Adelita & Adelito

Die mexikanische Grenzstadt Tijuana Wo man fast alles dürfen darf

Fällt in dieser Stadt der Name Revolución, denkt jeder sofort an Table Dance, Discotheken, Kitschläden, Taco-Stände und die Casa Adelita, das berühmteste Bordell an der Avenida Revolución. Es gibt keinen Touristen aus den USA, der den blanken Betonklotz mit seinen fünf Stockwerken und enormen Kapazitäten nicht kennt oder wenigstens davon gehört hat. Allenthalben klären in Tijuana Plakate den Unkundigen weiträumig über die "Adelitas" auf und zeigen dunkelhaarige Cowboy-Mädchen mit Zöpfen und Patronengurten über entblößten Brüsten.

An der engen Pforte des Adelita gibt es sogar einen Polizisten, der die Gäste kontrolliert: Jungs in HipHop-Klamotten, Bürohengste nach Feierabend oder Familienväter kurz vor der Heimfahrt nach San Diego. Drinnen, in der Bar, lädt ein Spruch zum Palavern und eine Hand zum Hinsetzen. Auf jeden scheint die passende Begleiterin zu warten: dick, dünn, dunkel, asiatisch, aufreizend, anständig, elegant, schuluniformiert, prall, dezent. Besonders beliebt sind der schlanke Carmen-Typ in schwarzem Rock und die indígene Mexikanerin mit Barbie-Top. 60 bis 70 Damen warten auf ihre Klienten, die einmal pro Woche aus San Diego, Fontana oder Los Angeles herüber kommen und in der Regel Wiederholungstäter sind. Doch als Opfer ihrer Freier fühlt sich keine der "Adelitas", der Verdienst ist viel zu gut, der Job viel zu begehrt, als dass mit einer Beschwerde der Rausschmiss riskiert würde.

Während eine mexikanische Fabrikarbeiterin pro Woche durchschnittlich 75 Dollar verdient, gehen in Tijuana 60 Dollar pro Auftritt an die Dame. Das heißt, im Adelita verdient eine Prostituierte von heute abend bis morgen früh das Dreifache einer Arbeiterin.

Draußen springen den "Adelitos" sofort Taxifahrer entgegen: "Yu guan a taxi? Too de borda mei friend?" Zwei Blaskapellen treten in Wettstreit und spielen so laut, als ob sie einander abgrundtief hassen würden. Wo ihr presto agitato durch die Nacht schallt, spiegelt sich das Blaulicht der Polizeiwagen in den vom Regen feuchten Palmenblättern, bekommt ein Bettler seinen Tritt, warten Taco-Verkäufer auf Kundschaft und ein paar Muchachos auf einen Freund, der drinnen Erfahrungen sammelt.

Mädchen aus Veracruz

Nur zwei Straßenzüge unterhalb der Kathedrale von Tijuana, wo tagsüber die Schüler auf dem Heimweg ihre Busse wechseln, blinken ab 19 Uhr die Neonröhren entlang der berühmten Coahuila, der lebhaftesten Puffstraße von Tijuana mit 30 Bordellen und einem nicht abreißenden Straßenstrich auf etwa 400 Metern. Laut Städtischem Gesundheitsamt gibt es 4.555 gemeldete Prostituierte in der Stadt, doch die Zahl derjenigen, die keinen Gesundheitspass besitzen und sich nicht regelmäßig ärztlich untersuchen lassen, dürfte um das Dreifache höher sein.

Das Mädchen ganz oben an der Coahuila ist erst seit zwei Monaten in Tijuana. Schüchtern und mit kindlichem Lächeln spricht sie vorbeilaufende Männer an: "Pásate! Ven! Cuesta veinte dolares." Wer auf der Straße anschafft, kassiert in der Regel 20 Dollar, fünf Dollar mehr kostet das vollständige Entkleiden, dazu kommen noch einmal fünf Dollar für das Zimmer im Stundenhotel, sofern das gewünscht wird. Wie die meisten auf der Coahuila ist Luisa Amanda untersetzt und von sehr dunklem Teint. Einen Platz im "Adelita" würde sie nie bekommen, so schlägt sie sich auf eigene Rechnung durch, hat keinen Schutz und wenig Hygiene.

