Achtung! Bratwurst

Rammstein Rammstein spielen mit deutschen Klischees und lassen sich beim Sex mit Porno-Darstellerinnen filmen. Schließlich braucht das Land auch böse Buben

Der Freitag: Wir müssen über Sex reden.

Flake Lorenz:

Das hängt wohl damit zusammen, dass wir uns ausgezogen haben.

Allerdings. Im Video zu "Pussy", der ersten Single aus dem neuen Rammstein-Album "Liebe ist für alle da", kopuliert die gesamte Band so ausführlich mit professionellen Porno-Darstellerinnen, dass der Clip nur auf einem Porno-Portal zu sehen war. Der Song wurde trotzdem Eure erste Nummer eins in den Single-Charts.

Lorenz:

Das Phänomen begeistert mich. Dass es wirklich so einfach ist: Wenn man sich nackig macht, hat man Erfolg. Man hört ja immer mal, dass sich manche im Filmgeschäft hochgeschlafen haben. Wir ärgern uns jetzt nur, dass wir das nicht schon vor 20 Jahren gemacht haben.

Ist Provokation das Erfolgsrezept von Rammstein?

Lorenz:

Ich weiß nicht, ob Provokation wirklich das richtige Wort ist. Es gab einfach die Idee, mal was Neues zu machen und zwei Dinge zusammen zu bringen, die noch nicht verbunden worden waren, die Pornografie und die Rockmusik. Dass da bisher noch niemand drauf gekommen ist, das so eins zu eins zu verknüpfen, das wundert mich. Das ist doch eigentlich sehr naheliegend.

Paul Landers:

Natürlich war uns klar, dass das ein paar Wellen schlagen wird. Aber so groß waren die Wellen dann ja gar nicht. Ich hätte fast mit mehr gerechnet. Ich hatte schon erwartet, dass wir auf der ­Titelseite der

Das hat nicht geklappt, aber dafür seid Ihr von der

Lorenz:

Damit kann ich leben.

Wie schwierig ist es denn mittlerweile, noch solche Provokationsfelder zu finden?

Landers:

Sehr schwierig, wenn man ausdrücklich danach sucht. Aber wir sitzen ja nicht am Schreibtisch und fragen uns: Womit könnten wir noch provozieren? So komisch es klingt: Die Provokation findet uns. Wir sind keine Denkergruppe, die sich ständig fragt: Wo könnte man noch Ärger machen? Wir sind eher wie Gulliver im Zwergenland: Auch wenn der ganz vorsichtig geht, er macht immer etwas kaputt, wenn er irgendwo hintritt, dann eckt er an. Den kann man auch fragen: Was machst du denn da? Sei doch mal klein! Aber der ist einfach so, er kann machen was er will. Und wir sind auch einfach so.

Seht Ihr „Pussy“ auch als Kommentar zur Pornografisierung der Gesellschaft?

Lorenz:

Das kommt da natürlich mit rein. Ich fange jetzt zwar an zu tattern wie ein Opa, aber wen stört das nicht, wenn bei RTL ab 20 Uhr nur noch Brüste im Bild sind?

Richard Kruspe:

Rammstein zeichnet sich durch eine gewisse Naivität und Spontaneität aus. Für mich sind Sexualität und Pornografie keine Provokation mehr. Wir tun einfach, was wir tun. Wir sind nicht ehrfürchtig gegenüber den Gesetzen des Business.

Landers:

Ich frage mich eher: Was ist denn so schlimm daran, dass man da einen Schniedel oder eine Muschi sieht?

Ihrer achtjährigen Tochter werden Sie den Clip aber wahrscheinlich auch nicht zeigen, oder?

Landers:

Ja, aber das fand ich schon wieder ein gutes Zeichen dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind, denn die letzten Videos konnte ich ihr alle zeigen. Da hab ich mich manchmal schon gefragt: Sind wir jetzt noch die furchtbaren Rocker? Oder sind wir schon Kuschelrocker? Für mich ist das zum einen ein Beweis, dass wir doch noch nicht so konform sind. Und zum anderen ein Ausdruck der neuen Freiheit, die das Internet bietet. Wir sind nicht mehr abhängig von einem Fernsehsender, der die Geschmackspolizei für Musikvideos spielt.

