Ade, Oper

Linksbündig Die Oper Unter den Linden war ein Remigrantenprojekt

Angenommen, die DDR hätte in den fünfziger Jahren das Berliner Schloss wiederaufgebaut. Herrschten dann wohl Friede und eitel Freude am heutigen Platz? Kaum, natürlich wäre auch das ein gehöriges Skandalon: Arbeiterbarock, roter Plüsch, Blattgold und kalter marmorner Bombast würden die Exekutive nicht ruhen lassen, ehe nicht das teuere Baudenkmal in ein zeitgemäßes, feines Stück Avantgardearchitektur verwandelt wäre. Der Leser, dem das zu absurd erscheint, wende sein Augenmerk getrost auf die aktuellen Planungen für die fällige Sanierung der Staatsoper Unter den Linden. Die hat, gewissermaßen als Abfindung für sein vergebliches Engagement um das Berliner Schloss, Richard Paulick wieder aufbauen dürfen, der zum Bauhausumfeld gehört. Allerdings war die Entscheidung für die aufwändige Rekonstruktion auf der Königsebene gefallen. Bei einem von Wilhelm Pieck für den nach Amerika emigrierten ehemaligen Generalmusikdirektor Erich Kleiber ausgerichteten Empfang hatte dieser signalisiert, er sei für eine Rückkehr zu seinem Berliner Orchester aufgeschlossen - wenn er in dem alten, von den Spuren der Nazis gereinigten, Hause dirigieren könnte. Nachdem er den staatsführenden Remigranten der DDR die überragende Bedeutung der vormaligen Staatsoper für die internationale Musikwelt erörtert hatte, stand fest, dass der aus der chinesischen Emigration heimgekehrte Paulick einen delikaten Planungsauftrag erfüllen musste: In einem außen von Knobelsdorff gestalteten Haus, wünschte sich Erich Kleiber den Langhans´schen Saal zurück. Während der fortwährend übermitteln ließ, er wolle ausdrücklich seinen alten Opernsaal wiederhaben, gab schließlich der österreichische Intendant der Komischen Oper Walter Felsenstein das entscheidende Argument. Er machte geltend, dass, wenn außen, dann auch innen Knobelsdorff - und nicht Langhans - gebaut werden müsste. Wie auch immer: Die festliche Einweihung des im Diskurs der Remigranten aus allen Himmelsrichtungen wieder gewonnenen Opernhauses wurde am 4. September 1955 mit Richard Wagners Meistersingern feierlich begangen. Die Premiere wurde von Radio Moskau, BBC London und Stationen in Paris, Warschau, Budapest, Prag direkt übertragen und große internationale Zeitungen sprachen von einem kulturellem Ereignis von erheblichem geschichtlichen Rang. Einen Monat später, am 1. Oktober, dem chinesischen Nationalfeiertag, wurde in Peking das mit technischer Unterstützung der Berliner Fachleute neu errichtete Schauspielhaus eingeweiht - das sich zu .seinem Berliner Partnerhaus als Vorbild bekannte. Auch München, Hamburg, Wien schlossen sich dem Rekonstruktionsgedanken an. Am Ende ist unter den sämtlich aus dem Exil zurückgekehrten Wiederbelebern der alten Staatsoper noch Stefan Heym zu gedenken, der for american intelligence tätig gewesenen war. Sein Verdienst war, den schier übermenschlichen Druck auf Architekten und Planer des Opernprojekts und die extrem schlechten Arbeitsbedingungen der Bauausführenden bemerkt und in gewerkschaftlichen Diskursen zur Sprache gebracht zu haben. Seit seiner erstmaligen Intervention in Baustellenangelegenheiten wurde es in der DDR Tradition, den Maurern und Stahlflechtern, den Lichtarchitekten und Orgelbauern, dem Saalburger Marmorwerk oder dem Seidensticker sowie allen zweihundert Stukkateuren die erste Vorstellung im jeweils neuen Haus zu widmen. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Statt Respekts vor den Leistungen der Nachkriegszeit hat sich mittlerweile umfassende Überheblichkeit durchgesetzt und zu dem Konsens beigetragen, in der gebauten Welt grundsätzlich alle historischen Eintragungen des sozialistischen deutschen Staates überschreiben zu müssen. Diesmal ist Paulicks Zuschauersaal auf der Abrissagenda. Adé all ihr buckligen Exilanten mir euren Träumen von einer anderen deutschen Wirklichkeit! Wir machen zwar alles besser, aber nicht annähernd gut.

Simone Hain

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