Adler wie Tiger

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Skispringer fristeten jahrelang ein Schattendasein am Rande des medialen Interesses. Das war durchaus gerecht, denn die Monotonie dieses Wettbewerbs ist an Langeweile eigentlich nur durch Bobfahren zu überbieten. Doch nachdem es hierzulande erstens einen Siegertypen gibt (Martin Schmitt), der zweitens einigermaßen sympathisch ist, folgte zum neuen Jahrtausend drittens der Verkauf der Übertragungsrechte an einen Privatsender (RTL). Das hat Folgen. Weil die Erwartung von Siegen die Quote erhöht, muss das an sich harmlose Geschehen nach allen Regeln der Kunst zum Großereignis gedehnt werden. Wer Geld verdienen will, darf nicht zu schnell fertig sein. Ein Sprung dauert zwar weiterhin nur etwa zehn Sekunden. Bei 50 Startern, von denen 30 den zweiten Durchgang erreichen, macht das eine Nettogesamtsprungzeit von maximal zwölfeinhalb Minuten, wenn man das nervöse Brillengefummel und Bindungskontrollieren nicht berücksichtigt. RTL schafft es aber, die Sendezeit auf annähernd vier Stunden anschwellen zu lassen. 75 Minuten dauert allein der sogenannte "Count down", ein der Formel 1 nachempfundenes Verfahren zur Gewinnung von Werbeblöcken zwischen Expertengesprächen, Lageberichten und Prognosen. Günter Jauch ist der erwiesene Fachmann in diesem Metier des unverbindlichen Schwatzens. In Dieter Thoma als herummeniggendem Altaktiven hat er einen verlässlichen Partner gefunden.

Mit laienhaft halbherzigem Betrachten der Sprünge ist jetzt Schluss. Jetzt wird gelernt. Farbige Grafiken verdeutlichen, dass die Anlaufspur steil beginnt und unten flacher wird. Schanzentisch, Neigungswinkel, Juryweite und K-Punkt sind erste Fachtermini, mit denen der Zuschauer sich vertraut machen muss. Später kommen komplexere Themen hinzu: das Verhältnis zwischen Geschwindigkeit und Auftrieb oder die Bedeutung des Materials in Relation zum Können. Ebenfalls hat man sich mit technischen Begriffen wie Vorbau und Bandlänge auseinanderzusetzen und die Frage zu bedenken, ob die gestreckte oder die bananenförmige Sprunghaltung für günstigere aerodynamische Verhältnisse sorgt. Da gehen die Meinungen auseinander. Sicher ist nur, dass man heutzutage "sofort nach vorne gehen muss". Dieter Thoma sagt es so: "Wenn man ein anderes Gefühl entwickelt, kann man den Sprung aggressiver anspringen."

Zum Countdown gehören naturgemäß Jingle und Erkennungsmelodie. Die eigens angefertige Hymne der Schwabenband Pur ist ab sofort im Handel, Dieter Thoma läuft es beim ersten Hören "eiskalt den Rücken runter". Also wie die Jungs sich da reingefühlt haben, das ist "ganz unbeschreiblich, wie sie das beschreiben." Adler sollen fliegen heißt das Werk von Pur, und so geht auch der Refrain. Seltsamerweise ist bei RTL dazu ein pirschender Tiger zu sehen, der auch das Moderatorenpult von Jauch und Thoma verziert. Die letzten mehrfach herausgestoßenen Worte des Liedes lauten: "weit und hoch und frei". Skispringen scheint eine Einübung in existentialistische Exerzitien zu sein.

Martin Schmitt, so ist in den folgenden Minuten zu erfahren, ist ein Mann, der nach oben und immer wieder nach unten will. Er ist wahlweise der Mann auf dem Sprung, das Konzentrationswunder, der Frauenschwarm. Tatsächlich jubeln ihm viele Mädchen im Stadion mit nationalen Winkelementen zu, und es sind nicht nur Kinder, die seine lila Mütze tragen. Martin Schmitt, die zarteste Versuchung, seit es Werbung gibt. Er schafft es sogar, meldet RTL voller Bewunderung, mit dem Medienrummel um seine Person fertig zu werden. Innerhalb der Sendung, die fleißig mitrummelt, schimmert kurz ein irrlichterndes schlechtes Gewissen auf: Martin, bleib sauber! Dass einer schön natürlich bleibt, schätzen "die Medien" sehr, denn dann hält er länger. Dieter Thoma nennt diese Tugend "mit den Füßen auf dem Boden bleiben." Ohne protestantische Ethik kein Kapitalismus. Das ist im Sport wie überall.

Als Neuerung hat RTL vor allem die Synchronisierung von Werbung und Geschehen zu bieten: Einige Springer von untergeordneter Wichtigkeit werden brutal verkleinert an den Rand geräumt, um Platz für Werbung zu schaffen. Auf den verbleibenden Briefmarken ist zwar kaum noch etwas zu sehen und nichts zu hören. Macht aber nichts: "Sie haben nichts verpasst." Erwähnenswert ist auch die Einführung der Formel 1 erprobten "subjektiven Kamera", die, auf einem Ski montiert, die Springer-Perspektive sichtbar macht. Fast völlig verschwunden ist dagegen die Anzeige der aktuellen Windgeschwindigkeit und Windrichtung, die früher, bei öffentlich-rechtlichen Übertragungen, die dominierende Rolle spielte. Alles Können, aller Fleiß konnte damals sekundeschnell zunichte sein, wenn ein kleiner roter Pfeil ungünstige Verhältnisse signalisierte. Davon ist nun keine Rede mehr. Nun gilt allein der subjektive Faktor. Leistung soll sich wieder lohnen.

Ein paar Sprünge später ist alles vorbei, nur die Sendung nicht. Jetzt beginnt der Abschnitt Analyse mit den Rubriken Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten. Woran hat's gelegen, Martin? Was ist zur errechneten durchschnittlichen Flughöhe zu sagen, zu der wir auch eine kleine Grafik ausgearbeitet haben? Wo liegen die Fehler? Am besten, man schaut sich jetzt nochmal alles in Ruhe an. Der Bundestrainer hat ganz sicher auch eine Meinung dazu. Man könnte aber auch abschalten.

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 41/2021

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