Kruspe:

Dadurch, dass wir im Osten aufgewachsen sind und da ­gewisse Restriktionen der Freiheit hatten, haben wir nun ein stärkeres Bedürfnis als andere, diese Freiheit auszuleben. Und am Ende des Tages gibt es eben auch hier eine Zensur – nämlich wenn MTV sagt, sie spielen das Video nicht.

Dafür gibt es ja extra eine Fassung, in der die eindeutigen Szenen verfremdet wurden.

Kruspe:

Ich bin kein Freund der zensierten Fassung. Aber es gibt Demokratie in der Band.

Wird viel diskutiert bei Rammstein?

Lorenz:

Und wie. Wir treffen uns jeden Morgen, um zu proben. Daraus wird dann oft ein Plenum, weil keiner morgens schon Lust hat, sich ans Instrument zu stellen und loszuhacken. Jeder Anlass, der sich bietet, wird genommen, um noch sitzen zu bleiben und Kaffee trinken zu können. Also wird jedes Thema aus den Nachrichten sofort aufgegriffen und solange mit sehr gefährlichem Viertelwissen diskutiert, bis keiner mehr was zu sagen hat und wir doch zu proben anfangen müssen. So haben wir alle ­Themen, die es auf der Welt gibt, im Proberaum schon mehrfach durchgekaut.

Inwiefern wird denn die internationale Strategie der Band diskutiert?

Lorenz:

Der Text ist so international, den kannst Du überall auf der Welt spielen und er wird verstanden. Das kann man vielleicht auch Strategie nennen, aber es ist ja nicht alles gleich Strategie, wenn man ein Lied macht, über das sich die Menschen freuen sollen. Das geht doch bis Ägypten so, dass wenn die Leute „Deutschland“ hören, sofort: Ah, Hitler, Mercedes, Autobahn, Bratwurst kommt.

Und neuerdings Rammstein.

Lorenz:

Genau. Aber wenn wir eine Strategie haben, dann höchsten die, dass wir gegen Strategien sind. Wir haben eher immer das Gegenteil von dem gemacht, was empfohlen wurde. Unsere erste Plattenfirma meinte, wir sollten Englisch singen, um internationalen Erfolg zu haben. Da haben wir gesagt: Wir singen nicht Englisch, uns ist das egal, trotzdem wurde Rammstein erfolgreich. Vielleicht gerade deshalb. Denn wenn man etwas zu sehr will, dann klappt es sowieso nicht.

Kruspe:

Wir denken gar nicht so international, wie uns immer ­unterstellt wird. Das ist auch ein Missverständnis: Die Leute glauben, wir wären in Amerika die großen Stars. Aber wir werden dort niemals Mainstream werden, denn die USA sind das einzige Land der Welt, das niemals akzeptieren würde, dass Rockmusik in deutscher Sprache gesungen wird. Wir werden dort immer Kult bleiben und in den großen Städten vor 5.000 Leuten spielen. Aber den Mainstream-Status, den wir in Europa haben, den werden wir da nie erreichen.

Landers:

Mal angenommen, wir hätten eine internationale Strategie: Würden wir dann eine Single machen mit einem englischen ­Refrain, in dem die Wörter „pussy“ und „dick“ vorkommen? Eine Single, die in Amerika auf keinen Fall im Radio gespielt wird? Würden wir das tun, wenn wir strategisch denken würden?

Andererseits klingt „Pussy“ wie eine Botschaft an ein US-Publikum, wenn in den Strophen all jene Signalwörter aufgezählt werden, die man dort mit Deutschland verbindet: Autobahn, Mercedes, Fräulein, Bratwurst, Sauerkraut…

Landers:

Und Schlagbaum.

Das kennen die Amis auch?

