Adel vernichtet

Standesdünkel Auch wenn sie es bestreiten: Aristokraten fühlen sich anderen überlegen. Zu solchen Leuten wollte ich nicht gehören - und erlebte, was "adlige Werte" in Wahrheit bedeuten

Es war im Jahr 1981, als mich die beiden CDU-Abgeordneten Alexandra Prinzessin von Hannover und Helga Gräfin Haller von Hallerstein am Rand einer Parlamentssitzung zur Seite nahmen. Ihre Gesichter waren streng, ihr Ton pikiert, ihre Worte voller Dünkel. Sie warfen mir vor, die „Standesregeln“ sowie die „Ehre“ meiner Familie zu verletzen. Ich war für die Grünen in den Frankfurter Römer gewählt worden und glaubte mich zurückversetzt in den Adelsverband und das Internat.

Ende der Siebziger hatte ich das „von“ aus meinem Namen gestrichen und bestand nun auch im Frankfurter Rathaus auf der veränderten Anrede. Damit hatten die beiden Frauen aus vom Adel-und-Banken-Flügel der CDU-Fraktion Probleme. Sie empfahlen mir allen Ernstes, meinen Namen ganz abzulegen, damit ich dem „Stand“ und meiner „Familie“ nicht weiter Unehre zufügte.

Des deutschen Adels Erbfeind waren stets das republikanische Frankreich, die Russische Revolution sowie die niedergeworfene deutsche Novemberrevolution – allesamt „jüdisch-bolschewistische“ Verschwörungen „Fremdrassiger“. Eine Bedrohung der ökonomischen Interessen und der Privilegien des Adelsstandes. Der alte Adel hat in seiner tausend Jahre dauernden Geschichte vorzugsweise inneradlig geheiratet. Es ist die Ausnahme, wenn zwei der heute etwa 80.000 bis 120.000 „Adligen“ nicht miteinander verwandt sind. Die „Familie“ – gemeint ist stets der adlige Großverband und nicht die bürgerliche Kleinfamilie –, die es von „Bolschewisten“ und „Fremdrassigen“ reinzuhalten gilt, ist also immer auch die eigene. Das verbarg sich hinter dem Geplapper der beiden Damen, auch wenn es ihnen selbst verborgen blieb.

Lauter seltsame Einzelfälle

Was ich seit 1990 beobachte, halten manche Linke immer noch für skurrile Einzelfälle. Aber sie sollten sich umschauen: Berliner Reaktionäre diskutieren über ein neues Schloss. Linke schicken ihre Kinder in Privatschulen. Frankfurts Oberschicht baut sich im Bündnis mit Geschäftstüchtigen und wild gewordenen KleinbürgerInnen eine nagelneue Altstadt samt Rekonstruktion des alten Krönungswegs! Das soll diejenigen beruhigen, denen längst angesichts der sozialen und ökologischen Verrohung ihrer Stadt mulmig geworden ist.

Einige meinen, die Begeisterung für den Adel sei nichts als ein Medienhype, der dadurch gefüttert wird, dass viele Menschen sich nach Führungsfiguren sehnten, die über dem parteitaktischen Tagesgeschäft zu schweben scheinen. Ja, hinter der Schwärmerei für den adligen Zinnober verberge sich gar die Suche nach positiven Werten. Aber wozu suchen und warum ausgerechnet dort? Solidarität, soziale Gleichheit, Emanzipation – diese Werte liegen doch offen da. Dass sie nicht gewählt werden, ist eine Sache von Interesse und Entscheidung. Wahrscheinlich liegt es auch am autoritären Denken und am deutschen Untertanengeist, der immer auch die Bereitschaft einschließt, sich und andere zu unterwerfen – unter eine traditionsreichere Obrigkeit. Wilhelm Zwo statt Westerwelle, Guttenberg statt Rösler.

