im besten Falle? Doch in der Regel nur eine, die sich über die Abgrenzung von anderen definiert: wir hier die einen (z.B. Christen, Evangelikale), dort die anderen (Muslime, Juden, Atheisten usw.). Man kann wohl annehmen, dass nur eine Minderheit sich der durchaus in großem Umfang vorhandenen Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen (und manchen Ideologien) vollkommen bewusst ist und von daher per se Menschen anderen Glaubens mit der gleichen Solidarität begegnet wie denen ihres eigenen Glaubens. In einer multi-religiösen Gesellschaft wie z.B. der "deutschen" oder "europäischen" (ohne hier oder in Europa lebende Menschen anderer Herkunft auszuschließen) kann also m.E. höchstens ein Aufblühen einer Art von Interreligiösität - im Sinne eines über die (historisch gewachsenen) Religionen hinausgehenden Grenzen Bewusstseins gemeinsam geteilter Werte - zu mehr allgemeiner Solidarität führen. Atheisten - sozusagen als Sonderform einer Religionsgruppe - müssten da im Übrigen mit einbezogen sein, wobei die gemeinsam geteilten Werte dann sozusagen aus den jeweilen heiligen Schriften der Religionen zusammengesetzt würden. Davon sehe ich Deutschland, Europa und weite Teile der Welt sehr weit entfernt und sehe auch nicht, wie so etwas in Gang kommen sollte. Noch unrealistischer dürfte wohl nur noch die Hoffnung sein, eine rein auf bestimmte geteilte Wert-Inhalte (z.B. in Bezug auf ein unterstes Einkommen, dass mit der Menschenwürde noch vereinbar ist) gegründete internationale Solidarität - ohne Bezugnahme auf von Religionen definierten Glaubensinhalte - könnte sich als kollektive Interessensvertretung gegenüber den Auswüchsen des (total assozialen) Kapitalismus in absehbarer Zeit formieren - wobei die Occupy-Bewegung m.E. durchaus schon in diese Richtung geht, nur ist sie eben sehr schwach. Der Vorteil hier wäre, dass unterschiedliche Religionszugehörigkeit dann keine Konflikte auslösen würde - aber soweit werden wir wohl in 100 Jahren noch nicht sein. Insofern kann ich Habermas' Optimismus beim besten Willen nicht teilen.

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Ehemaliger Nutzer 10.08.2012 | 21:03

@ Gfriday:Sie verwechseln Religiosität und kulturelle Zugehörigkeit. Letztere ist nur dort ein Problem, wo erstere fehlt.

Und sie glauben, dass Religiosität und Solidarität dasselbe seien. Wie kommen Sie darauf?

Mein Reich ist nicht von dieser Welt...

Ansonsten ist Ihr Pessimismus nicht unverständlich.

Lukasz Szopa 11.08.2012 | 11:16

Theoretisch bieten Religionen durchaus viel an Gedanken zur Solidarität. Siehe "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", sowie viele andere wichtige Gedanken sowohl in der Bibel wie im Koran. Wobei Sie auch recht haben - die meisten Religionen fördern die Solidarität durch Abgrenzung zu anderen.

Ich betonte - "theoretisch". Wenn man sich in Theologie, die Schriften oder gar Kontemplation und Mystik begibt vieler Religionen und Glaubensrichtungen beschäftigen und vertiefen würden. Nur leider passiert es nur bei einer Minderheit der Menschheit (ebenso wie die Erlangung ähnlicher Schlußfolgerungen zur Solidarität auch Philosophie, auch in atheistischer Prägung). Die Mehrheit folgt gerne dem oberflächlichen "religiösen" Herdentrieb, und "die Hirten" machen da allzugerne mit. Und leider werden in der religiösen Praxis - auch wenn oberflächlich - zu oft eher Ausgrenzung und Verbote als gute Ziele und Aspekte gepredigt - wie Solidarität, Brüderlichkeit, Freiheit, Frieden, Glück. Denn... - sind diese mal durch "die Schäfchen" erreicht oder erlebt, wird "der Hirte" arbeitslos...