Landers:

Alle.

Aber an wen richtet sich der Song? An Euer Publikum in den USA? Oder erzählt er eher von ­Eurem Verhältnis zu Deutschland? Oder vom Verhältnis der Deutschen zu ihrem Land?

Landers:

Der Song erzählt eigentlich alles. [lacht] Das Lied ist meiner Meinung nach recht komplex. Es hat mindestens diese drei Ebenen. Jemand anderes hat sogar gefragt, ob es bei der Zeile „Germany, you’ve got a pussy“ um Angela Merkel geht. [Alle lachen.] Besser kann man es nicht hinkriegen. Schon immer war es doch unser Ziel, alles sehr offen zu gestalten, keine Auslegung vorzugeben, so dass die Fantasie anspringen kann. Unsere Erfahrung ist: Je weniger wir drüber reden, desto besser funktioniert das bei den Einzelnen im Kopf.

Kruspe:

Es gibt eben nicht nur eine Wahrheit. Jeder hat seinen eigenen Blickwinkel. „Pussy“ ist aber vor allem ein Song, der überall verstanden wird. Für mich ist das ein reiner Party-Song.

Keine Botschaft ans deutsche Publikum?

Lorenz:

Kann sich jeder selbst ausdenken. Das ist ja auch ein Spiel mit dem Interpretationswahn, mit dem wir verfolgt werden. Wir wollen den Leuten Futter geben. Die sollen etwas bekommen, mit dem sie sich beschäftigen können. Denn sie brauchen das. Die wollen nichts Vorgekautes haben. Sie wollen ein Lied selbst für sich entdecken, wollen das Geschenk selbst auswickeln. Deshalb sind die Texte auch so, dass sie nicht klipp und klar in eine Richtung deuten, sondern dass man was zu essen hat. Man ist leicht geneigt, das Publikum zu unterschätzen. Aber das beschäftigt sich so intensiv mit den Texten, dass sie oft bessere Antworten haben als wir.

Die Botschaft von „Mehr“ ist aber ziemlich eindeutig. „Ich werde nie satt, es ist besser, wenn man mehr hat“, heißt es in dieser ­Aufarbeitung der Gier, die die ­Finanzkrise ausgelöst hat.

Landers:

Ist das nicht toll? Das passt wie die Faust aufs Auge. Nur war das Lied schon vor der Finanzkrise geschrieben. Wir sind nicht vordergründig politisch, das ist uns zu platt. Wir sind nicht die Parolen-Klopfer. Auch dieser Text ist nicht politisch gemeint, sondern eher biologisch, aber wie gut der passt, das ist wirklich verrückt. Es ist wohl so: Wir spiegeln die Gegenwart, weil wir in diesem Land leben und unsere Erfahrungen reflektieren.

Lorenz:

Das klingt jetzt blöd, aber wir halten den Leuten schon den Spiegel vor.

Ihr seid also gar nicht die bösen Buben der Nation, wie alle glauben, sondern eher die Mahner?

Landers:

Ja, das sind wir schon ein bisschen. Die Menschen brauchen so was wie Rammstein. Wir helfen Deutschland dabei, sich von der Geschichte zu erholen. Auch wenn die Nation das nicht so gern hat, weil wir dabei den Schlamm aufwirbeln, damit es danach klarer wird? Nee, das ist Quatsch. [lacht] Schlechter Vergleich.

Indem Ihr mit „Mein Teil“ einen umstrittenen Song über den Kannibalen von Rotenburg schreibt oder jetzt mit „Wiener Blut“ einen über Josef Fritzl?

Lorenz:

Natürlich könnte man sagen: Das Lied über Fritzl ist auch mal wieder eine Provokation. Aber für mich ist das ein Lied über Fritzl. Und wer sollte so ein Lied machen, wenn nicht wir?

Seht Ihr ernsthafte Konkurrenten für den Job als böse Buben?

