Acht Jahre arbeitslos

Der Held von Magdeburg Andreas Ehrholdt, bislang vom Leben nicht verwöhnt, hat seine Rolle gefunden

Eines Nachts, Mitte Juli, wusste Andreas Ehrholdt, was zu tun ist. Der 42-Jährige zog die Bettdecke beiseite, schlüpfte in seine schwarzen Filzlatschen und ging nach nebenan ins Wohnzimmer. Er setzte sich an den braunen Holzschreibtisch mit den vielen Schubfächern, schaltete den Computer ein und öffnete kurz darauf ein Word-Dokument. "Schluss mit Hartz IV - heute ihr, morgen wir", schrieb Ehrholdt hinein. Es war ein Aufruf an alle "friedlichen und demokratischen Bürger". Der arbeitslose Bürokaufmann zog das Miniaturplakat 200 Mal über den Kopierer, dann steckte er das Bündel Papier in seine Aktentasche und legte sich zufrieden schlafen.

Wenige Tage später, am 26. Juli 2004, gegen 17 Uhr, saß Andreas Ehrholdt auf einer Parkbank am Magdeburger Domplatz und wartete darauf, dass sich "einige Passanten" seiner Protestaktion gegen Hartz IV anschließen. Seine selbst gebastelten Plakate hatte er längst in Magdeburgs Fußgängerzonen an Bauzäune, Laternenpfähle und Litfasssäulen geklebt. Um 17.15 Uhr kamen die ersten zwei Demonstranten, ein Rentnerehepaar. Kurz nach 18 Uhr protestierten bereits 600 Bürger gegen Sozialabbau in Deutschland. Am 2. August waren aus 600 Menschen schon 6.000 geworden. Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten machten ihrem Unmut über Hartz IV Luft. "Das hat mir gezeigt, dass im Osten noch immer eine Solidarbewegung da ist", sagt Andreas Ehrholdt, der gewissermaßen zu ihrem Kopf geworden ist. Ihm ist es gelungen, den Protest gegen die Agenda 2010 auf die Straße zu holen. Die Gewerkschaften hatten dies vergeblich oder erst gar nicht versucht.

Der 9. August, wieder ein Montag, wird für Andreas Ehrholdt ein Tag der Interviews. Am Abend ist Demo in Magdeburg. Und Organisator Ehrholdt soll in den Abendnachrichten über die bundesdeutschen Bildschirme flimmern. Und so zieht es die Journalisten aufs flache Land. Mitten im sachsen-anhaltischen Woltersdorf, dort, wo ein Steindenkmal an die Gefallenen des I. Weltkrieges erinnert, gleich gegenüber einer kleinen Parkanlage, steht ein weißgetünchtes Häuschen. Obwohl das Dach mit roten Ziegeln neu gedeckt ist, kündet es eher von ärmlichen Verhältnissen. Von den alten Fensterrahmen blättert die Farbe, und die Giebelfront trägt breite Risse im Putz. Hier, in der Hauptstraße 9, wohnt Andreas Ehrholdt. Ein Schild warnt "Vorsicht bissiger Hund!"

Auf dem Hof dahinter geht es zu wie am Filmset. Ein Mann mit Nickelbrille angelt den Ton einer weißhaarigen Frau im hohen Rentenalter. Es ist Ehrholdts Mutter. Sie lehnt in Kittelschürze aus dem Küchenfenster und schimpft über Bundeskanzler Gerhard Schröder und das ganze "Politikergesocks". "Die klauen alles den Armen, wovon sollen wir denn künftig noch leben", sagt die Frau mit tränenerstickter Stimme und zwei Kamerateams halten den bewegenden Augenblick im Bild fest. Zwei Meter daneben lehnt Andreas Ehrholdt an der Hausfassade und beantwortet geduldig die Fragen einer Journalistin. Für all die "frustrierten, wütenden Menschen" hat Andreas Ehrholdt eine Botschaft: "Wer kämpft, kann verlieren! Wer nicht kämpft, hat schon verloren!" Er hat sich den Spruch auf ein T-Shirt drucken lassen - in altdeutscher Schrift. Ehrholdt muss sich nun öfter fragen lassen, ob er eventuell ein Neonazi sei. Vor allem nach seiner zweiten Protestaktion sei "das Geschrei" groß gewesen. Denn da hatten sich tatsächlich NPD-Anhänger und Skinheads unter die Demonstranten gemischt und den Zug kurzzeitig sogar angeführt. Doch Ehrholdt klingt glaubhaft, wenn er sagt: "Ich habe mich von diesen Aktivitäten und Aktivisten distanziert, so deutlich ich das nur konnte." Aber Journalisten sind erbarmungslos und haken nach: Aber er war doch auch mal in der Deutschen Mittelstandspartei, die später in Sachsen-Anhalt mit der Deutschen Volksunion fusionierte, sagt jemand vom Radio, und Ehrholdt reagiert: "Ja, das ist zwar richtig." Als er aber gemerkt habe, mit wem er sich da eingelassen hat, sei er sofort aus der Partei ausgetreten. Und er fügt gleich hinzu: "Auch bei der CDU habe ich es nicht lange ausgehalten, weil die auch nur Beitragszahler benötigen, aber keinen, der mitgestalten will."

