Adlerhorst der Adlersöhne

Albanien Spätestens in zehn Jahren will das Land in der Europäischen Union sein

Baustellen, die wie Ruinen aussehen, und Bauruinen, die wie Baustellen wirken; chaotischer Verkehr mit allem, was Benzin frisst, und riesige Müllberge einer importierten Konsumwelt - der Himmel muss nicht wintergrau sein und niedrig hängen und nur einen schweflig gelben Lichtstrahl durchlassen, um die Vorstädte Tiranas zu dramatisieren. Immer wieder erlebt man die unglaublichsten Szenen: Wie überall im Land der Skipetaren nehmen Menschen und Tiere ihren Weg auf den Schienensträngen eines zusammengebrochenen Eisenbahnsystems, weil überlastete, autowrackgesäumte Straßen gern gemieden werden.

Das Ende eines geregelten Schienenverkehrs geht zurück auf den "Pyramidenskandal", jene skurrile Spekulationsblase, die 1997 Hunderttausende Albaner ruinierte und das Land über Nacht in bürgerkriegsähnliche Zustände stürzte. Der überschäumende Volkszorn zerstörte Bahnhöfe, Banken und Büros und verebbte erst, als die in den Skandal verwickelte Regierung des Präsidenten Sali Berisha verschwand. Mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft, an deren Tropf Albanien noch immer hängt, gelang es den zu Sozialisten mutierten Ex-Kommunisten, das Land zu konsolidieren. Seither sind Schienenstränge neuen Bestimmungen unterworfen. Am Rande Tiranas lässt eine Lehrerin ihre Schulklasse in Zweierreihen auf den Bohlen antreten, und eine Frau zieht ihre Kuh an den Schülern vorbei. Neben den Schienen, auf löchrigem Asphalt, fahren Limousinen mit dem Stern auf der Kühlerhaube, manche haben noch deutsche Kennzeichen, ihnen folgen altersmüde Busse, auf denen Odol-Werbung aus den sechziger Jahren verblasst. Komplettiert wird das Stillleben durch Edeljeeps wie aus einem Mafiafilm und die Schlachtung von Kühen und Schafen direkt am Straßenrand. Blut fließt auf die Piste, dreht sich ein Autoreifen durch die Lache, spritzt eine Fontäne auf den Fußweg und darüber hinweg.

Das Aschgraue vertreiben

Tirana bedeckt auch im Winter ein dichter Staubteppich, der sich bei Nässe in Schlamm verwandelt. Ein feiner Nieselregen fällt, während der Psychologieprofessor Dhori Karaj durch das Zentrum der Kapitale führt. Er spricht leise und sehr artikuliert, in seinem eleganten schwarzen Anzug würde er in keiner Abendgesellschaft auffallen, wohl aber in den einfachen Schenken am Straßenrand. Karaj zeigt auf bunt bemalte Häuser - so versuche der dynamische Bürgermeister Edi Rama, "das Aschgraue" aus der Stadt und den Köpfen der Menschen zu vertreiben. Er selbst bestimme die Farbgebung. Diese Imagekampagne für Tirana, die vom rigorosen Abriss illegaler Bauten im Zentrum begleitet wird, zeigt Wirkung. Dennoch scheint noch nicht entschieden, ob nur Fassadenkosmetik betrieben oder ein Signal zum Aufbruch gegeben wurde - Professor Karaj ist skeptisch.

Wir laufen weiter, vorbei am großen Skanderbeg-Platz mit Oper, Moschee und Nationalmuseum, wo eine Gebäudemalerei prangt wie Enver Hoxha sie liebte. Als vor einiger Zeit Mutter Teresa, die heute wohl berühmteste Albanerin, auf dem Petersplatz in Rom vor einer ergriffenen Menge durch den Papst heilig gesprochen wurde, gab es in Albanien einen gesonderten Feiertag. Ob allerdings die christlichen Wertvorstellungen der Mutter Teresa hier am Platze wären, darf bezweifelt werden, wenn sogar Bürgermeister Edi Rama meint, selbst Jesus hätte den Versuchungen in der Verwaltung dieser Stadt nicht widerstanden.

Es ging immer um alles

Professor Karaj führt in ein Restaurant. Pianomusik, gute Weine, italienische Küche, Kellner, die distanziert und höflich wie Butler bedienen. Nur der Schlamm an unseren Hosen erinnert an verbrauchte Straßen und fehlendes Trottoir draußen vor der Tür. In dieser Gegend der Ismail Qemali reiht sich eine Bar an die andere. Die Besucher sind oft sehr jung, wie überhaupt das Durchschnittsalter in diesem Land mit 26 Jahren für europäische Verhältnisse extrem niedrig ist. Es wird geflirtet, man zeigt Fleisch. Als die Eltern dieser Teenager jung waren, galt schon ein Kuss in der Öffentlichkeit als anstößig. Was bedeutet ein solcher Wertewandel für die Familien? "Es spielen sich manchmal Dramen ab" meint Karaj, "weil viele Eltern das freizügige Leben ihrer Kinder nicht akzeptieren können. In ländlichen Gegenden kommt es sogar zu Morden. Ich kenne drei Fälle - da haben Väter ihre Töchter getötet."

Ein paar Straßen weiter stehen wir wieder am Skanderbeg-Platz. In einer Ecke türmt sich ein Müllberg, in einer anderen leuchtet ein luxuriös eingerichtetes Café hinter Springbrunnen und Palmenhain. Wo das Denkmal von Enver Hoxha war, gähnt das Nichts. Was diese Leere einmal ausfüllen wird - vorerst weiß es niemand.

