Ach, vergesst das Christentum

Oh Gott Wahrscheinlich gibt es sogar eine Rückkehr der Religionen. Jürgen Habermas spricht ja auch davon. Der Nutzen für die gesellschaftliche Solidarität aber dürfte klein sein
Ach, vergesst das Christentum
Für viele ist er längst verschwunden. Für einige kommt er nun als eine Art Handlungsreisender zurück
Illustration: Jan Stoewe für der Freitag

„Religion und Politik“, so heißt ein Exzellenzcluster an der Universität Münster. „Religion und Politik“, so heißt auch eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2007. Und eine der Bundeszentrale für politische Bildung von 2002. Ebenso wie ein Forschungsbereich an der Humboldt-Universität. Und, kleine Stichprobe, im Karlsruher Virtuellen Bibliothekskatalog finden sich allein 243 deutschsprachige Publikationen aus den vergangenen zehn Jahren zu diesem Titelstichwort.

Seit den Anschlägen auf das World Trade Center von 2001 musste die Frage nach der Religion wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Damals trat plötzlich ein Fundamentalismus auf den Plan, in dem sich religiöse von politischen Motiven nicht mehr trennen ließen. Es war, als hätte da plötzlich ein Feind eine Waffe gezogen, die der in säkularen Träumen schlummernde Westen zu lange nicht auf Vordermann gebracht hatte. In sicherer Reaktion darauf – und auf verstärkte Migrationsbewegungen – musste eine Besinnung auf die eigene christlich geprägte Kultur einsetzen.

Das zu behaupten, ist jetzt gar keine Neuigkeit. So fängt mittlerweile jede Publikation zum Thema an, und wenn man die Titel all der Vorträge, Konferenzen, Tagungen – „Modes of Secularism“, „When Governance meets Religion“, „Dynamics in the History of Religions“ – auf einem Spruchband aneinanderreihte, könnte man das sicherlich zweimal um den Erdball wickeln. Statt von einer „Rückkehr der Religion“ müsste man erst mal von der Wiederauferstehung der Religion als Debatte sprechen.

Die Veranstaltung der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung, auf der der Philosoph Jürgen Habermas vor rund zwei Wochen gesagt hat, „dass es vielleicht der Religion bedürfe, um die knappe Ressource Solidarität aufrechtzuerhalten“, behandelte auch das Verhältnis von Religion und Politik. Überraschend war nicht, was Habermas dort äußerte. Er vertritt die vorsichtig formulierte These vom Nutzen der Religion für die Demokratie schon länger. Als er 2001 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, hieß seine Rede „Glauben und Wissen“ und beteuerte den Respekt der Vernunft vor dem „Glutkern“ religiöser Fragen. Auch in einem 2005 veröffentlichten Dialog mit Kardinal Ratzinger erklärte der liberale Aufklärer eine vernünftige Annäherung an die Religion, so wie Benedikt XVI. seinerseits immer schon ein Verfechter des vernunftgeleiteten Glaubens war.

Das christliche Erbe Europas

Obwohl es im Kern immer um die Frage geht, welche Instanz die maßgebliche sei, – also Offenbarung oder Vernunft, Kirche oder liberaler Staat – kommen demokratisch zurechtgestutzte Kirche und moralisch bedürftige Säkularität zu einer feinsinnig diplomatischen Einigung. Sie finden sich gegenseitig wichtig, friedlich, und in Eintracht lassen sie sich ihre jeweiligen Freiheiten. Auch auf dem Podium der Siemens-Stiftung hat der Theologe Friedrich Wilhelm Graf die Sache der säkularen Vernunft verfochten und der Philosoph Habermas die der Religion. Beim Dialog auf hohem Niveau kann man, wie beim gepflegten Tennis, auch mal freundschaftlich die Seiten wechseln. Also was soll die zum Übermaß strapazierte Formel von der „Wiederkehr der Religion“ eigentlich heißen?