Zusammen mit ihrer besten Freundin kehrte die 22-Jährige vor sechs Monaten ihrer Heimatstadt Veracruz den Rücken, um nach Guadalajara zu gehen und dort in einem Schuhgeschäft zu arbeiten. Das war die Geschichte für die Mutter. Anstatt wie versprochen Guadalajara anzusteuern, entschied sich Luisa Amanda für Tijuana und landete in einem billigen Motel. Das Geld wurde bald knapp, ohne Ausbildung und ohne Bekannte in der Stadt ließ sich keine Arbeit finden. Nach drei Wochen sprach die Freundin begeistert von einer einfachen Verdienstmöglichkeit. Seitdem steht Luisa Amanda jeden Abend an ihrer Kreuzung. Was sie verdient, wird für das Zimmer gebraucht, für Kleidung und Essen.

Kein Einzelfall. In dem mexikanischen Spielfilm Santísimas ("Die Oberheiligen") glaubt eine Mutter ihre Tochter im fernen Tijuana verschollen. Ursprünglich war die in die glitzernde Stadt aufgebrochen, um Arbeit zu finden. In großer Sorge um das Schicksal ihres Kindes folgt die Mutter. Im Bus kommt sie mit der Nachbarin ins Gespräch. "Wohin fahren Sie", möchte die Mutter wissen. "Nach Tijuana, natürlich", bekommt sie zu hören und fragt weiter: "Und wozu fahren Sie dorthin?" - "Wozu wir Frauen alle nach Tijuana fahren."

Ein paar Wochen später steht Luisa Amanda nicht mehr an ihrem Platz oben in der Coahuila. Auch weiter unten ist sie nicht zu finden. Vielleicht hat das Geld inzwischen für eine Rückkehr nach Veracruz gereicht. Vielleicht auch nicht einmal mehr für ihr billiges Motel.

Anders als die südmexikanischen Frauen auf der Coahuila mit ihrem dunklen Teint ist die Nordmexikanerin Ehaín hellhäutig, schlank und auffallend groß. Sie erinnert an Pipi Langstrumpf, nur trägt sie statt der rot-weißen Wollstrümpfe schwarze Lederstiefel, die ihr ebenfalls bis über das Knie reichen. Ehaín bewegt sich darin wie ein Mädchen, das die Kleider seiner Mutter anprobiert hat. Schlaksig geht sie auf und ab, ihre beiden Zöpfchen wackeln hin und her. Ehaín lächelt nicht wie Luisa Amanda. Ehaín geht mit einem Grinsen auf ihre Kunden zu und zeigt dabei ihre Zahnspange.

Seit zwei Monaten arbeitet sie im Hongkong, hat zwei bis drei Tänze pro Abend, sitzt ansonsten herum und wartet auf "interessante Gäste". Wer das sein darf, entscheidet Ehaín. Gefällt ihr einer, lässt sie sich einladen, fast immer zum Tequila. Die Getränke für die Stripperinnen - sei es Wasser oder Tequila - kosten sieben Dollar. Vier Dollar davon gehen ans Haus, drei an Ehaín. Je mehr sie trinkt, desto rentabler wird sie für das Lokal und sich selbst. Natürlich mache es ihr Spaß zu tanzen, für das Angrapschen hinterher gäbe es ja die Scheine, und das Ausziehen vor ihrem Publikum störe sie überhaupt nicht.

Mit 17 Jahren fing sie an zu strippen. Schon damals in Mazatlán, ihrer Heimatstadt, 20 Autostunden von Tijuana entfernt. Eigentlich war sie Kindergärtnerin, aber sie wollte mehr. Über ihren damaligen Freund bekam sie den Job bei einem Table Dance, doch war die Bezahlung unregelmäßig. In Tijuana sollte alles besser werden. So kam Ehaín vor fünf Monaten hierher - mit dem Einverständnis ihrer Mutter. 20 Jahre sei sie alt, fast jedenfalls. Inzwischen verdiene sie im "Hongkong" soviel, dass sie alle zwei bis drei Wochen ihre Familie besuchen und mit dem Flugzeug nach Hause fliegen könne.

Irak-Kämpfer Dohan

Im Jahr 1900 zählt das mexikanische Grenzdorf Tijuana laut offizieller Statistik 242 Einwohner. Ein jämmerliches Örtchen an der Grenze zu den USA, das erst mit der Zeit der Prohibition innerhalb weniger Jahre zur Kleinstadt aufsteigt, in der das Wetten und Trinken nicht verboten sind. Die Leute aus San Diego oder Fontana weichen gern ins nahe Tijuana aus. Eine Anekdote erzählt von einem Boxkampf, der einmal direkt an die Grenze verlegt wird. Die besteht seinerzeit nicht wie heute aus einem monströsen Metallzaun mit Stacheldraht, sondern kommt mit einem weißen Kreidestrich aus. Also riskieren die Jünger des Boxsports lediglich einen Schritt, stehen auf mexikanischer Erde, schließen ihre Wetten ab und genießen bei Bier und Tequila den Kampf auf der anderen Seite.

Mit dem Geld und den Besuchern aus den USA entstehen und rentieren sich Casinos, Bars und Bordelle. Al Capone ist einer der ersten, der in Tijuana eine Spielbank betreibt. Was während der zwanziger Jahre in den Vereinigten Staaten strafbar ist und verfolgt wird, störte in Mexiko niemanden.

Nach dem japanischen Überfall auf den amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Harbour Ende 1941 hält das Oberkommando nach einem sicheren Pazifikhafen für die Navy Ausschau und entscheidet sich schließlich für San Diego. Wenig später wird im Norden dieser Stadt auch das Camp Pendleton eingerichtet, eine Infanteriebasis, deren Soldiers vor zwei Jahren unter den ersten sind, die in Bagdad einrücken. Auf jeden Fall profitiert die lokale Wirtschaft bis heute von der Army - San Diego gehört zu den wohlhabendsten Städten im Süden der USA. Ein geschätzter und begehrter Ort, denn das milde Klima lädt reiche Pensionäre ein, sich in der "Finest City" für immer niederzulassen.

Tijuana hingegen bleibt der arme mexikanische Verwandte San Diegos, was sich allein schon der Tatsache entnehmen lässt, dass vielen Straßen bis heute die Asphaltdecke fehlt, und ganze Wohnsiedlungen bei Regen vom Schlamm eingeschlossen werden. Die ersten beiden Avenidas, die man in den vergangenen Jahren nicht nur gepflastert, sondern auch mit einem breiten Trottoir ausgestattet hat, sind - wen wundert es - die Avenida Revolución und die Coahuila.

Der dort Bier trinkende Tijuana-Besucher Dohan kommt aus dem Militärcamp Pendleton. Er ist über das Wochenende mit einem Freund unterwegs. Eigentlich dürfen die Marines während ihres Urlaubs nicht nach Tijuana, aber wer kriegt das schon mit? In Mexiko sei halt alles so viel billiger - die Steaks, die Tortillas, die Frauen, das Bier. Schon das vierte schäumt vor Dohan, was im Übrigen ein italienischer Name sei. Woher er stamme? Er sei in Florida geboren und nach der Highschool gleich in die Army. Er wusste nicht, was er sonst hätte tun sollen.

Wenn er in Camp Pendleton stationiert sei - könnte es sein, dass er auch im Irak war? "That´s right!" In der Antwort schwingt ein Ton von Achtung mit. Dohan fühlt sich als Held entlarvt, weswegen er stolz und selbstsicher mitteilt: "Yes, we were just there in February 2003. We entered from Kuwait through the oilfields. Straight!" Er war wirklich unter den aller Ersten, die damals, am 9. April 2003, Bagdad erreicht haben.

Mitte vergangenen Jahres kehrt er in die Vereinigten Staaten zurück. Glorreich? "Yes, shooting is my business. And business is good!" Ob er auf viele Iraker geschossen habe? Dohan richtet sich auf und sitzt kerzengerade vor seinem Bier. Unter dem hochgerollten rechten Ärmel wird ein Tatoo sichtbar, eine Kette mit vielen Gliedern. "More than this... for sure."

Verdammt jung sieht Dohan aus. Jahrgang 1984 lässt sich seiner ID-Card entnehmen, die er bereitwillig zeigt. Er lallt ein wenig. Auf die Frage, wie er sich denn im Irak verständigt habe, wenn das notwendig war, werden seine Augen schmaler. Mit einer einfachen Geste macht er klar, wie er sich demnächst wieder - in einigen Monaten - mit den Irakern unterhalten werde. Er hebt sein Pappbecher an und drückt ihn zusammen: "That´s our communication!"

Doan steht auf, um sich ein letztes Bier zu holen. Als er 2003 in den Irak-Krieg zog, war er zum Alkoholeinkauf in den USA noch nicht alt genug. Aber er bekam ein Typ 95 Sturmgewehr in die Hand gedrückt und einen Kommunikationskurs in Bagdad ...

Der Autor lebt seit 2002 in Tijuana. Er war dort zunächst als Zivildienstleistender an Weiterbildungskursen für die Bewohner des Stadtteils El Tecolote beteiligt.


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00:00 25.03.2005

Ausgabe 39/2020

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