Adriane Seliger
21.02.2009 | 10:40

Achtung, die Bagger rollen

Ökoblog Adriane Seliger schreibt wegen der Konjunkturkrise einen Brief an die Mopsfledermaus und rät ihr zur Selbstanzeige beim bayerischen Umweltminister Markus Söder

Liebe Mopsfledermaus,

du dachtest bestimmt, du hättest das Schlimmste hinter dir, als Kurt Beck vom SPD-Vorsitz geschasst wurde. Das war nicht nett, dass der dich in den Bundestagswahlkampf 2005 reinzog und sagte, er werde keinen „Mopsfledermaus-Wahlkampf“ machen. Danach musste jeder kleine Provinzpolitiker vom Vorsitzenden der CDU Emsdetten bis zu Roland Koch versichern, wie egal du ihm bist und wie sehr das gar nicht geht, dass du so viele Arbeitsplätze am Flughafen Hahn verhinderst. Das war nicht schön. Und deshalb kann dir auch niemand die Genugtuung bei den Fernsehbildern verdenken, als Beck wie ein kleiner quadratischer Giftzwerg mit Igelfrisur zum Hintereingang des Hotels am Schwielowsee stürmte.

Aber glaube ja nicht, du könntest jetzt in Frieden irgendwo vom Waldbaum hängen. Du hast ja keine Ahnung, welche Bedeutung du für die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft hast. Da ist jetzt auch das Bundeswirtschaftsministerium drauf gekommen, das kürzlich herausfand, dass es die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie gibt. Und die finden die doof. Teure, zeitraubende Umweltverträglichkeitsprüfungen, die laden zum Missbrauch ein, zitiert „Focus“ aus einem Vermerk des Ministeriums. Jeder könne mit nicht nachgewiesenen Behauptungen auf Vorkommen seltener Spezies insbesondere Verkehrsinvestitionen blockieren. „Beliebte ‚Phantomtiere’ seien die sehr scheue Haselmaus, der Feldhamster und die Mopsfledermaus.“ Da hast du’s. Die halten dich für eine Erfindung.

Trotzdem findet das Wirtschaftsministerium, dass wir uns dich angesichts der Krise nicht mehr leisten können. Du musst nämlich wissen, dass ein paar Typen in New York und Frankfurt beschlossen haben, eine Billion Euro zu vernichten, vielleicht auch ein paar Euro mehr. Und deshalb müssen wir jetzt in Deutschland Straßen bauen, damit alles wieder gut wird. 11,2 Milliarden Euro sollen allein in diesem Jahr in Verkehrswege investiert werden, davon 5,75 Milliarden in neue Straßenprojekte.

Da können deine Freunde vom NABU lange wettern. „Immer wenn der Politik nichts Cleveres einfällt, betoniert sie die Landschaft mit neuen Straßen zu“, meinte NABU-Verkehrsexperte Dietmar Oeliger neulich und erinnerte daran, dass wir schon das dichteste Straßennetz der Welt haben. Und der Deutsche Bauernverband regt sich auf, dass bundesweit täglich immer noch 113 Hektar grüne Wiese neu bebaut werden. Wo doch die Bundesregierung schon vor Jahren versprach, dass es nicht mehr als 30 Hektar sein sollen. Wer will schon in so unsicheren Zeiten eine ekligbraungrüne Wiese sehen, wenn er stattdessen eine strahlendschöne, frische Asphaltpiste haben kann? Lasst die Bagger rollen!

Nur du, liebe Mopsfledermaus, bist jetzt noch im Weg. Du bist das letzte Hindernis vor der totalen Sanierung der Weltwirtschaft. Sag nicht, jetzt, wo der Minister Michel Glos weg ist, habe sein Ministerium andere Probleme, als sich gerade mit dir zu beschäftigen. Weißt du, es dauert wahrscheinlich nicht mehr lange und der bayerische Umweltminister Markus Söder kommt dir auch noch auf die Schliche. Das war der, der gerade zum Wohle der deutschen Großindustrie das Umweltgesetzbuch und damit bundesweit einheitliche Umweltstandards verhindert hat. Du denkst sicher, die Integrierte Vorhabengenehmigung im Umweltgesetzbuch kann dir wurscht sein, das sehen ungefähr 99,7 Prozent deiner Mitbewohner in Deutschland genauso. Aber warte mal ab, wenn die Herren Planierer und Betonierer erstmal ihr Vergaberecht auf DSL-Geschwindigkeit beschleunigt haben und jedes Bundesland die Investoren mit den niedrigsten Umweltvorgaben lockt, da könnte es ungemütlich für dich werden.

Deshalb würde ich dir die Selbstanzeige und ein Umsiedlungsprogramm vorschlagen. Du wirst einsehen, dass in Krisenzeiten jeder seiner nationalen Verantwortung gerecht werden muss. Wenn die Bagger wieder weg sind, kannst du dir immer noch ein gemütliches Plätzchen unter der Dachrinne der Straßenmeisterei suchen. Freier Blick auf den Fernseher im Aufenthaltsraum. Vielleicht kannst dann zugucken, wie Markus Söder mit seinen Kindelein durch die unberührte Natur Oberfrankens streift. Gleich neben dem neuen Autobahnanschluss.

Deine Adriane Seliger.