Sie hat zunächst eine politische Dimension: Nach jenem 11. September bekamen erst einmal die vorher eher behäbigen Diskussionen um das „christliche Erbe Europas“, die ja anlässlich der EU-Erweiterungsbestrebungen geführt wurden, eine schärfere Kontur. Die gelebte Multikultur in Deutschland wird seither vermehrt unter religiösen, nicht nur ethnischen Gesichtspunkten interpretiert.

Die „Wiederkehr der Religion“ in Europa hat zudem eine ältere, spirituelle Komponente. In der soziologischen Diskussion galt lange die These, dass gesellschaftliche Modernisierung automatisch auch zu Säkularisierung führe. An dieser Idee kamen aber seit den siebziger Jahren Zweifel auf, mittlerweile verwirft man die These ganz oder spricht von „Europa als Ausnahme“. Denn in den USA und in den meisten Teilen der Welt hat dieser klare Prozess so nicht stattgefunden, Religion ist dort als gelebte Praxis nie verschwunden.

Für das spirituell eher kühle Europa glaubte man Anfang dieses Jahrtausends einen neuen Boom der Religiosität, einen „Megatrend Respititualisierung“, ausmachen zu können (s. Freitag 25/2012). Mittlerweile ist es um diese Diagnose des Theologen Paul Zulehner etwas ruhiger geworden. Der Megatrend hat sich ins alltägliche Kleinzeug verkrümelt. Trotzdem ist etwas daran, dass sich wieder mehr Menschen religiösen und spirituellen Praxen zuwenden, die aber nicht unbedingt christlich sein müssen. Die Zeiten sind nicht nur postmodern, sondern wohl auch „postsäkular“.

Die „Wiederkehr der Religion“ lässt sich neben dem politischen und spirituellen Aspekt drittens als ein Phänomen des öffentlichen Diskurses beschreiben. Auffällig ist, zumindest für Deutschland, ein gestiegenes mediales Interesse an kirchlichen und religiösen Inhalten. So richtete Die Zeit vor zwei Jahren die Themenseite „Glauben und Zweifeln“ ein. In Reaktion auf die gelebte Glaubensvielfalt wächst das Informationsbedürfnis über andere Religionen und das eigene, vergessene Christentum. Das evangelische Magazin Chrismon führt die Rubrik „Religion für Einsteiger“ – man muss das Abendmahl, den Heiligen Geist und auch den Himmel wieder erklären.

Daneben steht noch die katholische Kirche als ein spezielles Kapitel. Der Vatikan bietet, nicht anders als alle guten Fürstenhäuser, natürlich immer Stoff für schöne Geschichten. Doch seitdem der Papst ein Deutscher ist, geht die Berichterstattung auch in der sonst eher zurückhaltenden intellektuellen Presse ins bisweilen Exorbitante. Dass der rot beschuhte, aber sonst knochentrockene Benedikt XVI. auch für Ungläubige zur Pop-Ikone taugt – es gab sogar ein Bravo-Fanposter –, muss einem zu denken geben. Die katholische Kirche mit ihrem barocken Stil und Skandalen passt besser ins postmoderne Spektakel als die evangelische. Es sei denn, Margot Käßmann spielt Verkehrssünderin.

Doch insgesamt scheint die Zeit der großen Religionskritik und Kirchenaversion ebenso vorbei wie die der unbestrittenen klerikalen Autorität. Die juristisch verjährten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche im Jahr 2008 haben unter anderem gezeigt, wie sehr sich die gesellschaftliche Rolle dieser religiösen Institution gewandelt hat. Sie ist jetzt auf Augenhöhe. Und nur eine Kirche unter anderen.

