Ach, wenn doch immer Sonntag wär´

Medientagebuch Balken, Kreise, Kugeln - das Politbarometer, ästhetisch betrachtet

Es kann nicht anders sein: In den Wolken über unserer medialisierten Welt muss eine Art dramaturgischer Supervisor wachen, der immer wieder für Wendepunkte, dramatische Zuspitzungen oder auch nur für ein bisschen Wind sorgt, wenn politische Flaute und soziale Stagnation sich wie Mehltau auf die Gemüter zu legen drohen.

Für rohere Suspense-Erwartungen, die in der grausamen Monotonie der täglichen Kriegsberichterstattung vom Irak und anderswo längst stumpf geworden sind, bieten sich Naturkatastrophen, Terroranschläge oder überdimensionale Verbrechen an. Wirtschaftliche Desaster hingegen werden offenbar auch dann als grauer Alltag schnell ad acta gelegt, wenn sie, wie vor zwei Jahren in Argentinien, ein ganzes Land beinahe von heute auf morgen in den Abgrund stürzen. Für die subtileren Spannungsbedürfnisse sorgen, beispielsweise, Korruptionsskandale in ihren verschiedenen Varianten, Politikerauftritte, die sich zum Medien-Eklat auswachsen, aber auch Regional- und Kommunalwahlen, die von den beteiligten Politikern wie von den Akteuren des Berichterstattungsapparats gern zu Entscheidungsschlachten aufgeblasen werden. Geschieht dies, wie gehabt, nicht weniger als vierzehnmal in einem Jahr, ist allerdings das Spannungsreservoir irgendwann verbraucht und ein Ermüdungseffekt unvermeidlich. Schließlich haben wir noch das Politbarometer des ZDF und sein Pendant in der ARD - demoskopische Erhebungen, die uns einmal im Monat über die schwankenden politischen Stimmungen im Lande informieren, nicht zu vergessen die Sonntagsfrage mit dem berühmten conjunctivus potentialis: "Was wäre, wenn am nächsten Sonntag Wahltag wär´?"

Zugegeben: Der ästhetische Ertrag des Politbarometers als Fernseh-Event ist vergleichsweise gering. Das Ding sieht so aus, als wollten Statistiker, Demoskopen, Verfechter der empirischen Soziologie und andere Zahlenfetischisten am Fernsehen und überhaupt an der ganzen Unterhaltungsindustrie endlich einmal Rache nehmen. In der Regel wendet sich der Moderator der zweiten Abendnachrichten mit Fragen, von denen er meint, es seien auch die des Zuschauers, nach links, es folgt ein Umschnitt oder ein sachter Schwenk der Kamera - und siehe, neben dem Moderator präsentiert sich ein smart blickender junger Mann, der Seibert oder Schönenborn heißt, vor einem Laptop sitzt und sich um die vertrauenerweckende Ausstrahlung eines unbestechlichen Postbeamten mit Computerkenntnissen bemüht. Was nun folgt, wird dem verzweifelten Charme von Power Point-Grafiken anvertraut, die statistische Daten in Form von Balken, Kreissegmenten oder pillenförmigen Kugeln "visualisieren" und uns ein Bild davon vermitteln wollen, was die Bundesbürger - also uns, die wir gerade vor der Glotze hocken - politisch bewegt, erregt, missfällt, auf die Palme jagt oder der einen Partei abspenstig macht und der anderen in die Arme treibt. Wohlformuliertes und erkenntnisträchtiges Gemurmel der beiden Herren am Moderatorenpult grundiert das filmisch sparsame Ereignis. Am Ende glauben wir alle, an einem mittelstarken Erdbeben teilgenommen zu haben.

So jedenfalls am letzten Freitag, als das Politbarometer einen Sprung der SPD um vier Prozent auf 29 Punkte und eine Verbesserung der Grünen auf elf Prozent verkündete. Die restlichen Medien sahen tags darauf sogleich das rot-grüne Lager, nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg, "im Aufwind" segeln; zudem sei nun erstmals eine Mehrheit der Bundesbürger bereit, Hartz IV und das Agenda 2010 genannte Reformpaket der Schröder-Regierung zu akzeptieren. "Hingegen", so hieß es dann etwa bei AFP, "verschlechterten sich CDU/CSU um drei Punkte auf 43 Prozent". Hingegen? Der Gegensatz existiert nur in der Sprache, denn das Plus auf der einen Seite bringt in der Regel ein Minus auf der anderen mit sich - jedenfalls dann, wenn das Volk so mal ganz locker über seine Stimmungen plaudert. Wird es dann ernst und schreitet es zur Wahl, zeigt sich, dass beide großen Parteien eher mit ihrem Niedergang rechnen müssen. Dass die SPD zugelegt hat, hingegen auch die CDU (wie es dann richtigerweise heißen müsste), dürfte in der Geschichte der Bundesrepublik nur ganz selten vorgekommen sein.

Denkt man über die Sache gründlicher nach, kommt man zu dem Ergebnis, dass die befragten Bundesbürger das Fernsehprogramm mittlerweile einfach zu öde fanden. Mit dem Abstieg der SPD, der sich nun schon zwei Jahre hinschleppt, konnte es so nicht weitergehen, zumal die Statements der Politiker in Anbetracht ihrer ohnehin unausrottbaren Neigung, sich selbst zu wiederholen, eine Schmerzgrenze erreicht hatten. Das hat sich zwar mit der "Trendwende" nicht wesentlich geändert, doch nun - nach den Abstimmungen der letzten beiden Wochen - kann das Fernseh-Wahlvolk mit seiner entwickelten Sensibilität für Realsatire beobachten, wie Laurenz Meyer die kräftigen Verluste der CDU zu einem Sieg und Franz Müntefering die abgeschwächte Talfahrt der SPD zu einem riesigen Triumph umdeuten. Das zähflüssige Wahlmarathon dieses Jahres hat an Unterhaltungswert gewonnen, gespannt lauern wir auf die nächsten Umfrageergebnisse, und auf der Mattscheibe ist wieder ein bisschen was los - ein sozialtherapeutischer Effekt, den wir dem Politbarometer und seinem kleinen Erdbeben zu verdanken haben.

Hinzu kommt, dass durch das demoskopische Instrument das Nervensystem der politischen Akteure mit dem des Wahlvolks gleichsam kurz geschlossen ist und seismographisch auf geringfügigste Regungen "draußen im Land" reagieren kann. Mit dem Resultat, dass nunmehr, nach dem anstrengenden Palaver über Reformprojekte, nur noch über die Landtagswahlen des kommenden Jahres geredet wird und die Köpfe bereits von den nächsten Bundestagswahlen beherrscht werden, obwohl erst die Hälfte der Legislaturperiode hinter uns liegt. Komplexe Sachthemen sind in absehbarer Zeit nicht mehr zu befürchten. Wenn Hartz IV ab Januar 2005 seine Früchte zeitigt, werden die Balken und pillenförmigen Kugeln des Politbarometers endgültig Herrschaft über den politischen Diskurs erlangen.


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00:00 01.10.2004

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