zelotti 11.08.2012 | 22:00

Schon seit Kant ist eine Geringschätzung der Religion und ein Funktionalismus Teil unserer Kultur. Ich behaupte ohne Religion gibt es keinen Menschen. Religion und Theologie ist immer Diskurs der Religion mit dem Mittel der Narration. Monotheismus ist einfach nur ein Versuch zur symbolischen Überwindung älterer polytheistischer oder gar animistischer Religionen. Es ist interessant z.B., dass Jesus im frühen Mittelalter in einzelnen Schriften die Rolle von Odin übernahm, der ja auch an das Kreuz der Weltesche (?) genagelt wurde und Jesus da seinen Kriegern im Glauben Met ausschenkt, darum wohl dann auch die Popularität des Abendmahls und des Kreises der Jünger bei den Germanen. Jesus verdanken wir also schon einem die Ablösung der alten germanischen Götter und ihres Kriegerkultes. Genauso zersetzt die Kirchentagswellnessglaubensbewegung den klassisischen preussischen Protestantismus.

gewissen 14.08.2012 | 11:55

dem zeloten:

abgesehen davon, dass es sich um eine einfache und wenig aussagende behauptung handelt, könnte man anfügen, dass die herrschende ideologie die der gläubigen ist. die gläubigen werden von den machtstrukturen des staaates gestützt, auch wenn sie sich nicht an die ethischen vorgaben ihrer religionen halten, die geradezu im widerspruch zur herrschenden ideologie stehen. in einer solchen bequemen situation befinden sich die atheisten nicht, offiziell benachteiligt sind sie. in dieser situation wäre es verständlich, wenn atheisten humanistischen prinzipien folgten, die gesellschaft von aberglauben und dessen folgen zu befreien und aufklärungsarbeit leisteten, den atheismus also wichtig nähmen. dass besonders die vertreter der "hochreligionen" ihren glauben mit seinen moralischen fordernissen nicht wichtig nehmen, sollte ein weiterer grund sein, ihren aberglauben zu denunzieren.

Martin Gebauer 14.08.2012 | 23:55

Es stimmt, was Sie Schreiben, wenn man von dem Standpunkt ausgeht den sie Innehaben. Ich kritisiere die Religionen nicht, wenn ich sage, dass Religion sich gut dafür eigne, die Elterliche Autorität zu ersetzten gegen für viele ein guter Tausch, weil man dadurch weiterhin glaubt geliebt zu werden, auch dann, wenn sie (die Eltern) dem Kind unrecht taten. Viel schweren haben es diejenigen, die sich ohne religiösen Ersatz gegenüber der Elterlichen Autorität durchzusetzen versuchen, jedoch an die Liebe der Eltern gebunden sind auch dann, wenn diese Liebe keine wirkliche Liebe war. Manche suchen sich in radikalen politischen Bewegungen eine neue Autorität deren sie sich unterordnen und sodann die in Wirklichkeit kalten Eltern, stellvertretend lieben zu können.

Sicherlich gibt es Vegetarier die sich aus Ideologischen Gründen verbieten eine Wurst zu essen und denen die Wurst andauernd im Kopf rumspuckt. Ich meinte jedoch mit diesem Beispiel, dass es Dinge gibt, die gehen oder verflüchtigen sich von alleine, ohne dass man Notiz davon nimmt.

Ähnlich ist es mit der Gläubigkeit an eine Höhere Macht im Sinne von Religionen, die dieser höheren Macht einen Namen zuordnen und sogleich auch Worte in den Mund legen, nach denen der Gläubige sich zu richten hat. Immer ist es Ideologien die eine höhere abstrakte Autorität verkörpern.