Brauchen wir aber eine Rückbesinnung auf Religion nicht nur fürs persönliche, sondern auch für das politische Heil? Nicht zu Unrecht ist Jürgen Habermas ja besorgt um den Zustand des demokratisch verfassten Rechtsstaats. In dem oben erwähnten Gespräch mit Kardinal Ratzinger lotete er subtil die Grenzen aus. Der demokratische Rechtsstaat könne sich aus sich selbst heraus legitimieren. Aber wenn zunehmend die Märkte, die ja nicht nach demokratischen Regeln laufen, Steuerungsfunktion übernehmen, sei fraglich, ob man die Bürger weiter zum Einsatz für Demokratie motivieren könne. Eine „entgleisende Modernisierung der Gesellschaft“, schreibt Habermas, „könnte sehr wohl das demokratische Band mürbe machen und die Art von Solidarität auszehren, auf die der demokratische Staat angewiesen ist“. Etwas direkter ausgedrückt lautet die These: Wo die Marktprinzipien die Demokratie kaputt machen, könnte Religion einspringen.

Ein Markt der Religionen

Eigenartig ist dabei, dass der Markt als Gegenspieler der Religion gesehen wird. Denn eigentlich ist der Kapitalismus ja auch eine Religion, und zwar eine ziemlich umfassend herrschende. Das Bonmot vom „Kapitalismus als Religion“ ist nicht bloß als Metapher zu verstehen. Die Sache geht tiefer. Der Soziologe Christoph Deutschmann etwa behauptet in Anlehnung an Georg Simmels „Philosophie des Geldes“, dass in dem Moment, in dem Geld zu Kapital wird, und nicht nur Waren, sondern auch Arbeitskraft, Boden und strukturell alles verkäuflich ist, wird Geld tatsächlich zu etwas „Transzendentem“. Es ist dann „allgemeines Mittel“, ein inkarniertes Versprechen endloser Möglichkeiten. Dabei übernimmt „Geld“ genau die totale integrative Funktion, die dem Glauben einmal zukam und reduziert die traditionellen Religionen zu Marktprodukten.

Auch wenn Deutschmann die spirituellen Aspekte des Glaubens nicht zu fassen bekommt, weil er Religion rein gesellschaftlich-funktional betrachtet, bleiben seine Thesen schlagend. Er sieht die religiöse Funktion des Geldes als ein so globales Phänomen, dass er auch den islamischen Gotteskampf als ein Rückzugsgefecht deutet. Und unter diesen Prämissen könnte man das gegenwärtige Ringen um die Eurostabilität ebenfalls als ein wahrhaft religiöses Drama deuten. Der Kapitalismus hat also die Gesellschaft und die Individuen strukturell so sehr verändert, dass eine Rückkehr zum alten Glauben, vor allen zum christlichen Monotheismus, kaum möglich scheint. Auch hinter die Aufklärung, und die diversen soziologisch konstatierten „-ierungen“ wie Modernisierung, Individualisierung oder Pluralisierung kommt man ja nicht mehr zurück. Sie haben das, an was wir glauben und die Art, wie wir glauben können, verändert. Auch diejenigen, die eine „Rückkehr der Religion“ behaupten, gehen von neuen Glaubensformen aus: nämlich auf persönliche Bedürfnisse zugeschnittene Bricolage-Techniken. Die Menschen basteln sich aus allen Sinnangeboten eine religiöse Überzeugung.

Die britische Soziologin Grace Davie benannte den heutigen, westeuropäischen Glauben als „believing without belonging“ oder „belonging without believing“. Man glaubt an etwas, aber nicht an die Kirche. „Believing“ und „belonging“ sind dabei kaum mehr zur Deckung zu bringen. Es scheint unmöglich, einen über Religion vermittelten Gemeinschaftsgedanken zu reaktivieren. Der„Prozess der religiösen Aushöhlung der europäischen Kultur“ (Danièle Hervieu-Léger) ist zu fortgeschritten, als dass Religion Schmiermittel für gesellschaftliche Solidarität sein könne.

Ganz sicher kann man sich natürlich nie sein. Alles ist möglich. Peter Berger, einer der bekanntesten Religionssoziologen, schrieb vor der Finanzkrise, er halte es „durchaus für denkbar, dass die Kirchen von neuem eine öffentliche Rolle spielen würden, wenn Europa in eine Krise geriete“. Das wäre eine eigenartige, aber nicht unbedingt beruhigende Vorstellung.

09:00 09.08.2012

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