Und um welche positiven Werte handelt es sich? Seit Jahren biete ich vergeblich eine Wette an: dass es in der Geschichte keinen einzigen Fall einer Nobilitierung gab, der eine humanistische Prüfung überstünde. Immer war die Erhebung in den Adelsstand der Dank eines Herrschenden für Raub, Mord, Niedertracht oder zumindest für effizientes Hofschranzentum. 200 Jahre nachdem meine Vorfahren in Pommern Slawen und Sorben „missionierten“, schien es dem durch Kriege, Kreuzzüge und Wegelagerei reich gewordenen Adel im 14. und 15. Jahrhundert angesichts blühender Städte und eines durch Handel wohlhabenden Bürgertums angeraten, die Bauern noch mehr auszupressen. Sie raubten ihnen Freiheit, Land und die Früchte ihrer Arbeit.

Die Bauern erhoben sich im 16. Jahrhundert gegen ihre Peiniger, um am Ende massakriert zu werden. Die Überlebenden erlitten die Leibeigenschaft erneut, vormals freie Bauern wurden „gelegt“, enteignet und versklavt, ihre Frondienste in neue Dimensionen gesteigert. Auf dem Land herrschten Patrimonialgerichtsbarkeit, Stock und Peitsche regierten. Erst drei französische Revolutionen – 1798, 1830, 1848 – und eine unvollendete deutsche – 1848 – brachen in die deutschen Zwangs- und Gewaltverhältnisse ein. Mein Urgroßonkel Börries Freiherr von Münchhausen schrieb 1924 im Deutschen Adelsblatt: „Wenn Adel einen Sinn und Wert haben soll […] so kann es nur dies sein: Menschenzüchtung.“ Durch jüdische Ahnen „rassisch verunreinigten“ adligen Familien empfahl er die Ablegung des Adeltstitels. Als ich 2003 der sächsischen Stadt Kohren-Sahlis empfahl, den Antisemiten Münchhausen nicht zu ehren, beschimpfte man mich als „Nestbeschmutzerin“, die nicht legitimiert sei, „an Land und Leuten Rufmord“ zu begehen. Die Nachfahren der massakrierten Bauern haben kein Bewusstsein ihrer Herkunft mehr, der Adel aber kennt seine genau – die wirkliche und ihre Mystifikation.

Nützliche Märchen

Einer der erfolgreichsten Mythen ist der vom adligen Widerstand gegen die Nazis. Dabei war die Zahl der Adligen, die die Juden nicht verabscheuten und die Weimarer Republik nicht auf den Scheiterhaufen wünschten in Wahrheit winzig. Marion Gräfin Dönhoff war die einflussreichste Märchentante des 20. Juli und außerordentlich nützlich. Als die bürgerliche Feministin Alice Schwarzer ihr eine untertänige Biografie widmete, war das Projekt abgeschlossen – Emanzipation auf deutsch.

Der Adel ist eine Kaste, die glaubt, sie sei durch Geburt und Tradition anderen Menschen überlegen – auch wenn ihre Angehörigen dies in der bürgerlichen (!) Öffentlichkeit bestreiten. Die Einbildungen über den Adel taugen – vermehrt seit 1990, als wieder Bauernland in adlige Erbenhand geriet – bürgerlichen Eliten als Quelle der Distinktion. Sie schicken ihre Kinder in Etikettekurse und Privatschulen, auf dass sie sich nicht mit dem „Pöbel“ gemein machen. Dort geht es nicht um Solidarität, soziale Gleichheit, Emanzipation, sondern um Beziehungen, Netzwerke und soziale Abgrenzung. Genau darin liegt heute der Nutzwert des „Adels“ für das sozial verrohende Bürgertum. Die Erziehung zu „adligen Werten“ ist immer eine, die mit Elitedenken, sozialer Ignoranz, Blut und Rassismus verbunden ist. Es gibt sie nicht anders.

Jutta Ditfurth hieß einmal Jutta Gerta Armgard von Ditfurth und verzichtete Ende der siebziger Jahre auf den adligen Namensteil. Vor wenigen Wochen wurde die Publizistin und Soziologin erneut für die Wählervereinigung Ökolinx in den Frankfurter Römer gewählt. Kürzlich erschien von ihr: Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun: Die Grünen, Rotbuch 2011, 288 S., 14,95

08:00 28.04.2011

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