Letztlich kommen und gehen die Dinge unglücklich ist man nur dann, wenn man versucht ist an irgendetwas festzuhalten. Ob man an Gott festhält oder daran dass es keinen Gott gibt, verbindet jedoch beides, dass daran festgehalten wird. Wer loslässt den stellt sich weder das eine noch das andere. Gefährlich wird es dann, wenn jemand so tut, als ob, jedoch lediglich die Ketten durch ein Nylonseil austauscht und nur weil man es nicht sieht jedoch einfach nicht vorankommt hasst man sich dafür und bekämpft die anderen auf deren Ketten man gerne hinweist ohne jedoch selbst frei zu sein.

smukster 16.08.2012 | 08:49

Ein m.E. recht verworrener Artikel, der mich ratlos zuruecklaesst. Am Ende werden dann auch prompt zwei gegensaetzliche moegliche Schluesse angeboten.

Unklar ist mir z.B. konkret, woher die Aussage stammt, wonach "der Markt als Gegenspieler der Religion gesehen wird", wenn es doch eigentlich nur darum geht, dass die Religion als "Notpflaster" den gesellschaftlichen Zerfall begrenzen soll. Und auch "Modernisierung", frueher hiess das mal "Fortschritt", wird m.E. hier zu plump gesehen: Geht es denn im Laufe der Zeit immer "moderner" zu - oder gibt es nicht schlichtweg auch gesellschaftlich-kulturelle Rueckschritte? Wenn mensch diese annimmt, kann die These von der Korrelation von Modernisierung und Saekularisierung sehr wohl aufrechterhalten werden.

