Adler zu Spatzen

Sportplatz Kolumne

Einer mag nicht mehr springen. Der Andere ist ratlos. Jetzt legt auch er eine Wettkampfpause ein. Die Übrigen springen hinterher. Kurz vor der 53. Vierschanzentournee mit dem Auftaktspringen in Oberstdorf am 29. Dezember sind unsere einst stolzen "Adler" zu angeschlagenen und flügellahmen Spatzen geworden. Die Rede ist von den einstigen Lieblingen, den Sunnyboys des Skispringens: Sven Hannawald und Martin Schmitt. Beide Geschichten werfen ein neues Licht auf die Sportart. Zwischen halsbrecherischer Athletik und großem Winterspektakel scheint es bei den Aktiven mit der Leichtigkeit des Seins vorbei zu sein.

Sven Hannawald leidet an Burn-Out und vertraute dem Stern an: "Ich wollte dauernd weglaufen, egal wo ich war. Das waren regelrechte Panikattacken." Auf der Hannawaldschen Website steht die lapidare Meldung: "Die Regenerations-Phase von Sven Hannawald dauert wohl etwas länger." Rückkehr ungewiss. Hannawald sagt:" Ich kann mir nicht vorstellen, oben auf der Schanze zu stehen".

Martin Schmitt trat zum Weltcup-Saisonauftakt am 26. November im finnischen Kuusamo an. Am Wochenende darauf in Trondheim/ Norwegen schaffte er, der gerade 40 georden war, nicht einmal mehr die Qualifikation. Jetzt soll eine Pause Kopf und Beine Schmitts lockern.

Kommentiert wird das deutsche Debakel im ZDF von Norbert König und Jens Weißflog. Die verzweifelten Sportjournalisten suchen einen neuen Star im deutschen Team. Am vergangenen Wochenende belegte Georg Späth einmal den dritten und einmal den achten Platz beim Weltcup-Skispringen im tschechischen Harrachov. Ob aber Späth das Zeug zum Star hat, ist ungewiss.

Rückblende: Sven Hannawald, damals heißt er noch nach seiner Mutter, Sven Pöhler, wird 1974 in Erlabrunn, im sächsischen Erzgebirge geboren, Heimatstadt der zehn Jahre älteren Skisprunglegende Jens Weißflog ("der Floh"). Skispringen wird hier täglich "gelebt". Er beginnt mit dem Springen und kommt mit zwölf ins Sportinternat. Die Wende bringt Umbrüche mit sich. Trainer und Lehrer "machen nach drüben". Auch die Eltern Hannawald ziehen in den Westen, ins Schwabenländle. Im Ski-Internat Furtwangen angelangt trifft Hannawald auf Martin Schmitt. Auch Alexander Herr wird hier ausgebildet.

Bilderbuchkarrieren beginnen: Schmitt gewinnt 1998 und 1999 den Gesamtweltcup, 2001 die Goldmedaille im Einzelspringen bei der WM in Lahti. Hannawald schafft eine Fabelleistung des Skisprungs: bei der 50. Vierschanzen-Tournee 2002 gewinnt er alle vier Springen. Hannwald und Schmitt sind ein Glücksfall für die Medien: attraktiv, gewandt, erstklassige Werbeträger, Teenieschwärme. Skispringen wird populär. Wie anders sind diese "Jungs" als der dröge Schnauzbartträger Jens Weißflog, der unbeholfen mit seinem kräftig-derben Sächsisch vor den Kameras stand. Schon der Spitzname "Floh" zeigte, der Mann war ein Leichtgewicht trotz seiner Erfolge, immerhin vier Siege bei der Vierschanzentournee.

Hannawald und Schmitt ergänzten sich als Typen gut. Hier Hannawald, der Sensible, Introvertierte, etwas Geheimnisvolle - dort Schmitt der unkomplizierte Schwarzwälder Naturbursche; hier Ostbiographie, dort Westhintergrund. Vertreter der beiden deutschen Skisprunghochburgen: Erzgebirge und Schwarzwald. In der Hochzeit der "Hanni-Mania" beschäftigte die Nation besonders die Frage: Warum hat der Junge keine Freundin?

Ironie des Schicksals: Beide stürzen jetzt wohl endgültig ab. Einer auf der Schanze (Schmitt) der Andere schon vorher. Skispringen birgt ein enormes "Verschleißpotential". Sekundenbruchteile, Windböen, nervliche Anspannung, Nuancen der Materialauswahl entscheiden mit über Sieg oder Sturzflug. Aus einst beschaulichen Veranstaltungen ist ein gewaltiger Zirkus geworden. Dieses Jahr heißt die Vierschanzentournee: "53. Vodafone Vierschanzentournee" - der Titelsponsor setzt Maßstäbe. Es bleibt zweifelhaft, ob dieses Sponsoring Früchte trägt. Wintersport hatte es schon immer schwer in der Zuschauergunst. Ein neuer Stern fehlt bei den deutschen Springern. Der neue Teamtrainer, Peter Rohwein, sagt über die von den Schanzen gewehten Talente: "von 18 oder 20 talentierten Leuten blieb nur einer übrig, Maximilian Mechler". Und auch Mechler springt derzeit hinterher.

Was bleibt für Hannawald und Schmitt? Im Herbst der medialen Superlative des ZDF: die größten Deutschen- das große Lesen- die besten Sportler - platzierte sich Hannawald bei den Top-100 der beliebtesten Sportler auf Platz 18, noch vor Kati Witt, und war damit der am besten platzierte Wintersportler. Martin Schmitt wurde 77. Jens Weißflog 36. Auch unter den "Größten Deutschen" hat Hannawald Platz gefunden: Nummer 79 nämlich. Hier wird er von zwei Damen eingerahmt, die wahrlich auch so manches Tal durchschreiten mussten: Romy Schneider (78.) und Kaiserin Elisabeth, Sissi, als 80. So bringt wenigstens das Fernsehen Ruhe und Ordnung in die ungeordnete und so schwer verständliche Welt!

Und Jens Weißflog? Um ihn müssen wir uns keine Sorgen machen. Kommentator beim ZDF, Hotelier mit Frau Nicola des "Apartmenthotel Oberwiesenthal" - Motto: "abspringen, ausspannen, aktiv sein", und heimatverbunden ist er geblieben. Weißflog produziert CDs mit Liedern aus dem Erzgebirge.


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00:00 17.12.2004

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