Die Festung Kruja, 20 Kilometer nördlich von Tirana gelegen, ist der nationale Erinnerungshort der Albaner. Hier formierte der legendäre Skanderbeg Mitte des 15. Jahrhunderts den Widerstand gegen die heran stürmenden osmanischen Truppen. Ismail Kadaré schuf daraus mit seinem Werk Festung einen der großen Kriegsromane, um Menschen wie in einer mythischen Sage als Titanen der Schlacht zu zeigen. Was der Reisende von der Festung Kruja heute sieht, sind die Ablagerungen verschiedener Epochen. Immer noch graben hier Archäologen, die beweisen wollen, dass an dieser Stelle das antike Albanopolis stand.

Als Pranvera Hoxha, die Tochter des 1985 verstorbenen Diktators, Ende der siebziger Jahre begann, die Anlage zu restaurieren und auszubauen, war der Auftrag klar: Die Partei der Arbeit Albaniens (PdA) bekennt sich zur Nationalgeschichte des albanischen Volkes. Der Kampf gegen die Türken und die "Liga von Prizren", die 1878 die Unabhängigkeit ausrief und erfahren musste, wie sie von den europäischen Großmächten noch im gleichen Jahr auf dem "Berliner Kongreß" annulliert wurde, galten als Vorbild unerschütterlicher Selbstbehauptung gegen allerlei "Verräter- und Schurkenstaaten", die nach Lesart der Staatspartei das Land bedrohten.

Ansonsten scheint ein nach 1991 vorherrschender Drang zur Abrechnung mit dem alten Regime verflogen zu sein. Pranvera Hoxha und der Rest ihres Clans leben unbehelligt in Tirana und gehen dort - wie viele aus der einstigen Nomenklatura - ihren Geschäften nach. Der von Pranvera errichtete Museumsneubau beherbergt weiterhin schwülstig-martialische Heldendarstellungen, die Arno Breker gefallen hätten. Schulklassen werden noch immer durch die Säle geschleust, ihre Augen können sich erst wieder erholen, wenn die Aussichtsplattform erreicht ist: Dort ragt an einer Seite steil ein Felsen empor, während die andere den Blick über eine weite Ebene freigibt, bis hin zum Adriatischen Meeresstrand. Es wird verständlich, weshalb die Albaner einen doppelköpfigen Adler auf ihrer Nationalflagge haben, denn wie ein Adlerhorst liegt Kruja in der Mitte eines gewaltigen Felsareals.

Familienbande

Der Bauunternehmer und der Importeur sind die beiden wichtigsten Unternehmer Albaniens. Besnik Nuredini lädt in die mondäne Klasik Bar. Einen albanischen Cognac gibt es nicht, aber eine ansehnliche Galerie aus schottischem, irischem und amerikanischem Whisky winkt herüber. Besnik ruft seinen Sohn Andi zu sich, der das Restaurant betreibt, dann einen zweiten Sohn, der gerade Medizin studiert. Dazwischen erzählt er von seinen Projekten. Eines davon war der Ausbau dieser Bar, die sich in der ehemaligen Residenz von Enver Hoxha befindet (Ismail Qemali, Vila 31/1).

Besnik zählt zu den Familienoberhäuptern Tiranas, die als Männer um die 40 den Fall des Kommunismus erlebten, als Unternehmer ihr Glück suchten und jetzt ihre Söhne und Töchter günstig unterbringen.

Beispielsweise heißt der regionale Radiosender von Vlora Sechs plus Eins, weil der dortige Oligarch sieben Kinder hat, eines von der ersten, sechs von der zweiten Frau. Die Nachkommen betreiben ein kathedralenartiges Einkaufs- und Bürozentrum, in dem sich Restaurants, Banken und Geschäfte befinden.

Einige der reich gewordenen Importeure investieren das Geld in eigene Fabriken. Agron Haxhiraj etwa importierte jahrelang Bier aus Italien und hält jetzt eine eigene Brauerei, die Biera Norga, die im Januar mit 100.000 Hektolitern im Monat die Produktion aufnahm und für 30 der höchst selten gewordenen industriellen Arbeitsplätze sorgte. Wenn der mit seinen schweren Händen bäuerlich wirkende Agron durch seinen Betrieb mit den schwarzen Ledergarnituren und gediegenen Büromöbeln führt, passiert man auch eine Wand mit Uhren, die anzeigen, wie spät es in New York und Tokio ist, in Los Angeles und London, in Sydney und natürlich im heimatlichen Vlora.

Sehnsucht nach dem Westen

Albaniens Blick ging und geht gen Westen. Die 20- bis 30Jährigen träumen von Italien, dem Sehnsuchtsland vieler Albaner. Der Weg in die EU erscheint der einzig gedeckte Wechsel auf die Zukunft, bei der Frage, wann und wie er einzulösen sein wird, schwanken viele zwischen Euphorie (höchstens noch zehn Jahre!) und Resignation (Demokratie in einer Clangesellschaft ist unmöglich!). Wenn man bedenkt, dass noch vor 15 Jahren Privatautos verboten waren, dann hat sich vieles verändert. Nur lebt Albanien heute fast ausschließlich von Importen, greifen mafiotische Familienclans nach der Macht, sind Eruptionen wie 1997 durchaus wiederholbar - mit Konsequenzen bis hin zum Staatszerfall wie in vielen vergleichbar armen Weltgegenden. Das wäre nicht ungewöhnlich für dieses Land der Extreme.


00:00 20.02.2004

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