Andreas Ehrholdt hat inzwischen so was wie eine Phobie gegen Parteien und Verbände entwickelt. Er hält sie sich auf Abstand, weil er glaubt, dass sie seine Demonstrationen für ihre Ziele instrumentalisieren wollen. So will er selbst dem Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Sachsen-Anhalt eine Abfuhr erteilt haben, als der sich mit DGB-Fahnen in die Kette der Demonstrierenden einreihen wollte: "Wir laufen hinter keinem Parteibanner her, aber auch hinter keiner Gewerkschaftsfahne. Das ist jetzt eine Volksinitiative und das macht den Leuten in Berlin jetzt wohl auch Angst, weil das nicht steuerbar ist."

Jetzt ist Andreas Ehrholdt doch ins Schwitzen gekommen. Dicke Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn. Die Sonne steht hoch am Himmel und brennt erbärmlich heiß. Doch viel Zeit zum Verschnaufen bleibt nicht. Weitere Interviewwünsche wollen bedient werden. Die Nachbarn wundern sich über das rege Medieninteresse, galt doch Andreas Ehrholdt bislang eher "als schräger Vogel" in Woltersdorf, wie es ein junger Mann formuliert, der gerade vom Einkaufen zurückkommt. Dann fügt er anerkennend hinzu: "Aber was der Andreas da auf die Beine gestellt hat, das ist klasse!"

Andreas Ehrholdt wohnt mit seiner Schwester noch immer bei den Eltern. Beide haben sich das Dachgeschoss ausgebaut und stottern nun den Kredit ab, den die Eltern für den Umbau des heruntergekommenen Hauses aufgenommen haben. Der 42-Jährige hat weder Frau noch Kinder. Überhaupt hatte er bisher wenig Glück im Leben. Zu DDR-Zeiten arbeitete er als Transportarbeiter bei der Deutschen Reichsbahn, dann wollte er in den Westen, flog aus der SED und flüchtete schließlich über die Botschaft in Budapest in die Bundesrepublik. Doch schon zwei Monate nach dem Mauerfall kam er zurück. "Ich hatte Sehnsucht nach vertrauter Umgebung."

Nach der Deutschen Einheit bekam Andreas Ehrholdt dann kein Bein mehr auf die Erde. Stattdessen brach er sich eins bei einem Motorradunfall - zwei Tage, nachdem er eine ABM-Stelle angenommen hatte. Im Krankenhaus stellten sie dann "ganz nebenbei noch einige Krankheiten fest". Der Medizinische Dienst wurde eingeschaltet, das Arbeitsamt schickte Ehrholdt zur Kur und als er zurückkam, hieß es, er dürfe keine körperlich schwere Arbeit mehr verrichten. Was folgte, war eine Umschulung zum Bürokaufmann. Einen Job hat er dennoch nicht gefunden, obwohl er "Hunderte Bewerbungen geschrieben, sich von Freiburg bis Flensburg beworben und regelmäßig Annoncen in Zeitungen geschaltet" habe - "soweit wie mein Geldbeutel eben zuließ".

Andreas Ehrholdt hat die Zeiten der Arbeitslosigkeit ausgerechnet. "Gute acht Jahre, in denen ich 24 Stunden am Tag arbeitslos war, kommen zusammen, plus Krankheit, plus Umschulung." Derzeit erhalte er Überbrückungsgeld von der Landesversicherungsanstalt, weil er ein Rehafall sei und sich selbstständig gemacht habe - als freier Journalist, weil das eine ungeschützte Berufsgruppe sei. "Aber die Geschäfte laufen schlecht", sagt Ehrholdt, und er befürchtet nun, dass auch ihm bald der Antrag für das Arbeitslosengeld II zugeschickt wird. Eine furchtbare Vorstellung: "Das Telefon ist dann so gut wie nicht mehr bezahlbar, mit dem Internet ist es dann eh vorbei und so wird es nicht nur schwierig einen Job zu finden, es wird unmöglich."

Plötzlich hat es Andreas Ehrholdt eilig. Er will keine Fragen mehr beantworten. Er will nach Magdeburg auf den Domplatz, seine dritte Montagsdemonstration vorbereiten - es sind nur noch vier Stunden. In den Händen hält er weiße Armbinden mit der Aufschrift "Ordner" und seine Visitenkarten. Abends um 18 Uhr sieht man Andreas Ehrholdt auf dem Magdeburger Domplatz übers ganze Gesicht lächeln. Wieder eine Verdoppelung: 12.000 Menschen sind es diesmal, die lautstark rufen "Wir sind das Volk - und nicht die Sklaven von Hartz IV".

00:00 13.08.2004

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