Adressbücher

A–Z Die Künstlerin Hannah Höch kuratierte ihre Freunde bis zu ihrem Tod im Jahr 1978. Ihr Adressbuch ist ein Kuriosum und Zeitgeschichte. Das Lexikon der Woche
Adressbücher

Foto: Visual 2020 Vision/Plainpicture

A

Adresskartei Auf der Militärakademie lernte ich 1976, Anschriften und Erinnerungen zu Personen, die man als relevant erkannte, festzuhalten und alphabetisch beziehungsweise mit „Reitern“ nach Themen oder Anlässen zu sortieren. So sollte verhindert werden, jemanden zu vergessen, den man im Auge behalten muss. Donald Trumps zweiter Nationaler Sicherheitsberater, Generalleutnant Dr. H. R. McMaster, steht also seit 41 Jahren in meiner Datei. Später professionalisierte ich mein System. Kaum war eine computergestützte Software auf dem Markt, entstand die wahrscheinlich beste digitale Adressdatei, die der nach wie vor erfolgreichen infas Holding AG (vormals Hunzinger Information AG) Millionengewinne bescherte. Ein junger Journalist vom Spiegel besuchte mich seinerzeit und sah sich den eigenen Eintrag an: Gabor Steingart. Unsere Kunden nutzten mein „Adressbuch“ schon früh zum Netzwerken. Noch heute werden wirklich wichtige Angaben in ihm aktualisiert. Rund 75.000 Einträge umfasst es aktuell. In fünf Jahren soll Prof. Michael Ruiss, knapp 20 Jahre jünger als ich und vielleicht Deutschlands bester PR-Mann, die Datei übernehmen.Prof. Dr. phil. h.c. Moritz Hunzinger (59)

Auslese Nur zwei Seiten für das L in dem schmalen schwarzen Lederbuch. Die waren schon gefüllt, wenn sämtliche Familienmitglieder mit Adressen verewigt waren. Bei A oder B war der Platz auch eng. Also musste man auswählen. Flirts? Keine Chance. Beste Freunde, gute oder Fast-Freunde? Wer im Adressbuch (Schublade) war, der blieb auch im Leben lange. Bei X, Y, Z war – seltsam – der meiste Platz, da brauchte man ihn allerdings gar nicht. Es sollte nicht leer aussehen, es kamen Agenturnamen mit hinein.

Damals bildete ich mir ein, mit diesen (für jeden zugänglichen) Kontakten nah dran zu sein an der Berühmtheit, da ich deren „persönlichen“ Agenten ja nun kannte. Man kam aber nie durch. Mit der Zeit wurden die Namen der Freunde im Adressbuch weniger, sie waren im Kopf. Einmal schrieb ein großer französischer Schauspieler seine Nummer mit Tinte herein. Längst verwischt. Maxi Leinkauf

D

Datencrash Früher traf ich Menschen allenfalls zufällig. Früher besaß ich kein Smartphone. Konnte ich Zufallsbegegnungen nicht vermeiden, schwieg ich lieber. Dann aber überkam der digitale Sog auch mich. Bleib erreichbar! Kannst du dich mal melden?! Der schlaue User richtet für seine Adressbücher ein Back-up ein. Für den unwahrscheinlichen, aber doch denkbaren Fall, dass das Smartphone, zum Beispiel, in einen Teich/See/Kanal fällt (➝ Lotterleben).

Ein smarter User bin ich aber nicht. Eines Morgens jedenfalls musste ich feststellen, dass mein Handy für immer verstummt war: Your user partition has crashed. Bestätigung durch den Fachmann: Totaler Datencrash. Sie haben doch ein Back-up? Nein. Dafür darf man sich mich nun als glücklichen Menschen vorstellen. Marlen Hobrack

Dutschkestraße Natürlich haben Adressen Symbolcharakter. Eine Adressenänderung kann da mitunter zu Verwerfungen führen. So dachte sich die taz 2004, zum 25. Todestag die Kochstraße im Berliner Bezirk Kreuzberg nach dem Studierendenführer zu benennen. Immerhin liegt ihr Verlagshaus dort. Das Delikate: Auch das Axel-Springer-Hochhaus ist Anlieger an der Straße. Der Medienkonzern, dessen Zeitungen gegen die Studierendenproteste scharfe publizistische Geschütze auffuhr, musste die geplante Aktion als unangenehmen Stachel empfinden. Er klagte zusammen mit anderen Anwohnern. Die Verfahren zogen sich bis 2008, dann wurde der Namenswechsel schlussendlich vollzogen. Inzwischen hat sich die taz ein neues Haus gebaut, zieht bis Oktober vollständig an eine neue Adresse. Der Springerkonzern bleibt an der ungeliebten Straße hängen.