malsogesagt 16.08.2012 | 19:44

Warum landen wir immer wieder beim Christentum? Wegen der großen Mitgliederzahl? Oder weil wir nun mal in diesen Kulturkreis hinein geboren wurden? Dabei gibt es auf der Welt an die 20 Religionen mit wenigstens einer Million Mitgliedern. Dazu noch viel mehr regional begrenzte mit weniger Anhängern. Zuerst aber sei angemerkt, dass ich zwischen Religionen und persönlichem Glauben unterscheiden möchte. Viele der Religionen dieser Welt behaupten von sich, die einzig richtige und wahre zu sein. Und deren jeweilige Religions-Oberen behaupten von sich, daß nur sie allein den "wahren" Willen Gottes kennen. Ja, wie und was denn nun? Ein Rückblick in die Menschheits- und Religionsgeschichte zeigt, daß Religionen bisher die Welt keinen Deut friedlicher und glücklicher gemacht haben, sondern oft genug, viel zu oft, das genaue Gegenteil davon initiiert haben. Wie viele Menschen wurden schon im Namen des jeweiligen und auch des selben Gottes auf einander gehetzt und haben sich gegenseitig umgebracht? Und warum? Weil viele Religionen zu Machtinstrumenten verkommen sind und als solche bis heute mißbraucht werden. Wie kamen der Islam und das Christentum zu ihrer großen Zahl von Mitgliedern? Nicht weil die Menschen Schlange standen und händeringend um Aufnahme gebeten haben, sondern durch Krieg, Eroberung, Totschlag und Zwangstaufen. Das Christentum wurde auf eine sehr unchristliche Weise verbreitet. In der Geschichtsschreibung wird das etwas verschämt unter "Christianisierung" geführt. Und solange diese Religion nicht von ihrem vermeintlich göttlichen "Missionierungsbefehl" abläßt, erschwert sie damit z.B. die Integration islamischer Migranten in unsere "Wertegemeinschaft". Nun, die Werte, nach denen die Menschheit heute strebt, sind Macht und Geld. Schon Moses soll vor lauter Wut die Gesetzestafeln zerschlagen haben, al er sein Volk ums goldene Kalb tanzen sah - und Lessing hat seine Ringparabel wohl vergebens geschrieben. Dabei enthalten doch viele Religionen einen schwergewichtigen Kern an humanem Gedankengut - welches leider verschüttet ist und nicht zum Tragen kommt. Welche Religion soll denn jetzt die Menschheit bessern und den Planeten retten? Beschränken wir uns einmal nur auf die drei abrahamitischen, das Judentum, das Christentum und den Islam mit all ihren Spielarten. Alle drei berufen sich auf die selbe "Schrift" und auf den selben Gott und sind dennoch untereinander heillos zerstritten. Es geht offensichtlich nicht um die Kerninhalte, es geht um Macht über die Menschen. Allein schon die unsägliche Streiterei zwischen Katholen und Evangelen um die Bedeutung und die "richtige" Art der Durchführung des Abendmals wirkt schon nahezu kindisch, wenn das nicht so schwerwiegende Folgen hätte. Scheinbar nimmt der Kampf der Religionen gegen- und unter einander und damit dieser ganze dogmatisierte Religionsirrsinn der institutionalisierten Kirchen kein Ende.... Aber wäre die Welt ohne Religionen friedlicher? Sicher nicht. Vielleicht ein wenig überschaubarer. Und das dürfte darin begründet sein, daß der Mensch ein Lebewesen ist. Um die Definition der Begriffe Leben, Lebewesen und deren Eigenschaften wie Stoffwechsel, Fortpflanzung und Evolution, haben sich inzwischen viele kluge Leuten bemüht. Wenn also einfache Lebensformen in einem erdgeschichtlich geeigneten Milieu entstanden sind, dann konnten sie jedenfalls weder Stoffwechsel noch Fortpflanzung willentlich durchführen, sondern die dabei ablaufenden Prozesse (aufgrund chemischer Affinitäten) fanden statt, zwangsläufig, die Materie hatte da keine Wahl! Und so unterliegt auch der Mensch diesen Zwängen. Der Zwang zu Stoffwechsel, der Hunger, ist so stark, dass er den Menschen in Notzeiten zu rücksichtslosen, kriminellen Handlungen bis hin zum Kannibalismus treiben kann. Die Materie will es so. Gleich stark ist der Fortpflanzungstrieb. Wird er mit Zwang unterdrückt, kann der Mensch psychisch krank oder zum Verbrecher werden, da die Materie am „normalen“ Wirken gehindert wird. Sollte es jemals Wesen gegeben haben, die diese Zwänge nicht in sich trugen, so wären diese Arten logischerweise verhungert bzw. mangels Nachwuchs ausgestorben. Die Evolution hat weitere starke Zwänge werden lassen, wie etwa die Vorsorge für die Nachkommen. Entsprechend der Artenvielfalt fällt diese methodisch als auch in Bezug auf die Dauer sehr unterschiedlich aus. Und daraus ergibt sich weiter, dass Lebewesen für die Nahrungsbeschaffung für sich und den Nachwuchs ein ausreichend großes Revier benötigen. So wird also um Reviere gekämpft, sie werden besetzt, erobert, markiert und gegen Konkurrenten mit allen Mitteln verteidigt. Wir sehen das in vielen Tierfilmen. Die Reviere des Menschen im Alltag sind aber nicht nur geografischer Art, wie etwa der Besitz an Grund und Boden, um den seit allen Zeiten gekämpft und blutige Krieg geführt wurden und werden. Nationale Landesgrenzen sind ebenfals Reviere. Auch Unternehmen kämpfen global gnadenlos mit legalen und illegalen Mitteln, wenn es um Reviere an Marktanteilen oder an Bodenschätzen geht. Gleichfalls ist ein gut bezahlter Job ein großes finanzielles Revier, um das mit vielen Mitteln (z.B. auch Mobbing) hart gekämpft wird. Selbst die Psyche des Menschen kennt Reviergrenzen. Ein beleidigter Mensch verteidigt sie. „Du bist mir zu nahe getreten. Ich erwarte ein Entschuldigung und dass solches nicht wieder vorkommt, sonst...!“ Muß er solches oder ähnliches auf Dauer widerspruchslos hinnehmen, kommt es zu psychischen Schäden und kann bis zum Suizid führen. Im Gegensatz zum Tier hat der Mensch die Möglichkeit sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden, im kleinen Kreis funktioniert das zum Teil auch, z.B. in der Familie oder Nachbarschaft. Aber wie sieht es auf unserm einzigen Planeten aus? Global sind die Macht- und Revierkämpfe um Wirtschaftswachstum, Konsum, Bodenschätze, Millionengewinne offensichtlich entartet. Wo ist die Lösung für die Probleme der Menschheit, woher soll sie kommen?