Advent, Advent

Berliner Abende "Wo arbeiten Sie jetzt eigentlich?" - "In der Friedrichstraße, knapp vorm Halleschen Tor. Da, wo der Westen aussieht wie der Osten, falls man ihn ...

"Wo arbeiten Sie jetzt eigentlich?" - "In der Friedrichstraße, knapp vorm Halleschen Tor. Da, wo der Westen aussieht wie der Osten, falls man ihn sich so vorstellt. Vorausgesetzt, Sie kommen aus Richtung Osten, wo es wie im Westen aussieht". Mit diesem Hinweis beschenkt, haben sich noch alle Besucher in meine Redaktion gefunden. Denn die Beschreibung beweist, dass in Berlin zum Glück alles anders ist, als wir denken und mancher es sich wünscht.

Ein Gang durch die Friedrichstraße gehört dazu. Wenn ich nach Feierabend Richtung Bahnhof spaziere, kann ich schon von weitem die weihnachtlichen Lichterketten in das westliche Dunkel leuchten sehen. Die christlichen Symbole beginnen exakt am Checkpoint-Charlie ihre besinnliche Wirkung buchstäblich auszustrahlen. Da, wo der Sowjetsoldat uns heimleuchtet und ein Schild mitteilt: You are leaving the american sector. Wo an Mauer- und Schützenstraße kaukasische Händler tellerminenförmige Militärmützen aus der UdSSR verhökern. Gerade noch im Westen, braust der frontstädtische Autoverkehr wie zu Mauerzeiten durch die Kochstraße. Dreißig Jahre erzwungen, heute freiwillig durch Gewohnheitszwang. Auch die Straßenverkehrsordnung lebt die Teilung. Im Osten ist die Friedrichstraße Hauptstraße, im Westen nicht. Was aus Puttkamer-, oder Hedemannstraße von rechts heranschleicht, hat Vorfahrt. Nette Überraschung für Fremde, von denen sich jedoch kaum jemand in den Friedrichstraßenblinddarm westlich des Check Point verirrt.

An der Ecke Leipziger hängen die Lichter besonders einladend überm Asphalt. Sie sagen dem, der es noch nicht bemerkt hat: Hier beginnt die echte Friedrichstraße. Für den, der vielleicht erstmals gruselnd in die PDS-Hochburg gelangt, kommt schnell Entwarnung. Manierlich laden Bäckerei Linde, ein Weindepot und Schlotzkys Deli den Gast ein. Die alte Deutrans-Leuchtreklame aus DDR-Zeiten schweigt dunkel, wie es sich gehört. An den U-Bahnhöfen Stadtmitte und Französische Straße stehen hübsch geschmückte Weihnachtsbäume. An den Schaufenstern von credit suisse hängen bunte Adventskränze. Zwei weiße Engel mit Goldflügeln schweben vorbei am verwaisten Autohaus, auf dessen verhängten Schaufenstern die Firma Halter für Sprengung, Abbruch und Kampfmittel wirbt. Das kann den Weihnachtsmann vor dem Kaufhaus Lafayette nicht hindern, jedem willigen Passanten eine rote Christbaumkugel mit der Aufschrift "Desirer" zu überreichen. Hoffentlich wird sie in meiner Manteltasche nicht kaputt gehen.

Die ganze Straße ist aufs hellste erleuchtet und aufs vollste bebaut. Gleicht sie wirklich einem Mausoleum, wie sie der Schauspieler Dieter Mann neulich bezeichnete? Eigentlich wirkt ihr Licht in dunkler Jahreszeit inspirierend und macht vergessen, dass ein Kolumnist der Woche dieser Tage bemerkte, die Ostler würden die Westler auch noch darum beneiden, dass die Sonne bei ihnen unterginge. Ein merkwürdiger Vorwurf. Der des Ostens und seiner Population recht unkundige Autor, der wohl nur ein wenig Zonizanken wollte, unterschätzt die Erfahrung seiner fremden Landsleute mit Untergängen. Vielleicht hat ihm die erwähnte Sonne lediglich ein bisschen zu intensiv auf die Birne geschienen, bevor sie im Abendland unterging. Wusste man doch schon zu DDR-Zeiten: Ex oriente lux, ex okzidente luxus.

In Berlin geschehen immer wieder wundersame Anverwandlungen. So hieß es unlängst, Nazis wollten durch "das jüdische Viertel" marschieren. Was da in folkloristischer Semantik - warum nicht gleich Schtetl? - gemeint war, bezog sich auf das Scheunenviertel, das aber zwei Kilometer östlich liegt und

in das nach dem Ersten Weltkrieg zahlreiche orthodoxe Juden aus Osteuropa zogen. Trotzdem war es nur ein Viertel vom Ganzen. Denn die 170.000 jüdischen Berliner lebten vor ihrer Vertreibung und Ermordung wie alle anderen Hauptstädter in Charlottenburg oder Pankow, Schöneberg oder Friedrichshain, je nach Geldbeutel. Nett ist auch der neue Begriff Alte Nationalgalerie, der einzig und allein deshalb erfunden wurde, weil es seit rund 20 Jahren im einstigen Westberlin eine Neue Nationalgalerie gibt. Die sogenannte Alte Nationalgalerie hieß seit fast 150 Jahren Nationagalerie, bis diejenigen, die in der Stadt das Sagen haben, das schöne, gerade wiedereröffnete Museum umetikettierten. Was soll´s. Berliner haben auch das schöne Wort Prenzelberg überstanden.

Vor dem Autohaus Unter den Linden steht der nächste hübsche Engel und lädt zu einem Besuch des Weihnachtsmarktes im Glanz von Bugattis und anderer Nobelschlitten ein. Und den Menschen ein Wohlgefallen. Im Kellergeschoss der Nordsüdbahn schreit gellend eine Frau: "Schnauze, ihr Ekel!" Ein Bahnbediensteter schafft sie sanft in den Fahrstuhl. "Sie sind intelligent, mit Ihnen kann man reden", sagt die besoffene Heorine versöhnlich, bevor sie grölend ans Licht fährt, wo ein Bläserchor das schöne Lied Oh Tannebaum intoniert.

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00:00 14.12.2001

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