Da gelang Facebook ein besserer symbolischer Coup. Seine Europa-Dependance sitzt eigentlich in der Adresse Misery Hill (Lotterleben). Nicht so likeable. Facebook bewirkte die Adressänderung in Grand Canal Square 4 – großer Kanalplatz klingt einfach mondäner als Elendshügel. Tobias Prüwer

F

Fake Mal hantieren Betrüger mit falschen Visitenkarten oder einem Fake-Impressum. Gauner verwenden erfundene E-Mail-Adressen, um Glaubwürdigkeit vorzutäuschen. Eine gängige Masche schädigt gleich mehrere Personen. Mit Inseraten werden Leute gesucht, die einen Nebenverdienst suchen. Sie sollen für ein kleines Honorar Post annehmen und weiterversenden. Was sie nicht wissen: Sie leiten Ware an Betrüger weiter, die diese unbezahlt im Internet bestellt haben. Die sind dann nicht mehr auffindbar, der Weiterleiter wird von den geprellten Verkäufern zur Rechenschaft gezogen.

In der Grauzone bewegen sich oft Briefkastenfirmen. Die Verschleierung eines Firmengeflechts kann legal sein, illegitim ist es in vielen Fällen schon. Dient das Fake der Umgehung von Steuerzahlungen, dann ist das illegal. In der jüngeren Vergangenheit erregten zwei Fälle dieser Praxis Aufsehen. Bei den Offshore-Leaks wurden Daten von 130.000 Menschen publik, die Geld in Steueroasen parkten. Mit den Panama Papers flogen 2016 rund 214.000 Briefkastenfirmen auf. Tobias Prüwer

Freundschaft Die Nostalgie, diese immer weiter um sich greifende Verblendung, die den von ihr Befallenen dort, wo andere den Strom der Zeit vorbeifließen sehen, die vorüberziehenden Bruchstücke des Paradieses erkennen lässt, hat auch dazu geführt, dass mitten in Berlin ein Preußenschloss errichtet wurde und angehende „Schriftsteller“ in Kreuzberger Cafés ihre Ideen und Kontakte wieder in kleine Bücher der Marke Moleskine eintragen. Um diesen Anachronismus noch verwirrender zu gestalten, wartet die Firma trotz Gründung im Jahre 1997 mit der Fama auf, schon Hemingway habe genau in diese Hefte geschrieben. Die besorgten Eltern jubeln, wissen sie doch von Manfred Spitzer, dass digitale Geräte dumm machen. Ach, hätten sie alle doch nur 1995 einmal genauer hingehört, als Tocotronic erklärten: „In einer Freundschaft wie dieser gibt es kein zurück. Digital ist besser.“ Tilman Ezra Mühlenberg

H

Höch, Hannah Namen, Orte, Beziehungen, emsig gesammelt und dann durchgestrichen, wenn sie wechselten. Das Adressbuch der Dada-Künstlerin Hannah Höch ist mehr Lebenszeugnis als nutzdienlich. Es ist auch das Porträt einer Künstlerszene zwischen 1920 und 1970, und der Zeit, in der sie sich bewegte. Höch hinterlässt in ihrem collagenartigen Buch einen Haufen Spuren und Erinnerungen, die nun veröffentlicht wurden (Hannah Höch: Mir die Welt geweitet. Das Adressbuch, Hg. von Harald Neckelmann, Transit). Das Register fängt mit A an wie Hans Arp, inniger Freund und Avantgarde-Künstler: „In Hans Arp sehe ich den musischsten und damit wunderbarsten Menschen ...“ Einem Paar aus einer Galerie, in der sie verkehrte, sei hingegen nicht zu trauen. Eine Visitenkarte wird abgeschrieben und trotzdem aufgehoben, sowie Notizzettel und Handschriften von illustren Gästen, Freunden, Bekannten. Diese Miniaturen zeigen auch, wie bewusst Höch ihr Netzwerk aufbaute. Maxi Leinkauf

L

Lotterleben Sie glauben es nicht, meine Damen und Herren, aber was eine Scheidung so ausmachen kann! Ein Bekannter von mir ist in seinen goldenen Vierzigern, und damit dem untreuen Chefarzt eine Dekade voraus. Alles ließ er hinter sich, nur die Unterhaltszahlungen erinnern ihn an sein früheres Leben. Ich glaube, es war ein Sänger, der verlautbarte, seine Ex-Frau habe immer in seinem Adressbuch die Nummern vermeintlicher Geliebter so geändert, dass die Telefonnummern nicht mehr stimmten (Trojaner).

