Adventsgemetzel

Berliner Abende Kolumne

Ich feiere den Advent wie jedes Jahr - mit guten Freunden. In diesem Fall sind das Gordon, genannt "Heidi", weil er wie ich aus der Lüneburger Heide stammt, und Dirk, genannt "Mulle", nach seiner Lieblingsbestellung in der Stammkneipe. Wir treffen uns in jedem Jahr, um für ein paar fröhliche Stunden dem Weihnachtstrubel zu entkommen. Das braucht man auch, denn Berlin gleicht um die Zeit einem Krisengebiet, das nicht mal Antonia Radost betreten würde.

Heidi hat DVDs dabei, und wir schwanken noch, ob wir uns den Klassiker "Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf!" oder doch lieber "Cannibal Apokalypse" anschauen. Meinen persönlichen Lieblingsfilm. Aus einer Zeit, als Horrorfilme noch Horrorfilme waren. Dirk hat Kekse mitgebracht. Neben Killerspielen ist das Kekse-Backen Dirks heimliche Leidenschaft, und keiner bekommt die Johannisbeer-Sterntaler so gut hin wie er. Auch wenn auf seinem T-Shirt "Megadeath" steht, die Knuspertaler sind einfach nur mega-lecker.

Ausgerechnet jetzt klingelt es an der Tür. Draußen stehen vier Sternsänger mit selbstgebasteltem Kopfschmuck aus Goldpapier. Wir hören uns das Gesinge geduldig an und beschenken sie dann mit Dirks Keksen und kleinen Zahnpasta-Proben. Eines der Kleinen meint frech, das soll wohl ein Witz sein, ob wir nicht Bargeld im Haus hätten. Ich entgegne sachlich, dass Ungezogenheit kein Ersatz für Attraktivität sei, und dass Karies-Prophylaxe sehr wichtig ist. Die Kinder zeigen mir den Stinkefinger und treten mir gegen das Schienbein.

Die Kannibalenapokalypse wird erst mal beiseite gelegt, wir brauchen jetzt etwas Härteres. Also "Sado". Gerade wird dort einer einsamen Tramperin, die dummerweise ins falsche Auto zu unserem Serienkiller steigt, ein Fingernagel nach dem anderen herausgerissen, als es erneut an der Tür klingelt. Es ist die Dorit von über uns, die wieder mal von ihrem Mann verprügelt wurde. Der Gatte ist Finanzbeamter und hat im Leben kein Killerspiel gespielt, er spielt lieber direkt an seiner Frau, die nun von uns mit Wärmflasche, Dirks Keksen (die uns langsam ausgehen) und tröstenden Worten ins Bett gepackt wird. Von Horrorfilmen hält sie nichts, die sind ihr viel zu brutal und lassen einen abstumpfen, wie sie sagt. Sie will nur schlafen und morgen dann wieder hochgehen. Sie liebt ihn doch, ihren Herrmann, und er hat auch versprochen, das nie wieder zu tun.

Weiter geht es mit "Sado", wo jetzt die irre Haushälterin eine füllige Frauenleiche mit dem Beil zerteilt und in Salzsäure auflöst, bevor sie lustvoll ihren selbstgemachten Eintopf mampft. Dirk fällt dazu ein, er habe übrigens einen neuen Eintopf mit Wintergemüse ausprobiert, den macht er nächste Woche mal für uns. Herrlich!

Von der Straße sind Schüsse zu hören. Draußen steht ein Sechzehnjähriger in Tarnklamotten und schießt mit einer automatischen Waffe auf die Nachbarn. Diese Unterschicht kann einem aber auch die ganze Adventsfeier kaputt machen. Herr und Frau Melzer von gegenüber liegen bereits regungslos am Boden, ihr Töchterlein entkommt durch einen klemmenden Abzug. Die Knarre hat er wohl im Netz ersteigert, das nennt man Sparen an der falschen Stelle.

Wir rufen die Polizei, lassen die Jalousien herunter und wenden uns wieder dem Fernseher zu, wo der Film gestoppt wurde und gerade eine Infotainment-Show zum Thema Killerspiele läuft, in der "Experten" wie Susanne Fröhlich (mit der Bauchbinde "Schriftstellerin" versehen, was uns zu herzhaften Lachsalven hinreißt) und der putzige Herr Beckstein sich darüber streiten, wer von beiden weniger Gehirnzellen besitzt. Das ist einfach zu viel für unsere schwachen Nerven.

Zurück zu "Sado". Eine Touristin hat sich beim Joggen den Fuß verstaucht und ist hilfesuchend im Haus des mordenden Protagonisten gelandet, wo sie nun in den großen Verbrennungsofen geschoben wird. Die Tricks sind lächerlich, aber so schön nostalgisch.

Von draußen sind Sirenen zu hören, und die Polizisten durchsieben den jugendlichen Attentäter, als wäre er eine Passagiermaschine in Mogadischu. Wäre er nur aufs Dach geklettert und hätte um ein Tässchen Tee gebeten, oder wenigstens wochenlang ein Mädel vergewaltigt. Weiß doch jeder, dass die Exekutive da weihnachtliche Milde walten lässt. Jetzt liegt er da, die arme Schnecke. Löcher im Bauch, und keine Zukunft mehr als Hartz IV-Empfänger. Der Glückliche.

Bei "Sado" erwacht eine Tote kreischend zum Leben. Der Abspann läuft, Dorit schnarcht. Betroffen schauen wir uns an, und eine Frage steht wie ein unsichtbarer Elefant im Raum, die uns alle sehr nachdenklich macht. - Warum? Warum schmecken diese Kekse so verdammt gut? Dirk lächelt und verrät uns sein Geheimrezept. Es sind die Horrorfilme. Ohne die wäre er niemals so entspannt in der Küche. Wir wissen, was er meint. Uns geht´s gut, fröhliche Weihnachten!


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00:00 15.12.2006

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