Achtung: Stille Nacht!

Berliner Abende Kolumne

Ich kaufe mir eine Nikolausmütze. Eine flauschige, kuschlige. Die ich schon immer haben wollte. Und ich kaufe sie auf dem Weihnachtsmarkt. Die Verkäuferin lächelt mit halben Zähnen, während um mich herum das Inferno des Weihnachtsrummels tobt und alle Unschuldigen mit sich in die Hölle zu reißen droht. Ich solle nicht die Mütze nehmen, die draußen an ihrer zusammengezimmerten Bruchbude hängt, rät sie, sondern eine original verpackte. Die wäre nämlich nicht schon von einem Dutzend Bälgern mit ihren Zuckerwatte-Bratäpfel-Fingern begrapscht worden. Das ist doch mal ein echter Gesundheitshinweis. Ich stecke mir eine Zigarette an und sehe die Warnung "Rauchen verursacht Impotenz". Wenn ich mir den Trubel so anschaue, finde ich, alle sollten öfter mal rauchen.

Oh du Fröhliche! - Jetzt sieh dir den armen alten Weihnachtsmann an, der mit einer Schnaps-Pulle am Hals versucht, hinter der Eisbahn unter eine Tanne zu pullern. Süßer die Glocken nie klingeln. Es ist gar nicht so einfach, in diesen Zeiten einen Job zu finden, bei dem man sich für ein paar Euro Fuffzig so richtig entwürdigen kann. Oder doch?

Wo sind denn die Warnhinweise, die man hier wirklich braucht? Der Verzehr dieser gebrannten Mandeln verursacht Übergewicht und einen frühen Herzinfarkt. Die offene Chinapfanne mit Pilzen von gestern und einer ordentlichen Ladung Gammelfleisch schädigt Ihr Gehirn und macht Lust auf mehr. Das Beobachten der Besucher des Weihnachtsmarktes verursacht eine Sozialphobie und schwere Zweifel an der Existenz intelligenten Lebens. Weg hier!

Ich brauche noch ein Geschenk - für ihn. Das Schaufenster, auf das ich im Gedränge pralle, weiß Rat. "Für Ihn" bedeutet Rasierer, Schlips und elegante Kugelschreiber. Ich kann mich kaum bremsen, nicht auch noch einen Bleistiftanspitzer dazu zu kaufen. "Für Sie" bedeutet Dessous und Parfüm. Also doch wieder "für Ihn", oder was? Macht hoch die Tür, die Tor´ macht weit! Das Betreten dieses Kaufhauses verursacht schwere finanzielle Schäden.

Der bedauernswerte Mann hinter dem Parfümschalter muss sich schon genau so heftig schminken wie seine Kollegin, die mit eingefrorenem Lächeln einer Dame verkündet: Sie können das tragen, bei Ihrem Gesicht. Ist es erlaubt, so dreist zu lügen an Weihnachten? Der Glaube an Verkäufergeschwätz verursacht öffentliche Demütigung. Und die Arbeit hinter einem Parfümtresen irreparable Kiefersperre. "Schnuppern Sie doch mal, wie das duftet!"

O Gott, ich schwitze. Hier drinnen ist es warm. Ein bisschen zu warm.

Unter dem zu Tode behangenen Weihnachtsbaum sitzt ein weiterer Nikolaus und lacht fröhlich "Ho Ho Ho", während ihm nervöse Kinder auf den Schoß tröpfeln und die Eltern verzückt durch den Sucher ihrer Digitalkamera lächeln. Die Kamera gibt´s in der "Für Ihn"-Abteilung gleich neben den Massenvernichtungswaffen und profitablen Jobs in Aufsichtsräten, sowie "Inzest", dem Spiel für die ganze Familie. "Für Sie" haben wir in diesem Jahr Selbstachtung im Angebot, noch original verpackt und bestimmt unbenutzt. Für die anspruchslose Dame im gehobenen Posten des politischen Alltagsgeschäftes bieten wir in der dritten Etage zusätzlich noch Grazie, staatsweibliches Auftreten und großstädtische Umgangsformen an.

Ich hätte so wahnsinnig gern einen grünen Weihnachtsmann von After Eight, aber der ist schon ausverkauft, verdammt. Mir wird immer wärmer, ich muss mich entkleiden.

In Unterhose und mit Nikolausmütze durchstreife ich die Schlemmerabteilung. Hier wird die "Kanzlergans" angeboten, dabei sieht sie gar nicht aus wie Frau Merkel. Ich bin enttäuscht. Die Karpfen im Aquarium glotzen mich blöde an. Wie gern würde ich tauschen. Ein kurzer Schlag mit dem Hammer, und aus ist es mit der gnadenbringenden Weihnachtszeit.

Es wird ein bisschen voll, und nach einem kräftigen Schubser lande ich kopfüber in der liebevoll aufgebauten Plastik-Krippe. Ein Plüsch-Esel wiehert mich an, und da sind auch schon die drei weisen Verkäufer aus dem Kaufland und bringen mir ihre Gaben, beziehungsweise präsentieren mir Proben von pappigem Mohnstollen aus der Lausitz.

Das fünfte Obergeschoss lockt mit Sprüngen von der Galerie, bis ganz nach unten auf den weihnachtlich verzierten Steinfußboden - für sie und für ihn, gratis, allerdings ohne Umtauschrecht. Ich schwinge mich über die Brüstung und lasse mich fallen. Jetzt wird es endlich ein bisschen kühler, und der Aufprall gleich neben den handbemalten Christbaumkugeln ist gar nicht so hart, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ihr Kinderlein kommet, aber habt keine Angst, ich bin nur der kleine Schockeffekt, der euch das Fest so richtig vermiesen wird. Jetzt richten die Digitalkameras "für ihn" sich auf mich. Langsam gehen bei mir die Lichter aus, dies wird eine wahrlich stille Nacht. Oder um es mit den ewig weihnachtlichen Worten von Frank Capra zu sagen: Ist das Leben nicht schön?


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00:00 23.12.2005

Ausgabe 39/2020

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