Die Digitalisierung ändert aber nur die Form, nicht die Art menschlichen Handelns. Und so ist besagter Bekannter immer damit beschäftigt, den smartesten Weg zu finden, verdeckt zu agieren. Hidden Apps, Pseudonyme, billige Zweithandys. Der Terminkalender wird von seinem begehrten Geschlecht dominiert, der Organisationsaufwand paralleler Beziehungspflege könnte eine Vollzeitstelle füllen. Wenn ich ihn auf der Straße treffe, raunt er mir gern verschwörerisch zu: Sie wollen halt alle ankommen, und ich habe doch ein großes Herz – ich muss dann dringend los. Jan C. Behmann

P

Post Meine Großeltern betrieben die Post in Weidenbach in der Vulkaneifel. Wie genau das ging, weiß ich nicht, die Post war ja staatlich. Als junges Mädchen trug meine Mutter die Post aus und erzählt noch heute, wie sie aufgehalten wurde, wenn Familie T. mal Post bekam. Die Ts wären arm gewesen, großherzige Leute. Sie ging gern hin. Und wenn die Weidenbacher Jungs sie mal wieder necken wollten, durfte sie zum Küchenfenster hinausklettern. Sie heiratete jung und zog dann nach Pantenburg, das Dorf hatte da noch die Postleitzahl 5562. Katharina Schmitz

S

Schublade Oben links in der Kommode liegt sie, die Sammlung ausgedienter Adressbücher. In kunstgewerblichem Stil mit Leder- oder Stoffeinband waren sie lange Zeit ein kleines, beliebtes Geschenk von Freunden oder eigenes Mitbringsel aus Urlaubsorten. Das älteste in der Sammlung (Zettel) stammt aus meiner Studentenzeit mit Adressen, die ich entweder mit Wehmut lese oder gar nicht mehr einordnen kann. Bekam man so ein Geschenk, gab es zwei Optionen: Entweder man trug ergeben die Adressen aus der alten Version in das neue Buch ein, oder man legte die Gabe in die Schublade zu den anderen und hoffte, dass sie dort vergessen blieb bis zum nächsten Exemplar. Magda Geisler

T

Trojaner Das Trojanische Pferd steht ikonografisch für Internetbetrug. Dabei ist das heimliche Einschleusen von ungewollten Funktionen durch ein Tarnprogramm nur eine Form der Malware.

Über einen Trojaner funktioniert auch das sogenannte Phishing. Nur wird hier kein Programm auf den Rechner gespielt: Das harmlose Pferdchen ist eine Seite, die einer vertrauenswürdigen Website täuschend echt nachgebildet ist. So fordert eine E-Mail den Nutzer etwa dazu auf, seine Bankdaten zu überprüfen. Der mitgelieferte Link beinhaltet aber eine falsche Adresse. Gibt der unbesorgte User seine Daten ein und bestätigt diese mit seiner PIN und/oder TAN, greifen die Betrüger diese ab. Sie verwenden sie dann, um vom echten Konto Geld zu überweisen. Am besten schützt man sich dagegen mit Aufmerksamkeit. Banken und andere Institutionen fordern niemals per E-Mail zur Datenherausgabe auf. Neu ist Phishing übrigens nicht, die digitale Technik macht die Methode nur einfacher. Genau genommen ist auch der fiese Enkeltrick (➝ Post) nichts anderes. Tobias Prüwer

Z

Zettel Es gibt unzählbar viele Zettel und Stifte auf der Welt, aber immer wenn man einen braucht, ist keiner da. Hat man sich also schnell mal Stift und Zettel erschnorrt, wird die Adresse draufgekritzelt. Auf Zettel wird immer hastig notiert. Dann wird er in die Tasche gestopft. Wo er verloren geht. Wie alle anderen Zettel. Man braucht ihn auch nicht, weil man sowieso niemals vorhatte, jemals zu erscheinen oder anzurufen. Nach Jahren taucht er wieder auf, man denkt an die Begegnung zurück. Sie hat wirklich stattgefunden. Der Zettel beweist es. Es war wahr, es war kein Traum. Ruth Herzberg

06:00 08.12.2018
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare