Adieu Tristesse

Lille, Kulturhauptstadt Europas 2004 Eine Stadt an der Peripherie rückt ihr Image gerade und in den Mittelpunkt Europas: Die Flandern-Metropole als Zukunftsvision

An sich braucht Lille weder das Ballett Frankfurt noch ein chinesisches Teehaus auf der Grand-Place. Es gibt genug zu sehen, sogar ohne der Welt größte Rubens-Ausstellung, die bis Mitte Juni im Palais des Beaux-Arts für Ausnahmezustand sorgt. In einer Untersuchung des Magazins L´Express vom Mai steht Lille in der Kategorie "Tourismus" an elfter Stelle unter den 100 größten französischen Städten. An neunter bei "kulturelle Einrichtungen" und bei "Wirtschaftskraft" sogar an sechster. Das Problem ist bloß: man glaubt es kaum. Lille ist dem Vorurteil nach eine triste, abgewirtschaftete Industriestadt. 2004 soll sich das endlich ändern. Die Strategie heißt "Kulturhauptstadt Europas". Allons enfants.

Zur Begrüßung flattern überall Fahnen, pink, tomatenrot, apfelgrün. Farbfilter über dem Glasdach tauchen im Bahnhof Lille-Flandres la vie en rose. Die Rue Faidherbe ist mit Lampions und Leuchtreklamen aus Shanghai dekoriert. Lichtblitzschleudernde Riesenpusteblumen säumen die Trottoirs. Nachts ist die Straße ein Farbfeuerwerk. Über der Place du Théâtre hängt, Wurzeln in die Luft, ein Wald, aus dem die Vögel zwitschern. Métamorphoses - Verwandlungen. Martine Aubry, Bürgermeisterin von Lille seit 2001 (und ehemals Arbeitsministerin im Kabinett Jospin), kämpft mit wahrhaft fantastischen Mitteln gegen ein veraltetes schlechtes Image. Ihre Parole heißt: Folies - Wahnsinn im Plural. Damit meint sie Fantasie und Sinnlichkeit, Licht, Farbe und eine neue, verrückte Perspektive auf das Alltägliche. Welches im stürmischen Nordosten klimatisch zu Grau in Grau tendiert.

Prompt regnet es, also gehen wir nach drinnen ins "Olfaktorische Labyrinth" von Parfumdesigner Serge Lutens. Ein Lillois, der in Marokko für Shiseido kreiert. Seiner Heimatstadt überlässt er die Düfte seiner Kindheit. Nasse Trambahnschienen, frische Brötchen, heiße Schokolade, Naphthalin, gemähtes Gras, Flieder. Im Dunkeln wandern wir von einer zur nächsten Geruchsprobe. Man fühlt sich wie ein Kind auf Entdeckungsreise. Genau das soll die Installationsreihe Microfolies: die Sinne wieder für kleine Sensationen öffnen. (Die echten Kinder allerdings stehen völlig gebannt vor den Monitoren bei Game On, der Ausstellung zur Geschichte des Videospiels.) lille2004 versteht sich offensichtlich auch als Bildungsprogramm mit Langzeitwirkung. Zu diesem Behufe hat Aubry zwölf leer stehende Fabrikbauten in der Region renovieren und mit Ateliers und Bühnen ausstatten lassen. Die Maisons Folies sind als eine Art offene Kunstvolkshochschule mit Ausstellungs- und Aufführungsbetrieb konzipiert. Ein Hauptanliegen der Sozialistin ist es nämlich, Kunst für alle zugänglich zu machen. Sie zählt sechs "Problemviertel" in ihrer Stadt - die umliegenden Agglomerationen nicht mitgerechnet -, denen mit Hilfe der Veranstaltungen dieses Jahres der soziale Anschluss an die sehr dünne Mittelschicht erleichtert werden soll. Dass dies Projekten wie den Maisons Folies einen sozialpädagogischen Anstrich gibt, stört nicht. Scheinbar ist das künstlerische Niveau durch das Engagement der beteiligten Künstler gesichert.

Mal sehen. In Moulins trifft sich der Gehörlosenverein zum Hoffest mit den afrikanischen Einwanderern. Es gibt einen kleinen Bazar, ansonsten wird die Kunst des Torschießens geübt. Immerhin spielen die Kinder nicht auf der Straße. Irgendwo muss man anfangen. Nebenan in Wazemmes entschwebt die einstige Textilfabrik Leclercq mit einer waghalsig gewellten, perforierten Metallfassade in ein futuristisches Paralleluniversum. Innen spinnen junge japanische visual artists von Mangas und Plastikhasen. Das einschlägig interessierte Publikum verläuft sich bestimmt zum ersten Mal in den Arbeitervorort. Dessen Bevölkerung uns Fremde von weitem etwas misstrauisch beäugt. Dabei soll Wazemmes längst von einer jungen Bohème unterwandert sein, der niedrigen Mieten wegen. Davon ist zunächst nicht viel zu erspähen. Aber der Wochenmarkt bietet alles von Marrakesch bis Ouagadougou. Von wegen Grau in Grau.

Mitte letzten Jahrhunderts war der Nordosten Frankreichs industrielle Zugmaschine, um dann in eine tiefe Krise zu fallen. Die Textilfabriken, Hochöfen, Kohleminen schlossen eine nach der anderen (1990 die letzte). Zurück blieben Arbeitslose und verlassene Industrieruinen und bescherten der Region eine Renaissance des Images vom französischen Armenhaus aus Emile Zolas Germinal (1885). Bis Ende der neunziger Jahre inspirierte die Region Nord-Pas de Calais bei den Cinéasten gerne pathetisch karge Appelle an die Menschlichkeit (Bruno Dumonts L´Humanité, 1999), mitfühlende Durchhalteparolen (Bertrand Taverniers Ça commence aujourd´hui, 1999) und Fluchtfantasien (Laetitia Massons En avoir (ou pas), 1995). Diese Bilder sind leider hängen geblieben. Und wenn man den neuerdings prächtig prunkenden Kern Lilles verlässt, findet man sie durchaus wieder.

Dreißig U-Bahn-Minuten nördlich, gegen sieben Uhr, sind im Maison Folie in Roubaix die Rollläden schon runtergelassen. Aber in der Eckkneipe rührt sich noch was. Auf dem Podium sitzen sechs exotisch kostümierte Jamaikaner. Nicht, dass sie nicht hierher passten - draußen auf der Straße hielte man sie für Durchschnittsbewohner dieser bunten sozialen Randlage. Die eigentlichen Aliens in der renovierten Wollspinnerei sind wieder wir, das Akademiker-Publikum, das aus dem Zentrum angereist ist, um die Aktivitäten in den depravierten Festival-Satelliten zu besichtigen. Eine Handvoll Mittdreißiger, die den französischen Dolmetscher wahrscheinlich nicht bräuchten, lächeln versonnen über die kraftvollen Bekenntnisse der Musiker. Das eigentliche Ereignis dieses frühen Abends sind nicht sie, sondern die vier Ortsansässigen, die schüchtern und neugierig in den Schankraum schleichen. Zwei windgegerbte Männer, eine dicke Frau mit Baby, für uns drei Gestalten aus einem Ken Loach-Film. Jedenfalls bemühen sie sich, in der eigenen Gastwirtschaft nicht aufzufallen, verfolgen aber aufmerksam aus ihrer Ecke das kulturenübergreifende Künstlergespräch. Draußen an einem der Biertische sitzt ein Bandmitglied, das keine Lust auf Interviews hat oder zuviel Durst, und trinkt, schweigend, mit einem Einheimischen. Irgendwie scheint die Kommunikation gelungen. Und lille2004 hat dafür gesorgt, dass zumindest Teile der Bourgeoisie ihre Kulturtempel mal verlassen.

Tags drauf fallen dann wirklich alle Klassenschranken. Jeanne Maillotte, die neue Riesin von Lille, wird getauft. Tout Lille ist auf der Straße, einschließlich der hiesigen Jeunesse dorée. Die Géants, die Riesen, sind die Schutzpatrone der flandrischen Städte. Es gibt schon über 700 von den vier bis elf Meter großen Schilfpuppen und sie vermehren sich ständig. Wie es aussieht, hat die moderne urbane Bevölkerung ein lebhaftes Interesse daran, dass das so weiter geht. Begleitet von Akkordeonmusik, angeführt von Jeannes Riesen-Paten Andréa und Grin´Batiche tanzt die karnevaleske Prozession zur mittelalterlichen Stadtmauer. Ab da wird gesungen und geschunkelt, was das Zeug hält. Natürlich ist die Riesentaufe ins offizielle Kulturprogramm integriert. Lokale Traditionen und Stadtteilerweckungsprojekte haben vielleicht keinen vergleichbar gewaltigen Zustrom wie Rubens (der übrigens auch mal einen Géant entworfen hat). Aber unter dem Motto patrimoine, Kulturerbe, sind sie doch wichtiger Kunst-Dünger für das zarte Pflänzchen Ausstrahlung, das sonst schutzlos dem Gesetz der Aufmerksamkeitskonzentration ausgesetzt ist. In der Wahrnehmung der Welt liegt Lille immer noch am Rand.

Ein klarer Irrtum. Seit ab 1994 der TGV am neuen Bahnhof Lille-Europe hält, erreicht man in weniger als einer Stunde den Pariser Flughafen Roissy-Charles-de-Gaulle, Brüssel in östlicher Richtung in 40 Minuten. Gute anderthalb Stunden nördlich liegt London. Unter diesen Voraussetzungen spricht nichts dagegen, Lille als einen Dreh- und Angelpunkt im europäischen Verkehrsnetz zu bezeichnen.

Lille, ça bouge - anders als Paris, aber eben nicht weit entfernt. Metropolen-Architekt Haussmann hat für Boulevards gesorgt. Es gibt Theater, eine Oper, ein philharmonisches Orchester mit internationalem Ruf und über 20 Kinos. Was fehlt? Es fehlen die Vorzeige-Intellektuellen, aber immerhin beleben 100.000 Studenten die Cafés. Die Küche, von Croissant bis Couscous, hält mit. Die Medien und die hohen Beamten müssen noch kommen. Schon hier sind Hermès und Kenzo, in einer behutsam sanierten Altstadt, die auf ihre Art das Fehlen von Montmartre und Rive Gauche ersetzt. Einen Triumphbogen dagegen hat auch Lille. Und die berühmten französischen Flohmärkte finden hier jeden September ihre Apotheose in der gigantischen Braderie - drei Tage und Nächte lang bringen Ramsch-Händler und Antiquitäten-Jäger den Verkehr zum Erliegen. Falls sie bei der Gelegenheit kein Sightseeing machen, entgeht ihnen eine Zeitreise vom 17. bis ins 21. Jahrhundert. Von Kriegen weitgehend verschont, säumen prächtige Barock- und Jugendstilfassaden das Kopfsteinpflaster des Zentrums. Vieux Lille ist so chic und teuer wie das Quartier Latin. Jenseits der alten Stadtmauer, hinter acht Hektar "grüner Lunge" trumpfen im Viertel Euralille Glas, Beton und Stahl auf. Hier thront ein kupferverblendetes Vier-Sterne-Hotel von Jean Nouvel, Rem Koolhaas baute ein dampferartiges Rieseneinkaufszentrum und "der Skistiefel", Christian de Portzamparcs L-förmiges Crédit Lyonnais-Bürohaus, ist zum neuen Wahrzeichen geworden. Er findet sich übrigens auch in der offiziellen Vignette von lille2004 - als Siebenmeilenstiefel einer hochfliegenden Vision vom jungen Lille. Die erstaunliche Verwandlung von Lille hat lange vor den Métamorphoses begonnen.


00:00 04.06.2004

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