Lorenz:

Nein, das können nur wir. Denn jeder andere würde sich blöd vorkommen in unserer Rolle. Also übernehmen wir das – sonst will ja keiner mehr böse sein. Denn da muss man alles machen, was eklig ist, aber das mit großer Geste und hart an der Peinlichkeit. Das will niemand, denn alle wollen vor allem cool sein. Der Böse ist zwar seit Mephisto immer der Faszinierende und die anderen möchten vielleicht auch böse sei, aber nicht mit allen Konsequenzen bis an den Rand der Lächerlichkeit.

Kein Interesse mehr an einem positiven Image?

Lorenz:

Das Bild in der Öffentlichkeit kann man sowieso nicht kontrollieren.

Landers:

Es ist leichter, mit seinem Image zu leben, als zu versuchen, ein Image zu ändern. Das Image, das wir uns erschaffen haben, das haben wir nun mal. Aber das ändert ja nichts daran, wie wir wirklich sind. Wenn ich morgens aufstehe und mir die Zähne putze, bin ich Paul Landers, auch wenn die Leute glauben, ich sei ein schwuler Nazi. Wir haben gelernt damit zu leben, was die Leute von uns denken. Aber das hat gedauert: Am Anfang haben wir sehr darunter gelitten, missverstanden zu werden. Ob das nun daran lag, dass Deutschland noch nicht reif für uns war oder wir zu weit vorgeprescht waren? Vielleicht haben wir auf der Suche nach unserer Identität ein paar Türen geöffnet, die man besser zulässt.

Das Gespräch führte Thomas Winkler

"Liebe ist für alle da", haben Rammstein ihr neues Album getauft. Was die Berliner Rockband halt so unter Liebe versteht: Exemplarisch ist die erste Single Pussy, in der Sänger Till Lindemann in einem eigentlich englischen Text Signalwörter aus deutschen Klischees von Autobahn bis Bratwurst aneinander reiht, um im Refrain lustvoll aufzustöhnen: Take me now, oh dont you see/I cant get laid in Germany. In anderen Song-Texten wird Stacheldraht in eine Harnröhe eingeführt, glänzen schöne Leiber in der Sonne, und blutet jemand fürs Seelenheil.

Provozieren ist seit der Gründung der Band im Jahr 1994 Geschäftsprinzip. Inzest (Spiel mit mir), Nekrophilie (Heirate mich) und nazistische Ästhetik (Stripped) wurden ebenso verarbeitet wie der Kannibale von Rotenburg (Mein Teil). Vor allem das Spiel mit Nazi-Ästhetik erregte die Gemüter. Martialisches Auftreten und das rollende R in Lindemanns Gesang sorgte für Verunsicherung. Höhepunkt war der aus Riefenstahl-Filmmaterial montierte Videoclip zu Stripped. Danach aber stellten die aus dem Punk-Umfeld stammenden Musiker mit dem Song Links 2-3-4 klar: Das Herz am rechten Fleck, doch es schlägt links.

Das Grundprinzip der Band bleibt trotzdem die Provokation. Allerdings lässt die sich auf dem neuen Album auch lesen als poetische Auseinandersetzung mit allen, mitunter eben auch abseitigeren Formen der Liebe der Liebe zum Mammon (Mehr), der verschmähten Liebe (Liebe ist für alle da), der schmerzhaften Liebe (Ich tu Dir weh) und selbst der romantischen Liebe (Frühling in Paris). Dabei offenbart Sänger Lindemann dichterisches Geschick und verballhornt deutsche Klassiker: Zwei Seelen, ach, in meinem Schoß. Schlagzeuger Christoph Schneider, Keyboarder Christian Flake Lorenz, Bassist Oliver Riedel und die beiden Gitarristen Paul Landers und Richard Kruspe unterlegen das martialische Schmachten mit Metal-Gebolze. Dass Rammstein mit dem selbstironischen Brachialrock zum erfolgreichsten deutschen Popexport neben Tokio Hotel aufgestiegen sind, dürfte als besonders guter Witz in die Geschichte der populären Musik eingehen. tw

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12:55 22.10.2009

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